Sie kotzt und sie schreit und sie kratzt sich gerne den Nagellack von den Nägeln, ein Finger für jeden Tag Warten, unter der Dusche, am Küchentisch und vor dem Fenster, wartend und wartend und wartend.

Ihre Haare kämmt sie nicht, ihre Wimpern tuscht sie nicht, ihre Beine funktionieren nicht, richtig, nicht, gar nicht. Sie steht da und sie starrt und sie steht da und sie lächelt ein Lächeln der Blöden, der Irren, derjenigen, die nie Zähne zeigen, im Leben nicht.

Sie krümmt sich, sie isst nicht, sie denkt nur in Schleifen, in Kitsch und in Trümmern, sie denkt in flackernden Lichtern und in dieser grauenhaften Prosa, in Kaffeesatz und Horoskopvorschauen.

Sie zensiert, sie kontrolliert, sie stolpert im Geheimen, fällt vor allen, sie hält sich nicht fest und sie erinnert sich an alles, an alle, an jeden, an jeden Moment, an alles, alles, alles, an nichts, was gut war, an alles, was wehtat, an jeden Tropfen, an keine Heizung, an jeden Kampf, an jeden Verlust, Wände voller Notizen, Nächte mit ihrem Gesicht, die ihren Namen trugen, immer nur ihren Namen.

Sie würgt und sie drängt, sie will und sie kämpft, sie verliert und sie sticht, sie flüstert, sie schubst, sie sagt: Spring! Den Rest mache ich.

 

Du musst nichts mehr, als das:

Lieben, bis es nicht allzu schlimm wird. Aufhören, wenn es am schlimmsten ist. Du musst einfach gehen und dich nicht umschauen, denn ein Körper aus Stein, der läuft nicht gut, der rennt nicht gut, der macht zu viel Lärm, wenn er hinfällt. Du musst nur weitergehen, den Schmerz ignorieren, laufen und atmen, das ist alles.

Du musst nur denken und die Schleifen vermeiden, du musst sortieren, einordnen, klüger sein, am klügsten sein, dein eigener Superlativ werden, dann funktioniert das Denken besser, dann fallen die unwichtigen Details einfach auf den Gehweg hinter dir.

Du musst nur:

arbeiten, lieben, atmen, kämpfen, schlafen, essen, ausscheiden, reden, arbeiten, arbeiten, arbeiten, an dir arbeiten und:

Denk nicht zu viel an die anderen, die sind das Ganze, du bist ein Teil. Du bist gut. Du musst länger arbeiten, länger denken, länger lieben, länger stehen, länger wachbleiben, länger schlafen, länger wegfahren, länger nachgeben, länger lachen, länger zugeben, länger sympathisch sein, länger durchhalten, als alle anderen.

Du musst (dich):

Gesünder ernähren, mehr Wasser trinken, mehr lesen, mehr ins Theater gehen, mehr ins Museum gehen, mehr zuhören, mehr sagen, mehr Bilder betrachten, mehr Bilder malen, mehr Filme sehen, mehr wollen, mehr wissen, mehr dürfen, mehr herausnehmen, mehr die richtigen Menschen lieben und mehr die falschen vergessen, du musst vergessen und nicht mehr daran denken und du darfst dich nicht umdrehen, das musst du vergessen, du darfst nur weiterkommen und weitergehen und weiterreden, aber du musst dabei gut aussehen und das Lächeln nicht vergessen und du musst tanzen, wenn die anderen stehen und du musst schreien, wenn die anderen schweigen und du musst der einzige sein, der einzige unter allen, das musst du und das musst du können und wollen musst du auch.

Du musst um acht Uhr aufstehen und du musst Kohlenhydrate vermeiden und du musst dich schminken und rasieren und du musst gerade Zähne haben und wache Augen und lange Haare und schöne Finger und du musst in die richtigen Geschäfte gehen und du musst auf den richtigen Festen sein und du musst die Richtigen kennen und du musst das Richtige sagen und du musst dabei lächeln, deine Zähne zeigen, lächle einfach, lächle, bis es weh tut, du musst den Schmerz ertragen, du musst darüber hinwegkommen, du musst fein sein und robust und du musst zum Mittag Sushi essen und in dieses Restaurant an der Ecke Schanzenstraße/Schulterblatt und du musst das doch kennen und dich auskennen, du musst doch brennen, aber nicht zu sehr, deine Asche will hier niemand.

Du musst stark bleiben, du musst tatkräftig sein, du musst das mit der Steuer verstehen und das mit der Versicherung, du musst Freunde haben und Geschlechtspartner, du musst eine Beziehung haben und einen Freundeskreis, du musst ein Hobby haben und es pflegen, du musst die richtigen Sendungen sehen und einen Twitter-Account haben, du musst tausend Follower haben, du musst abonniert werden, du musst kluge Dinge sagen und immer noch ein bisschen wütender sein und du musst das mit dem Glitzer lassen und das mit den Pferden und du darfst dich nicht „Frau“ nennen, denn „alle sind jetzt gleich“ und du musst begreifen, dass du es als Frau schwer hast, dass du es als Mann schwer hast, dass du es als Kind schwer hast, dass du es als Mensch schwer hast und dass du das alles schwer hasst.

Du musst Bio-Produkte kaufen und die richtigen Zeitungen lesen, du darfst nicht zu wütend sein und du musst bitte diese Sendung ansehen, du musst tanzen und bersten und pünktlich sein, du musst alles unter Kontrolle haben, du musst da sein, aber nicht zu sehr, sowas von da wäre schon zu viel, du musst dich vernetzen, du musst Fragen stellen, du musst etwas bezahlen und den Rest auch, du musst dich verletzten, du musst bluten, du musst hart im Nehmen sein und weich im Geben und du musst alles sein, allles alles alles, nur nicht du selbst.

Am Dienstag setzte ich mich in einen Zug nach Erlangen. Die Kälte, die aus der Klimaanlage kam, schüttelte mir die Beine und die Arme und ich sah aus dem Fenster den Schnee kommen und als ich Erlangen erreichte nach fünf Stunden, da war er schon da und wartete auf mich. Ich lief in das Hotel, das man mir gebucht hatte, einmal quer durch Erlangen, müde und mit Kopfweh lief ich durch die engsten Gassen, die ich seit Siena gesehen hatte und wunderte mich über die Größe eines Landes, in dem ich “zuhause” bin und das doch so oft fremd ist, wenn man nur einmal 300 Kliometer vom Norden in den Süden fährt und mit jedem Kilometer verändert sich die Landschaft, die Häuser, die Architektur, ja, selbst der Geruch.

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Nach dreißig Minuten erreichte ich das Hotel und fand gerade einmal genug Zeit, um noch eilig Kopfschmerzentabletten einzupacken, die Brille aufzusetzen, die ich eigentlich dringend benötige, jedoch immer vergesse oder zu hässlich finde oder die mir desöfteren verloren gewesen zu schien.

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Die Gedanken, die mir vor einem solchen Auftritt, vor einer solchen Lesung durch den Kopf fallen, sind häufig solche panischer Natur und ich zitterte, als ich durch die Tür des “E-Werk”s ging, an dessen Pforte ich mir selber ins Gesicht sah und mich erinnert fühlte an den Moment des Entstehens dieses Bildes, ein dunkler Moment in einem dunklen Monat voller Tränen und ich traf die Veranstalterin und eine sehr freundliche Dame, die den Büchertisch betreute und ich las zwei Stunden und fühlte mich bisweilen elend, weil das Kopfweh mir zusetzte und ja, noch viel mehr das Gelesene, bei dem es mir immer schwerer fällt, es vorzutragen. Da laufen Gedankenfilme, deren Licht mich blendet, da sitze ich im Kopf im Kino und sehe mir selber beim Fallen zu und ich weiß schon jetzt, dass es mir bei jedem Text so gehen wird, weil ich keine Bücher mit Happy End schreibe, weil bei mir alle immer ein bisschen kaputt und ein bisschen wütend und sehr, sehr traurig sind.

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Zurück im Hotel packte ich schon einmal meine Sachen, denn am nächsten Morgen blieb dafür kaum Zeit und ich trank Kamillentee und kein Bier, ich trank Halsschmerzsaft und nahm eine Schlaftablette und ich ärgerte mich über mich, denn das Reisen setzt mir zu, macht mich müde und krank und dabei mag ich es, in fremden Betten zu schlafen in großen Hotels, ich mag das Gefühl, heimatlos zu sein, ganz offiziell, aber all das eben nur in homöopathischen Dosierungen und ich schlief ein mit den Gedanken an “zuhause” und daran, dass ich jetzt all das erlebte, das ich mir immer gewünscht hatte und wie traurig ich über mich war, dass ich es nicht genoss, dass ich es mir verwehrte und dass die alte Angst mich noch immer küsste, als seien wir das Liebespaar, das wir nie waren.

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Ich fuhr mit dem Zug weiter in den Süden, durch endlose Schneetäler und Eisberge und ich genoss die Fahrt, als hätte ich nie Angst in Zügen gehabt, als hätte ich nie heimlich Beruhigungsmedikation gefressen, während ich schweißgebadet auf meinem Sitz saß.

In München lag Schnee, so hoch, dass ich beinahe darin versank und ein Taxi-Fahrer blaffte mich an, so eine kurze Strecke, die könne man auch zu Fuß laufen und ich versuchte ihn, zu besänftigen, das alte Muster, jaja, und dann fuhren wir doch über zehn Minuten und die Strecke war vereist und ich wäre mit meinem Gepäck eine halbe Stunde lang nicht voran gekommen und ich dachte daran, dem Taxi Fahrer “meine Meinung” zu sagen, aber die war nur Gefühl, war nur Wut und ich entschloss mich dazu, zu schweigen und betrat das Hotel Olympic, ein sehr altes Hotel im Glockenbachviertel und bekannt unter Künstlern, Autoren und Prominenten, jedes Zimmer anders, alte Möblierung, Ausstellungen und keine Minibar, das Zimmer eiskalt und winzig, die Betten durchgelegen und klein, aber der Nachtportier ein Mann, der seit 30 Jahren nichts anderes macht und der Hotelchef und die -chefin klug und freundlich und amüsant und ich beschwerte mich nur innerlich, weil mein Unbehagen etwas mit Weh zu tun hatte, das einer ganz anderen Tatsache zugrunde lag als der, dass das Zimmer so kalt war. ich spürte das Heimweh deutlicher in München als anderwo, woran das liegen mag, ich weiß es nicht, ich schätze die Stadt und die Menschen in ihr und ich mag Hotels, die sind wie jenes, aber ich war krank und müde und voller Heimweh und ich hätte mich überall unwohl gefühlt in jenen Momenten. Hotel

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Am Abend traf ich die Menschen aus dem Verlag, die überhaupt erst möglich machen, dass ich all das erleben darf und jedes Mal bin ich ganz gerührt, wenn ich sie treffe und denke, dass sie brennen und beben für das, was sie tun und wie glücklich ich mich schätzen darf, einen solchen Verleger, eine solche Presseabteilung, solche Vertriebs- und Lektoratsmenschen hinter mir zu wissen und wir hatten einen wunderbaren Abend, wie immer, wenn ich sie alle treffe und ich schlitterte betrunken und müde ins Hotel zurück und verbrachte noch eine Weile in der Kälte rauchend mit dem Nachtportier und dem Hotelchef und dann legte ich mich schlafen, nervös und ängstlich vor dem nächsten Tag.

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Der Donnerstag begann mit Zittern und Angst, ein Fernsehauftritt am Abend, an nichts anderes konnte ich denken, als ich müde in den Zug nach Stuttgart stieg. Schon am Morgen war mir übel, eine Übelkeit, die meinen ganzen Köper ergriff, denn das Auftreten im Fernsehen und das Geben von Interviews ist noch immer etwas, das mich panisch werden lässt und jedes Mal erscheint es mir, als sei das gar nicht ich, die da spricht, als sei ich eine winzige Dame, die in einer großen Frau zu Hause ist, die ihr Gesicht in Kamera drei hält. Und der Schnee vor dem Fenster sah mir beim Angsthaben zu, beim Kapitulieren, beim Zittern und ich sah zurück, las ein Buch, bläterte in meinem Terminkalender und dachte unentwegt: Das hier werden die Tage sein, an die du wehmütig denken wirst, Tage, in denen Menschen dich gelesen haben, dich eingeladen haben, dir zugehört haben und du dankst es mit Angst, einen solch schlechten Handel hat die Welt noch nicht gesehen.

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In Stuttgart holte man mich vom Bahnhof an und dann: Hotel, Dusche, Auto, Schloss, Maske, Kameras an, Hallohallo, Reden, Kameras aus, Hotel, großes Essen, Schlaflosigkeit, Frühstück, Bahnhof, zurück nach München.

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Am Freitagnachmittag erreichte ich wieder den Münchener Hauptbahnhof und wurde zum Bayrischen Rundfunk begleitet und dort gab ich ein einstündiges Interview, das ungewohnt heiter und ungewohnt lang war und es war schön, über so vieles zu sprechen und nicht nur über das eine und ich fuhr zum Flughafen, am Morgen sagte der Fernseher im Hotel, dass alle Flüge nach Hamburg gestrichen seien und ich wurde durch die Sicherheitskontrolle gelassen und erhielt mein Ticket und ich war glücklich, denn ich durfte nach Hause und ich aß in der Halle die teuerste schlechteste Pizza meines Lebens und ich saß neben einem Tisch mit Männern, die teure Anzüge trugen und sich über die Arbeit unterhielten, sie hatten einen Geschäftstermin in München gehabt und sahen müde aus und alt und grau und als ich sie beobachtete und ihren Gesprächen zuhörte, da war es auf einmal da, das Gefühl, auf das ich gewartet hatte: Dankbarkeit. Mit einem Mal setzte sie sich zu mir und legte mir ihre Hand auf den Kopf und sie sprach von all diesen Dingen, von dem Glück, das ich habe, von der Arbeit, die ich machen darf und von der Tatsache, dass ich einen Beruf habe, in dem ich reisen darf und in dem ich Bücher schreiben darf und in dem ich in vier Tagen quer durch den Süden reise und leuchtende Menschen kennenlerne und sie ist noch rechtzeitig gekommen, die Dankbarkeit, um mit einem Lächeln und ganz viel Stolz nach Hause zurück zu fliegen.

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Ich schweige. Dann nicke ich. Dann sage ich „Entschuldigung“. Ganz automatisch. Ich würde mich auch für meine eigene Existenz entschuldigen, wenn ich könnte. So ist das manchmal. So ist das gerade. Seit ein paar Wochen: mit jedem Teil meines Denkens hänge ich an einem anderen Faden. Der eine heißt „Durchsetzen“, der andere heißt „Nachgeben“, wieder einer heißt „Selbstbewusstsein“ – die Schlagworte meines Wahnsinns.

Man kennt das ja: in bestimmten Bereichen hat man gerne eine große Fresse. Online zum Beispiel. Da erklärt man sich gerne zum Hassenden, schreibt über Missstände, als hätten sie wirklich etwas mit der eigenen Person zu tun, mokiert sich, fordert zu Widerstand und Auflehnung auf und diskutiert und schreit und kämpft. Sicherlich nicht jeder, sicherlich nicht alle, aber ich kenne sie, diese Online-Protestmenschen und ich gehöre leider dazu, auch, wenn ich beizeiten immer wieder Besserung gelobe, den Router verstecke, das WLAN ausschalte. Nach einer Woche motze ich wieder herum, als hätte ich nie getönt, dass dieses ganze Diskutieren und Herumpöbeln doch sowieso recht sinnlos ist.

Im Kopf nur heißes Rauschen

Aber dann: ein Konflikt in einem Supermarkt. Ein Streit zwischen Freunden. Ein unangenehmer Brief eines Amtes. Und ich schweige. Ich sage: Entschuldigung, das muss mein Fehler sein. Ich sage nichts. Ich sage: Das war sicherlich meine Schuld. Ich sage: Es tut mir leid. Innerlich schreibe ich einen Tweet, ein Posting, irgendwas. Da steht dann das Gegenteil. So ein Arschloch, denke ich. So eine dumme Kuh. Und ich sage: nichts. Oder entschuldige mich. Obschon ich einfach nur schreien will.

Menschen, die wie ich gelernt haben, dass es unhöflich ist, jemanden auf einen Fehler hinzuweisen, die Angst haben, jemanden zu verlieren, wenn sie mal ihre Meinung sagen, die sich gleich tagelang selber hassen, wenn sie sich mal durchsetzen sollen, wenn sie mal eine andere Meinung vertreten, das sind auch ganz häufig (nicht immer, wirklich nicht immer) genau diejenigen, die im WWW gerne die größte Klappe haben. Ich zum Beispiel. Aber woran liegt es denn, dass das auf der Straße dann nicht funktioniert, dass es im Freundeskreis nicht klappt, dass ich am Ende eines Streites in einem Café dann doch lieber sage: Tut mir leid, du hast ja auch irgendwie recht, es muss an meiner schlechten Laune liegen, ich nehme alles zurück. Und innerlich brennt alles, im Kopf nur noch heißes Rauschen, weil ich mich schäme, dass ich mich nicht durchgesetzt habe, weil ich wütend auf mich bin und noch wütender auf den anderen.

 

Feigheit und Angst und ein Anfang

Vermutlich kann man das Feigheit nennen, Angst vor Konfrontation, die Menschen wie ich dann lieber im WWW austragen, weil da keiner vor einem sitzt, weil da niemand aufstehen und gehen kann, weil das alles so schön luftdicht ist, und man sich ja immer noch sagen kann, dass man es dem anderen ja jetzt echt gegeben hat. Aber immer öfter beschleicht mich das Gefühl, dass dieses Verhalten falsch ist. Dass es einen falschen Eindruck macht. Dass das, was wie Hass aussieht, nur Angst und Feigheit ist. Dass ich, je mehr ich im Supermarkt versöhnlich lächle und „Entschuldigung, mein Fehler“ sage, umso mehr muss ich einen anderen Weg finden, damit umzugehen. Einen, der nicht wehtut, einer, der nichts von mir abverlangt. Das geht zum Beispiel in den Netzwerken, das geht bei Twitter und sogar bei Amazon, das geht überall scheinbar besser, als vor der eigenen Haustür.

Vielleicht ist es am Ende so, dass das Problem auch die Lösung all dessen bereithält: wer sich wie ich gerne online beschwert, der beschwert sich zu Hause vielleicht zu wenig. Der traut sich vielleicht nicht, der Freundin zu sagen, dass sie nervt. Oder der Mutter, dass ihr Kind endlich aufhören soll, den eigenen Hund zu drangsalieren. Oder dem Chef, dass er sich seine unbezahlten Überstunden mal in den Arsch schieben kann. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Eine mögliche, keine abschließende. Ich jedenfalls habe vor einigen Tagen zum ersten Mal einen Angestellten in einem Krankenhaus zurechtgewiesen. Bis ich den Mut dafür aufgebracht hatte, saß ich zwei Stunden im Wartebereich und hatte so viel Wut in mir, dass ich beinahe zitterte. Viel einfacher wäre es gewesen, wie sonst, einfach darüber zu schreiben. Oder dem Krankenhaus eine Beschwerdeemail zu schicken. Oder eine schlechte Bewertung abzugeben (ja, das geht auch bei Krankenhäusern). Aber ich bin aufgestanden und habe meine Wut in das Gesicht eines Angestellten geschmissen. Und bin gegangen. Danach habe ich gezittert und mich nicht sehr gut gefühlt. Aber es hat den richtigen getroffen. Und nicht – wie sonst – eine anonyme Masse. Vielleicht war das ein Anfang.

...

Der November hat sich in die Wohnung geschlichen, unter das Bett und zwischen die Laken, erst ganz hell und dann immer dunkler, lag er da herum, der November und überall war Staub und Laub und Kälte.

Wir haben den Heizungen gesagt, dass sie jetzt arbeiten müssen, dass sie jetzt die Security unserer kalten Füße sein müssen, dass sie ihn vertreiben sollen, den November und die 11, die ich noch nie leiden konnte, diese hässlichste aller Zahlen.

Mit zittrigen Fingern habe ich nach den Bettlaken gegriffen, habe alles an mich gepresst, das halten kann, was ich nicht aushalten kann, habe die Wörter dem Bett erzählt, die ich nicht sagen konnte, wenn es hell war, wenn Tag war, wenn man diese Nicht-Nacht aus grauen Schleiern und Raureif Tag nennen kann und mich gefragt, warum die Wünsche immer vor der Erfüllung weglaufen, warum sie sich ausdehnen, wenn man sie schon beinahe gefangen hat – - wenn sie ganz kurz davor sind, sich in „Erfüllt“ zu verwandeln, dann verschwinden sie für eine kurze Zeit, um dann im nächsten Augenblick viel größer und viel unangenehmer zurückzukehren.

Und manchmal schleiche ich durch die Wohnung, manchmal taste ich all die Dinge ab, die mir gehören und dann frage ich mich, wie ich dieses Leben finden würde, wenn es nicht meines wäre, wenn ich es nur von Außen durch die Scheiben sehen könnte und wenn ich mir zugeneigt wäre oder im Gegenteil ganz abgeneigt, wenn ich mich so sehen könnte, diese Wangen, diese stumpfen Haarspitzen, dieses Schleichen und Tapsen, dieses Berühren und Ducken. „3000 Bücher passen in dieses Gerät“ höre ich den Fernseher dabei sagen und ich berühre die Buchrücken und frage mich, wie wir in wenigen Jahren noch einen Menschen sehen können, was er liebt, was er hegt, was er sammelt und was er mag, wenn alles, alles, alles in winzigen Geräten verschwunden sein wird.

Jedes Jahr im November passiert der November, der so viel mehr ist als ein bloßes Anzeigen des Datums, der ein Abschied ist und ein Fall, ein Klagen und ein Ruhen, ein Dezember im November, als wäre der 12. Monat gar nicht von Belang. Dieses Jahr war ein Sehnen und ein Warten, ein Hoffen und ein Beben, ein Steigen und ein Halten. Und jetzt ist da die Stille, ein Pausenknopf aus Wärme und Schlaf und Arbeit und Ruhe und die Heizungen surren leise.

Gerade einmal zwei Jahre ist es her, dass ich in einer anderen Wohnung in einem anderen Leben auf einem Sofa saß und dachte: jetzt muss ich das machen, genau jetzt. Damit ist das hier gemeint, dieses Projekt, wie ich es einmal nannte, dieses „Drüberleben“, obschon, und das kann ich ja nun verraten, ich es einmal ganz anders nennen wollte aber die URL nicht mehr frei war und fragen Sie mich jetzt nicht, wie dieser erste Name damals lautete, denn ich habe offen gesagt keine Erinnerung daran.

Die Geschichte, die sich zwischen Damals und Jetzt entwickelte und wie, das wissen Sie alles und man kann es bestimmt auch irgendwie nachlesen. Aber jetzt, jetzt schleicht sich mit einem Male eine Unzufriedenheit, eine Unsicherheit ein und erst heute, als ich darauf angesprochen wurde, konnte ich benennen, woher sie kommt:

Als ich mit diesem Blog begonnen habe, war ich, verzeihen Sie die schlichte Ausdrucksweise, verzweifelt. Ich wog ungefähr 20 Kilo weniger als jetzt, war schwer untergewichtig, schwer depressiv und hatte Angst vor allem und allen außer vor dieser einen Sache: darüber zu sprechen. Das lag vermutlich daran, dass ich nicht viel zu verlieren hatte, denn ich hatte weder eine richtige Arbeit noch Aufträge und war so pleite, dass ich die meiste Zeit von dem Geld anderer leben musste, was mich in noch tiefere Verzweiflung gestürzt hat.

Und dann passierte diese unglaubliche Sache: dieses Blog wurde beinahe über Nacht bekannt und der Bekanntheit folgten ein Agent und ein Verlag und Presse und Medienöffentlichkeit (von deren Angeboten ich das meiste damals ablehnte, aber dazu später mehr).

Und dann war da ein Buchvertrag, der alles änderte. Plötzlich konnte ich vom Schreiben ganz gut leben (trotzdem folgte ein weiterer Zusammenbruch und ein langer Klinikaufenthalt), lernte meine jetzige Therapeutin kennen, wurde nach zehn Jahren medikamentös endlich so eingestellt, dass die Antidepressiva und die Neuroleptika plötzlich Wirkung zeigten und ich konnte endlich eine eigene Wohnung finanzieren, richtiges Essen und ein Leben, das nicht aus der ständigen Angst vor der nächsten Mahnung bestand.

Aber auch etwas Anderes passierte: Aus der manchmal naiven Herangehensweise an das, was ich vielleicht noch am ehesten „Öffentlichkeit“ nennen möchte, wurde mit der Zeit auch etwas, das ich besser kontrollieren musste. Ich bekam damals viele Anfragen von Magazinen und Zeitungen, die nur meine persönliche Geschichte in den Vordergrund stellen wollten und davor verschloss ich mich, weil ich an dem Buch schrieb und nicht als bloße Betroffenheitstante wahrgenommen werden wollte, sondern auch (ein Überbleibsel aus der Zeit, in der ich keine Arbeit und kein Geld hatte) als jemand, der etwas leistet und in dem Fall war das das Buch. Also blieb ich still und wartete ab bis zum September 2012, bis zum Erscheinen des Buches.

Seitdem ist noch einmal ganz viel passiert und Vieles hat mich erschrocken und abgeschreckt, hat mich verunsichert oder erfreut, hat mich glücklich gemacht oder zweifeln lassen. Was passiert ist, ist das Gefühl, schutzlos zu sein. Als dieses Blog noch ein paar Hundert Leser in der Woche hatte, habe ich geschrieben in dem Gefühl, in einer Art Gemeinschaft zu sein, in einer Art kleinen Gruppe. Aber mit der Popularität sind auch die nicht sehr netten Menschen gekommen, die bösartige Dinge schrieben und mich damit, ich sage es ganz offen, oft traurig machten und bisweilen zutiefst verletzten (deshalb ist die Kommentarfunktion auch seit einiger Zeit gesperrt hier bei WP, Sie haben es vielleicht bemerkt.)

Durch all dies und wegen all dieser Erlebnisse bin ich ins Straucheln gekommen, weiß oft nicht mehr, was ich sagen kann und will. Aus einer jungen Frau, die fast anonym über ihre Erkrankung gesprochen hat ist in den zwei Jahren eine Frau geworden, die  plötzlich im Fernsehen zu sehen ist und die sich benehmen muss und die Erwartungen erfüllen möchte. Und da stehe ich nun und bin unschlüssig, wie weit ich mich noch öffnen kann und will und darf.

Sicherlich ist all das der gewöhnlichste aller Wege, wenn aus einer kleinen Sache eine größere Sache wird und wenn es dabei auch noch um eine solch schwierige Thematik geht. Aber was ich gerade brauche ist Zeit, Zeit, um mich auszubalancieren und Zeit um herauszufinden, wie dieses Blog geführt werden kann ohne dass ich mich dabei nackt fühle. Denn in mir streiten sich die Autorin und die Person Kathrin Weßling, die beide ganz unterschiedliche Dinge wollen. Die Autorin möchte natürlich, dass das Buch allen Menschen gefällt, die es lesen und die Person Kathrin möchte meistens einfach nur darüber schreiben, was gerade so passiert – ganz ohne schöne Worte und Konfetti. Aber manchmal ist ein Kompromiss eben nicht möglich. So wie jetzt.

Ich bin mir nicht sicher, wie all das von Außen zu betrachten ist. Wie ich es bewerten würde, wenn eine kleine Bloggerin mit der Zeit so etwas erlebt und dann ständig über Preise und Ausstrahlungen und so etwas schreiben würde. Vermutlich würde ich mich für sie freuen, aber vermutlich würde ich auch das Unmittelbare, das „Echte“ vermissen (man kennt das von Bands, die plötzlich einen Plattenvertrag haben) und denken, dass sie jetzt echt mal wieder auf den Teppich kommen soll. Da aber beginnt die Zwickmühle: Wenn DAS, genau DAS aber nun das Leben dieser Bloggerin ist, worüber kann und will sie dann noch schreiben wenn nicht darüber, wie es ist, wenn das eigene Buch im Regal steht?

Und das, meine Damen und Herren, ist der Konflikt, in dem ich mich zur Zeit befinde. Das Gute: Er wird sich ganz von alleine lösen, denn Dinge ändern sich, das Buch wird in Vergessenheit geraten und ein neues kommen und bald wird es auch wieder ein bisschen weniger turbulent im Leben der Kathrin W. Bis dahin kann und will ich mich einfach nur bedanken für all diejenigen unter euch, die bis heute und von Anfang an oder dazwischen oder erst jetzt hier sind und meinen Weg begleiten. Ich kann manchmal schwer in Worte fassen, wie sehr mir das alles geholfen hat und wie dankbar ich dafür bin. Aber sicher ist: Ich bin es. Dankbar, demütig, und nochmal dankbar.

Und zum Schluss, denn irgendwo muss man ja mal anfangen: Ich schreibe gerade an 2 Büchern gleichzeitig und dazu an einem Theaterstück, versuche, mich mit Text-Jobs über Wasser zu halten und zum dritten Mal sehr erfolglos, das (verdammte) Paroxetin abzusetzen (es ist die Hölle). Bei allem versuche ich außerdem jeden Tag so etwas Ähnliches wie eine Struktur einzuhalten (ich scheitere kläglich), mich um meinen Hund zu kümmern und Rechnungen zu bezahlen. Ich bin müde, unheimlich müde und wünsche mir im Grunde nichts mehr, als zwei Wochen Urlaub, in denen ich einfach einmal richtig schlafen kann. So unspannend ist das gerade alles und so banal. Und so schön. Und so anders, als es noch vor zwei Jahren war.

EDIT:
Die Wichtigkeit des Punktes “Bewertungen” von Außen habe ich bewusst nicht erwähnt. Ich vermute, dass sich jede/r vorstellen kann, wie schwierig es bisweilen ist, “frei” und “offen” zu schreiben, wenn die Bewertungen des eigenen Geschriebenen immer strenger, immer zunehmender sind. Ein Punkt jedoch, über den man sich streiten kann. Mir jedenfalls, in meiner ganzen Empfindlichkeit und Hysterie, fällt es bisweilen unheimlich schwer mittlerweile, auszublenden, dass alles, was ich von mir gebe, bewertet und manchmal auch böswillig interpretiert wird. Aber auch so eine Anmerkung kann ja mitunter wieder zu bösen Stimmen führen. Sie sehen: ein eindrucksvolles Beispiel der Unsicherheit bzgl. mancher Dinge, unter der ich zunehmend leide.

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