(R)aus

thisisthething

 

Da ist ein Zittern in mir, ein Vibrieren , ein Brennen, ein Juckreiz auf der Haut und hinter den Augen, ein schwieriges Gefühl, zu viel Angst und zu wenig sich selbst die Müdigkeit erlauben, die ständig fragt: Wann machen wir mal Pause, wann halten wir denn jetzt an, wann habe ich mal etwas zu sagen und wann ist „irgendwann“? Die Müdigkeit will sich selbst erlauben, da zu sein, das Ich will warten auf jemanden, der kommt und sagt:„Ich nehme dich mit und bringe dich ans Meer, an den See, einfach von hier fort, ich weiß, du hast nicht gefragt, weil du nicht kannst, aber ich packe dich jetzt ein und bringe dich an einen sicheren Ort.“

Da ist ein zorniger Vogel in mir, der nichts von Nestern weiß, aber sich in Scheuchen verliebt, ein struppiges Tier, das am Tag in den Bäumen schläft und in der Nacht umherfliegt. Er kann nicht schlafen und kann nicht rasten, er kann nicht fort, aber er kann das Versuchen nicht lassen.

Der Vogel sitzt am Abend ganz still auf seinem Platz und lauscht der Stimme, die sagt:„Komm, wir ziehen den Stecker, du weißt schon.“„Woraus?“ fragt er und wartet, bis die Müdigkeit leise spricht:„Einfach aus allem, auf dem zu viel Strom drauf ist.“

Komm, renn mit mir.

hifly

1. Akt

Natürlich berührt dich das, dich berührt ja alles. Dass die Straßen immer voller und die Köpfe immer leerer werden. Dass du den Namen vom Kaffeemann nicht kennst, aber die Geschichte seines gebrochenen Herzens. Dass du nie an etwas vorbeigehen kannst. Dass nie mal etwas einfach an dir vorbeigeht. Dass du alles immer mitnehmen musst, einpacken und aufbewahren, in den Einmachgläsern deines Kopfes schwimmen die Gedanken, die Nächte und die Tage, jeder Geruch, jedes Wort, jede Berührung, so zufällig sie auch gewesen sein mag. Und der griechische Chor singt für dich sein Lied.

2. Akt

Komm, renn mit mir, komm, fang mich, komm, lass uns all die Sachen machen, die wir uns vorgestellt haben in all den Nächten, in denen wir in fremden Betten lagen und dachten: Wenn das alles ist, dann nehme ich nichts. Komm, lass uns schwimmen gehen, lass uns uns schwindelig machen, komm, lass uns fangen spielen und verstecken, lass uns Kinder sein und aneinander verrecken, lass uns Finger sein auf nackten Brüsten, auf Hüftknochen und Mündern, lass uns Sommer sein im Kopf und Winter für die anderen, komm, lass uns uns lieben und damit nicht mehr aufhören, lass uns Banditen sein und Haudegen, Schlitzohren und Einbrecher, lass uns tanzen gehen und lachen, lass uns weinen über die falschen Sachen, lass uns die sein, die die anderen nicht ertragen, lass uns dramatisch sein und wild, völlig lächerlich glücklich und so jämmerlich banal in jedem Augenblick, dreckige Witze und Flaschenbier, deine Hand in meiner nachts um vier.

3. Akt

Reiß dich nicht zusammen und benimm dich einfach daneben, schrei einfach raus, was du verschweigen willst. Vergiss einfach mal, dass du dich ständig verläufst in fremden Herzen, dass du ständig ersäufst in anderen Köpfen. Sag jemandem, dass du ihn liebst und sag keinem, dass du manchmal Angst hast, dass es das gar nicht mehr gibt. Schlag um dich und sei wild, fall hin, brich dir die Beine und das Herz.

4. Akt

Natürlich berührt dich das, dich berührt ja alles viel zu sehr. Natürlich hast du Angst und machst es dir schwer, natürlich willst du weglaufen und keinem erzählen, dass du brennst, dass du hungrig bist nach Tagen und Nächten, nach Reizen und Lenden, nach Betäubung und Melancholie, nach Fremdem und Neuem und Drama und Gier. Natürlich, sagen die anderen, musst du mal schlafen, musst du mal rasten, musst du mal gehen und musst du mal fasten, natürlich, sagen die anderen, musst du dich mal zusammenreißen und dich mal benehmen, dich mal erinnern und dir mal vergeben, aber, und das weißt du genau,

5. Akt

wenigstens ist alles echt, alles da, alles zum Anfassen, zum Lieben, Verlieren und zum Teufel damit: Du kannst es ja doch nicht lassen, was für ein Glück.

 

 

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10

see

Es ist Sommer und immer im Sommer um diese Zeit denke ich daran zurück, wie wir 19 waren und durch Wiesen und Wälder gefahren sind und davon geträumt haben, in die Großstadt zu ziehen. Ich denke daran, wie wir unseren Führerschein bestanden haben (na gut, ich erst nach dem fünften Anlauf), wie wir an den geheimen See fuhren und dort ganze Tage, Nächte, ganze Sommer verbrachten. Ich denke daran, dass um uns herum eigentlich immer sehr viel Wald war, sehr viel Wiese, sehr viel Himmel. Heute kommt es mir vor, als seien wir eigentlich immer draußen gewesen.

Ich erinnere mich an unseren ersten Vollrausch, an das Lachen über den ersten Kuss und an das Schwänzen, an das Bier im Park und an die ersten Tränen wegen einer Liebe, von der wir damals manchmal mehr verstanden haben, als heute – bloß haben wir das nicht gewusst. Ich denke an unsere Fahrräder, an unsere Hände, an unsere Beine in der Sonne, ich denke an offene Fenster, während ich meinen Arm in die Nachtluft hielt und mich gefragt habe, wie lange wir uns wohl alle noch kennen werden.
Ich denke daran, wie wir uns unser Leben in 10 Jahren vorgestellt haben. Wie wir von WGs träumten, von Büchern und Liebschaften, von den Nächten, in denen wir endlich einmal tanzen gehen können, ohne, dass um zwei das Licht angemacht wird. Ich denke daran, wie wir uns uns selbst vorgestellt haben: unsere erwachsenen Ichs, unsere Ichs, die in eine eigene Wohnung ziehen, eigene Leben haben, an Küchentischen mit Fragen hadern, mit der Telefonrechnung und dem Briefkasten, mit dem Ich, das nicht versteht, warum immer der Falsche einfach geht.

Ich denke an die Jahre danach, an das Taumeln und das Fallen, vor allem aber an das Finden von Plätzen, die wir Zuhause nennen können. Ich denke an die Verluste und an die Tränen, an die Erfolge und an uns, wie wir uns in den Spiegeln der Welt älter werden sahen. Ohne, dass wir verstanden hätten, dass es so, genau so am Ende sein wird: ohne großen Knall und ohne Konfetti, ohne plötzliche Erkenntnis. Die Jahre schleichen sich durch unsere Lebensläufe, durch Studiengänge und Wahlheimaten, durch Sehnsüchte und Ängstlichkeiten. Damals dachten wir noch, dass wir eines Tages aufwachen und plötzlich Erwachsene sind. Dass das einfach mit uns geschieht. Wie sehr wir Recht damit hatten und wie sehr wir uns geirrt haben.

Ich denke an die letzten zehn Jahre und an all unsere Kämpfe, an das Warten und das Aufgeben, an das Verstecken und das Schreien. Ich denke an uns und dass wir ganz anders sind, als wir immer dachten und dass das eigentlich viel besser ist als das Gegenteil. Ich denke daran, wie sehr wir geliebt haben, wie viel wir schon geschafft haben, wie viele Male wir aushielten, was nicht festzuhalten war, wie oft wir gelacht haben, getanzt und gevögelt, gezittert und geschwommen, losgelassen und verloren, angekommen und ganz verzagt, gesucht und gefunden haben. Ich denke daran, dass wir vielleicht nicht die geworden sind, die wir werden wollten, aber dass wir genau die sind, die wir sein sollten.

Jedes Mal, wenn ich den Fuß das erste Mal in einen kalten See setze, dann denke ich an dich, an euch, an uns alle. An unsere Nachmittage mit Cola und Chips, an unsere Abende mit billigem Sekt und geklauten Kippen von der Tanke. Ich denke daran, dass ich sehr glücklich war, ohne es zu ahnen. Und ich hoffe, dass wir das heute ein bisschen besser können, das Ahnen von Glück, wenn es da ist. Aber wenn ich es mir recht überlege, dann bin ich mir ziemlich sicher, dass wir ganz gut darin geworden sind.
Alles Gute zum Geburtstag, auf uns, auf die letzten zehn Jahre, auf unsere Ichs, die so oft eigentlich keinen Tag älter als neunzehn geworden sind. Auf den See und jedes Meer der Welt, auf unsere bescheuerten, wilden Herzen und auf die Hand, die deine jetzt nachts hält.

Bliss

 

 

EINS
In der Ecke sammeln sich die Staubflusen und im Kopf ist eine Regenfront. Die zieht seit einer Woche durch, da kann man nichts machen, außer zu versuchen, den Kopf immer schön gerade zu halten, damit nicht ständig etwas aus den Augen herausschwappt. Ein bisschen lächerlich, solche Metaphern, aber am Ende des Tages deckst du dich damit zu. Und mit anderen tröstlichen Gedanken. Zum Beispiel, dass das bestimmt alles so sein muss. Das sagen die anderen doch immer: Das ist alles schon so vorgesehen. Du denkst, dass das bedeuten würde, dass da draußen irgendwo eine unsichtbare Karte liegen muss, auf der schon alles steht. Wäre ziemlich gut für dich, würdest du die finden. Dann müsstest du nicht immer auf den Kopf und aufs Herz fallen, während sich die anderen bloß lustige Pflaster auf ihre Knie kleben.

ZWEI
Die große Narbe an deinem Bein hast du, weil du als Kind über eine sehr kleine Mauer springen wolltest. Fünfzig Mal, hast du dir vorgenommen. Irgendwann in den Zwanzigern bist du dagegen geknallt. Dein Schienbein ist aufgesprungen und du hast den Knochen darunter gesehen. Du hast gleich gewusst: Das ist jetzt gar nicht gut. Du hast geschrien und dein Vater hat dich ins Haus getragen. Du hast geweint und dein Vater hat gesagt: Das verheilt von selbst, in zwei Wochen ist alles wieder gut.
An diesem Tag hast du verstanden: Kleine Mauern können die schlimmsten sein. Und alles verheilt nach zwei Wochen.

DREI
Neuerdings hören die Nachbarn keinen Techno mehr. Dafür haben sie wieder Sex. Du nimmst dir manchmal die Latte von dem alten Bett, das du in einer wütenden Nacht zerschlagen hast, und rammst sie in die Decke. „Fickt euch“, schreist du dabei.

VIER
Und dann setzt du dich auf dein Bett, die Hände vor deinem Gesicht, und versuchst zu schluchzen. Das muss doch irgendwie gehen, denkst du und strengst dich wirklich an. Aber im Grunde bist du nicht traurig, sondern einfach nur wütend. Und Wut macht meistens keine Tränen, sondern bloß Bauchschmerzen. Das Rezept deiner Idiotie:

- 1000 Gramm Wollen
– 700 Gramm Zu viel Wollen
– 135 Liter zähe Zeit aus warten und warten und warten
– Eine Prise Aber ich habe doch gedacht, dass…

Das Ganze in den Mixer, dann schön hochkochen lassen und fertig ist das Drama, guten Appetit, verficktes Herz.

FÜNF
Du schreibst eine letzte Nachricht und löschst sie wieder.
Du schreibst noch eine und löschst sie wieder.
Du wünscht dir, dass du Musikerin wärest, dann würdest du jetzt das traurigste Lied der Welt schreiben und es auf allen großen Bühnen dieser Welt singen. Man sähe dich und wäre ganz entzückt, ach, schau mal an, ist das nicht hübsch, ein trauriges Mädchen, das sich in den falschen Mann verliebt hat, die müssen wir gleich retten, indem wir alle ihre Platten kaufen und sie sich mit Geld und einem Personal-Trainer trösten kann. Toll!

SECHS
Du hast seit Tagen nicht richtig gegessen. Du gehst in den Supermarkt und kaufst Obst und Gemüse, Joghurt und Wein. Du rührst nichts davon an. Du sitzt an deinem Küchentisch und weinst endlich. Alles verheilt nach zwei Wochen. Aber Papa wusste bestimmt auch nichts von ihm.

Die Grammatik der Liebe Oder: Kein Drama, Baby.

 

1. Person Singular

Ich brenne, ich tobe, ich zittere, ich stolpere, ich mache das Fenster jetzt zu. Ich habe mich aus den Augen verloren, während ich in anderen nach etwas gesucht habe, das ich mir durchs Herz ziehen kann, einmal kurz nicht aufgepasst und schon war es durch die Membran meiner Ängstlichkeiten eingedrungen, denn…

2. Person Singular

… du bist so lächerlich schön. Du bist so wunderbar arrogant, so verloren und verzweigt, so viele Momentaufnahmen in RGB, Sättigung bei 3 Prozent. Du bist, was ich bin (dachte ich), du bist, was ich nicht bin (weiß ich jetzt), deine Augen brennen, deine Worte fallen auf meinen Mund, während ich die Lippen öffne und du sagst:

 3. Person Singular

„Es ist doch nicht so schlimm.“

Und sie sagt: Woher weiß ich, wann es schlimm ist, wenn sich jetzt wie schlimm anfühlt, aber du sagst, es sei gar nicht schlimm.

Und er sagt: Du wirst es schon wissen.

Und sie sagt: Aber ich kenne mich nicht mehr aus. Nicht in mir und überhaupt gar nicht mehr. Ich stolpere bloß so rum, halte mich manchmal an irgendwem fest, bis ich davon müde werde und einfach wieder loslasse. Ich lese die Spam-Mails, in denen mir der perfekte Partner versprochen wird. Ich will nicht, dass das Spam ist, ich will, dass das wahr ist. Dass das mit den Kugelmenschen sein kann, dass wir alle mal Kugeln waren und irgendwo da draußen einer ist, den man nur finden muss, damit man aufhört, sich ständig an den Ecken dieser Welt zu stoßen und nur noch herumrollt wie so ein bescheuertes Pärchen, das man nie sein wollte, aber ja doch irgendwie, weil das ja am Ende doch schön ist, auch, wenn man dann alte Freunde trifft und solche Sachen sagt wie „Wir haben heute keine Zeit, wir wollen einen Fisch zubereiten.“

Er schweigt.

Sie sagt: Ich dachte,

1. Person Plural

wir wären irgendwie mehr. Wir wären die, über die die anderen nachher Geschichten erzählen. Solche, die mit „Ich kenne da aber zwei…“ anfangen und mit etwas aufhören, bei dem alle zu Boden schauen und denken: Das ist so lächerlich romantisch, warum kriege ich immer nur die beschissene Realität?

Ich habe geglaubt, dass wir aus Konfetti sind, unsere Worte aus Knallerbsen, unsere Köpfe aus Dynamit. Ich dachte, dass wir brennen würden und dass wir niemals voreinander weglaufen werden und dass wir ganz süchtig nacheinander sind und scheiß auf Biochemie, this is love, this is love.

 2. Person Plural

Ihr müsst zugeben, dass ihr alle genau das wollt, sagst du in der Nacht, betrunken und müde, auf einem Bordstein sitzend, während die Scheinwerfer der vorüberfahrenden Autos dich blenden. Ihr müsst zugeben, heulst du, dass ihr doch alle genau das wollt. Eine Liebe, die ruiniert, ein Herz, das aus dem Körper auf den Boden fällt, durch den Mund, der plötzlich Dinge sagt wie: Ihr müsst doch wissen, dass jeder am Ende auf sich selbst reinfällt. Ihr müsst doch jetzt mal ehrlich sein, so ehrlich wie es nur geht: Jeder von euch will doch jemanden, der ihn liebt.

3. Person Plural

Es waren einmal zwei, die sich fanden und verloren, die übliche Geschichte: süße Früchte, die zu schnell vergoren. Sie fanden sich in einem dunklen Wald und schickten sich Leuchtraketen, die Nacht war hell, die Augen dunkel, so hübsch war das und der ganze Wald munkelte schon von einer neuen Allianz, bis der Morgen kam und einer der beiden verschwand, denn was am Ende blieb, war bloß Schweigen und wenig Trost, denn sie blieben, was sie sind: die eine Fuchs, der andere Albatros.