Ich möchte mich Boris Fust anschließen.

Wer ich bin

Mein Name ist Kathrin Weßling, ich wohne in der Wrangelstraße 99 in Hamburg, ich habe drei Zimmer (viel zu viel für mich allein, ich muss ja bald nicht mehr zu Hause “arbeiten”, weil auch ich endlich begriffen habe, dass das, was ich als “Arbeit” sehe ein Geschenk an die Allgemeinheit sein muss!) und wohne im 1. Stock. Man kann mich über Skype erreichen, der Name steht im Impressum. Meine Bank ist die Hanseatische Sparkasse, aber die sperren mir bestimmt bald das Konto, weil ich ja wie gesagt endlich überzeugt wurde, dass es total unfair ist, dass ich bezahlt werde für meine “Arbeit” (die keine ist selbstverständlich).

Hinzufügen möchte ich noch, dass ich 180 cm groß bin, braune Haare und blaue Augen habe und am 14.07.1985 um ca. 3 Uhr Morgens in Ahaus (NRW) geboren wurde (meine Urheber sind meine Mutter Edith und mein Vater Erich (c) ). Ich vertrage keine Laktose, hasse Bananen und liebe Pommes. Ich esse kein Fleisch und der Rotwein, den ich am liebsten mag ist von Alnatura. Ich lebe in einer Beziehung und habe bald einen Hund.

Mein Verbrechen

Ich habe bei http://wir-sind-die-urheber.de unterschrieben.

Und (und ich winde mich schon vor Scham und Selbsthass) : Ich mag meinen Agenten. Und es wird noch schlimmer: Ich verdiene Geld mit dem Schreiben. Meine Verträge sind fair, transparant und ich freue mich unheimlich, dass ich weder das Cover meines Buches selber entwerfen, noch die Presse- und PR-Aufgaben übernehmen muss. Und am Schlimmsten: Ich kann bei meinen Verträgen mithilfe meiner Agentur absolut mitsprechen und Einspruch erheben. Ich habe sogar (und das ist echt so peinlich) das letzte Stimmrecht! Ich weiß, ich bin nicht würdig, zu existieren. Man sollte nicht nur einfach 2 Jahre harte Arbeit an meinem Buch als geschenkt betrachten, sondern auch jedwede andere Arbeit, die ich tätige.

Ich weiß, ich bin nicht würdig, Geld mit Arbeit zu verdienen. Das ist ekelhaft, ich weiß. Man sollte darüber nachdenken, endlich auch Häuser, Cafés und Bars “saugen” zu können, denn ich finde das absolut unverschämt, dass da jemand auch noch Geld für seinen Kaffee und seine Arbeit von mir verlangt. Miete will ich auch nicht bezahlen, Miete ist sozial ungerecht, ja! Früher haben die auch nichts für ihre Höhlen bezahlt und jetzt soll ich das machen?

Ich habe mich auch eines anderes Verbrechen schuldig gemacht: In meiner grenzenlosen Egozentrik dachte ich, dass es Menschen gibt, die so sehr mögen, was ich schreibe, dass sie dafür Geld bezahlen wollen. Ich weiß: Das war dumm, arrogant und narzisstisch. Natürlich hätte ich meine Bücher und Artikel von Anfang an verschenken sollen. Oder höchstens ganz lieb fragen sollen, ob ganz eventuell jemand Lust hätte, ein paar Cents…? Nein? Verstehe ich, ok. Ja, ich ficke mich ja schon selber.

Mildernde Umstände

Außerdem kann ich leider auch nicht selber denken. Deshalb habe ich mich natürlich von den bösen Agenturen und den noch böseren Verlagen “instrumentalisieren” lassen für ihre Aktionen. Wie gesagt: Das liegt daran, dass ich nicht nur eitel, arrogant und überheblich bin (Kunst ist keine Arbeit, ich weiß), sondern auch noch dumm bin. Man mag das bitte berücksichtigen bei der Urteilsverkündigung.

Meine Sühne

Ich weiß ja, dass viele nur wollen, dass das System “reformiert” wird. Das fände ich sogar auch ganz in Ordnung. Aber das reicht natürlich nicht. Denn Schriftsteller, Musiker etc. müssen sich natürlich auch schämen und dürfen niemals, ich wiederhole, niemals sagen, dass sie es ganz gut finden, wie es gerade ist, weil das natürlich  sehr konservativ und zukunftsfeindlich ist und weil das auch bedeutet, dass sie auf ihrem ganzen vielen Geld sitzen bleiben möchten, während die anderen NICHTS kriegen. Ich verschenke einfach alles. Alles, alles, alles. Und mit diesem Text fange ich an: Den schenke ich euch! Bittesehr! Ganz umsonst!

 

 

PS: Bitte nehmt mich UNBEDINGT von eurer “schwarzen Liste”, ich möchte so gerne, dass Menschen wie ihr meine Bücher klauen… äh, kaufen.

Vor ungefähr zehn Jahren habe ich mir mein Ich in zehn Jahren ungefähr so vorgestellt:.

Genau: Ich hatte keine genaue Vorstellung, aber ein paar vage Ideen und ziemlich viele Gefühle. Ich war eben sechzehn, da hat man manchmal ganz schön viele Gefühle. Neben eben jenen hatte ich höchstens die Vorstellung, dass ich spätestens mit sechsundzwanzig ziemlich alt sein würde und ziemlich erwachsen.

Zehn Jahre später bin ich noch nicht besonders alt und auch noch nicht besonders erwachsen. Ich habe ein paar Sparbücher, mache diese Riester-Dings-Sache und hoffe jeden Tag, dass ich mich so gut anstelle, dass ich mich nicht in weiteren zehn Jahren für mein jetziges Ich schämen muss. Die Ansprüche sinken da enorm, wie man merkt.

So weit, so banal.

Das eigene Leben kommt einem ja gewöhnlich sehr speziell vor, die eigene Sicht meistens als die wichtigste und das Lieben sowieso. So kam es mir mit meinen dreihunderfünfundsechzigtagenmalzehn auch vor: Ich fand mich interessant, ungewöhnlich, neugierig und noch ein paar andere Adjektive, die man sich sehr gerne zuschreibt wenn man um die Zwanzig ist, in einer Großstadt lebt und glaubt, dass man theoretisch alles werden könnte außer Raumfahrerin. Und irgendwie wäre sogar das noch bestimmt möglich.

In den letzten Monaten aber veränderte sich plötzlich etwas und könnte ich dieser Veränderung einen Anfang und ein Ende zuschreiben, wäre es keine Phase sondern ein Moment und eben auch keine Veränderung, sondern vielleicht eine Katharsis oder ein Wandel, aber diese Veränderung passierte nicht schnell und sie war auch nicht statisch, sie war im Grunde nicht einmal plötzlich. Sie hatte sich hereingeschlichen, hatte von mir unbemerkt stattgefunden und tat es noch und nur das Entdecken ihrer Existenz war ein plötzliches gewesen: Ich hatte begonnen mir Sorgen zu machen.

Ich machte mir Sorgen über meine finanzielle Zukunft, über Familienplanung, über die Art und Weise des Führens von Beziehungen und Freundschaften, um den Alterungsprozess meines Körpers, den ich überhaupt zum allerersten Mal wahrnahm (nicht den Körper, sondern den Prozess zwischen Gewichtszunahme, Cellulitis, kleinen neuen Fältchen um die Augen und einem gehörigen Kater am nächsten Morgen, der nicht wie „früher“ nach einer halben Stunde verschwinden wollte usw.) und sogar um die Gestaltung meiner Wohnung.

Ich sah mich um, sowohl in meiner Wohnung, in meinem Freundeskreis und in meiner Stadt als auch in meinem Inneren und entdeckte: Etwas ganz Entscheidendes war weggefallen, hatte einen Tauschhandel mit etwas Neuem gewagt ohne mein Wissen: Die Sorglosigkeit hatte dem plötzlichen Wunsch nach Sicherheit Platz gemacht.

Nun ist das nicht unbedingt eine Frage des Alters oder der Umstände, denn schon immer gab es Menschen, die eher zu Sicherheitsdenken und Kontrolle neigen und solche, denen selbige völlig gleichgültig bleiben. Bei mir jedoch herrschte zunächst das eine und dann das andere vor, ohne dass ich hätte sagen können an welchem Punkt das eine aufgehört- und das andere angefangen hatte.

In den Wochen darauf begann ich, das Gefühl der Sorge in mir mit möglichst viel Aktion zu bewerfen, das heißt ich unternahm eine Reihe von Gegenmaßnahmen: Ich begann monatlich Geld beiseite zu legen. Ich sprach mit der Bank, mit der Versicherung und mit dem Steuerberater. Ich machte mir Listen, viele Listen, sehr sehr viele Listen. Ich dachte nach, während meine Hände ganz zittrig wurden und mir feiner Schweiß auf der Stirn stand. Ich fand mich sehr erwachsen. Für Momente. Für sehr, sehr kurze Momente. Ich schlief schlechter. Ich gab mehr Geld für Cremes und gesundes Essen aus. Ich reflektierte meine Handlungen schriftlich. Ich wurde nervös, unsicher und müde.

Am Ende dieser Wochen war ich erschöpft von all der Aktion die im Grunde nur Reaktion auf eine Angst war, die ich bei meinen Eltern belächelt hatte und von der ich genau so sehr glaubte, sie niemals zu haben, wie ich mit zehn dachte, niemals Alkohol zu trinken, niemals zu rauchen und auf keinen Fall so zu werden wie meine Eltern. Ich setzte mich an den großen Esstisch, den ich angeschafft hatte, weil ich neuerdings glaubte, Möbel seien eine sichere Anlage in bleibende Werte, und schrieb eine Liste mit Dingen von denen ich glaubte, sie seien ebenfalls eine sichere Anlage in bleibende Werte:

Ich wollte ein Sofa, ein Auto, Yoga machen, mich besser ernähren, aufhören zu rauchen und überhaupt ein besserer Mensch werden. Ich las die Liste in den nächsten Tagen ein paar Mal durch und am Ende warf ich sie in den Müll.

Mein sechzehnjähriges Ich hätte natürlich eine andere Liste geschrieben. Genau wie mein sechsunddreißigjähriges Ich eine andere schreiben wird. Aber was diese Liste zu einem solchen Gegenstand meiner Abscheu gemacht hatte war folgendes: Es ist gut sich zu sichern. Es ist gut, ein bisschen Geld gespart zu haben, damit man keinen Kredit aufnehmen muss bloß weil die Waschmaschine mal explodiert ist. Es ist gut so weit versichert zu sein, dass man keine Millionenklage bezahlen muss, wenn man mit dem Fahrrad einen Unfall gebaut hat und die Omi darauf pocht, dass man sie absichtlich umgefahren hat. Das ist alles gut und richtig und es lässt einen (jeden) besser schlafen und ein winziges bisschen leichter atmen.

Aber: In all den Jahren der Ziellosigkeit und des Herumirrens habe ich so viel mehr gefunden, als ich auf jede Liste jemals hätte schreiben können. Ich habe Menschen gefunden, die ich nie gesucht habe, die mich aber bereichert haben mit ihrem Sein und ihren Worten. Ich habe Jobs gemacht, die mir manchmal nicht gefielen aber dadurch eine Menge über mich gelernt. Ich habe viel Glück gehabt und doppelt so viel Pech, aber nie genug um verbittert zu sein. Ich habe keinen gesunden Körper aber einen Geist, dem das die meiste Zeit scheiß egal ist. Ich habe immer genug Geld gehabt um zu überleben und ich war nie obdachlos, wenn auch manchmal kurz davor. Ich habe zehn wirklich gute und aufregende Jahre gehabt und genau genommen ist mein Leben nicht jedes Jahr besser geworden, aber zumindest im Ganzen schöner. Ich glaube, dass ich glücklich bin.

Diese Liste hat mich unglücklich gemacht, weil sie mir suggeriert hat, dass noch immer Dinge fehlen, die mich glücklich machen könnten. Die mein Leben noch mehr optimieren könnten. Und sie ist ein Blick nach vorn, eine Option, ein Konjunktiv. Was mich wirklich glücklich gemacht hat: Das kurze Innehalten und der Blick zurück. Der Blick auf zehn wilde Jahre und der Blick auf ein Ich, das sehr wenig von dem erreicht hat, das es mal schaffen wollte aber so viel von dem, was unerwartet glücklich gemacht hat. Vielleicht war es wichtig zu lernen, dass solche Listen nichts für mich sind, vielleicht war es auch nur ein fehlerhafter erster Versuch. Gelernt habe ich jedenfalls, dass manchmal alles sehr gut ist, ohne dass ich das überhaupt noch merke. Weil ich immerzu damit beschäftigt war mir zu überlegen, was noch fehlt. Und vielleicht ist das die schwerste Lektion überhaupt: Zu sehen, dass manchmal auch einfach alles gut so ist, wie es ist.

 

(Und natürlich ist auch dies nur eine Phase, nur ein Moment des Ausruhens. Aber vielleicht ist genau das die beste Möglichkeit die wir haben: Das Ignorieren der tausend Möglichkeiten und das Sich-Betrachten im Spiegel des Vergangenen um zu sehen, ob gerade wirklich alles so schlimm ist, wie wir so gerne glauben wollen.)

Seit ungefähr fünfzehn Monaten bin ich selbstständig, was heute meint, dass ich nicht pünktlich in einem Büro sitzen muss, dass ich keinen Gehaltsnachweis am Ende des Monats für die Steuer bekomme und auch keine Kollegen habe, die ich hasse oder mag oder denen ich heimlich Leberwurst unter den Bürosessel schmiere.

Wenn ich in mein Büro gehe, dann heißt das, dass ich aufstehe, mich dusche, schon mal kurz dem Schreibtisch zuwinke, einen Raum weiter frühstücke und mich dann an den Schreibtisch setze, also ins Büro gehe, wo ich den Rest des Tages entweder leidenschaftlich arbeite oder leidenschaftlich so tue als ob. Das wechselt sich ab, leider in einem ungesunden Verhältnis von 70 zu 30 und darauf gehe ich jetzt mal lieber nicht näher ein.

Ich versuche seit vielen Monaten diesen Zustand in einen eben solchen umzuwandeln mit dem Adjektiv “produktiv”, also in einen, der es mir erlaubt Abends ohne schlechtes Gewissen schlafen zu gehen. Dass das nicht klappt entschuldige ich nicht mit Prokrastination oder Unfähigkeit sondern einfach damit, dass ich strukturlos am Tag herumzerre und darauf warte, dass sich die richtige Arbeitseinstellung schon noch einstellt, das heißt ergibt, das heißt: vergiss es.

Nach nunmehr 15 Monaten muss ich ein kleines weißes Fähnchen schwingen und zugeben: Ich brauche wieder einen regulären Job. Einen, der mich nicht jeden Tag ins Büro zwingt, aber einen, der mich vielleicht wenigstens drei Tage die Woche dazu hintreibt, so etwas wie Work-Life-Balance zu pflegen und nicht ausschließlich Life-Balance zu betreiben. Denn so sehr Sie, lieber Leser, jetzt schreien mögen dass alles hier genannte reiner Luxusjammer ist (ja, von mir aus): Ja, es ist wunderbar und luxuriös so zu arbeiten, wie es einem gerade in den Kram passt, aber es ist noch viel besser, wenn man wenigstens hin- und wieder eine äußere Struktur auferlegt bekommt.

Denn am Ende ist es ja so: Die einen behaupten niemals in einem 9to5 Job aufgehen zu können und die anderen behaupten, dass sie nur das Gegenteil befriedigen kann. Ich behaupte: Meistens und wie so oft ist es der Mittelweg, der dann wirklich zufrieden macht. Mich zumindest. Diese Erkenntnis hat jetzt viele Jahre gebraucht und es waren gute Jahre, anstrengende Jahre, Jahre voller Scheitern und Euphorie und Erfolgen und Ziellosigkeiten und Ankommen. Am Ende sitze ich an einem Montagnachmittag an meinem Computer und weiß: ich muss hier raus, ich muss los, ich muss gehen. In ein Büro zum Beispiel. Wenigstens 2-3 Mal die Woche.

 

(PS: Jobangebote natürlich wie immer herzlichst gern über das Kontaktformular. Thank you, I love you)

 

 

 

Manchmal schleicht sich etwas zwischen zwei Gesten und ein paar Worten und das nennt man dann Angst. Man könnte das auch „Unsicherheit“ nennen oder ihm einen Hut aufsetzen und es tanzen lassen. Das könnte man alles machen und noch viel mehr.

 

Manchmal hält Mut Siesta, du sieht sie herumliegen, an einem Strohhalm kauend, auf die Wolken wartend, die sie zwingen aus dem Liegestuhl aufzustehen und sich gerade zu machen um für dich zu schreien. Und manchmal scheint die Sonne so lange, dass du gar nicht mehr weißt, wie du mutig aussehen kannst, wie mutig du eigentlich noch bist. Dann schickst du vielleicht ein Unwetter, damit du mal wieder aufstehen musst, damit du mal wieder aufgeregt bist.

 

Wahrheit ist nicht schwierig, nur mit ihr Händchenhalten ist Küssen mit Stacheldraht. Du musst ständig aufpassen, ob du dir nicht die Lippen verletzt, während die ganze Wahrheit aus deinem Mund herausquillt. Das sind schöne Worte für Mut. Und schöne Worte mit ganz viel Unmut. Und dass das nicht das Gegenteil von Mut ist weißt du, seitdem du mal vor lauter Unmut mutig gewesen bist und trotzdem am Ende eine blutige Lippe hattest.

 

Manchmal nützt es, den Kopf zu senken, denn Demut ist auch noch so eine Sache. Und manchmal nützt es, den Kopf nach oben zu strecken und darauf zu hoffen, dass das Unwetter, das dir in den Gliedern steckt, nur der Regen ist, der deine Hitzigkeit endlich wegspült. Manchmal solltest du einfach mal mutig sein. Und manchmal solltest du einfach mal in der Sonne liegen und die Fresse halten.

Es gibt Dinge, die fasst man nicht zweimal an. Heiße Herdplatten zum Beispiel (ich jedenfalls war danach mehrere Tage nicht in der Lage meine rechte Hand adäquat zu benutzen- was Warnung genug war). Zumindest denkt und handelt man so, wenn man nicht ganz bescheuert ist. Dem entgegengesetzt gibt es Dinge, die man auf jeden Fall mindestens zweimal anfassen sollte. Frisch gewaschene Bettlaken, ein Geländer auf dem die letzten Regentropfen noch verbleiben, den Telefonhörer, um sich endlich zu entschuldigen. Aber lohnt es sich auch, Menschen zweimal anzufassen (in einem höchstgradig metaphorischen Sinn)?

Malte Welding veröffentlichte unlängst diesen Artikel in seinem Blog “Die Frage nach der Liebe”, in dem es um die Frage geht, wie viele Trennungen wir eigentlich ertragen müssen und wenn wir sie schon ertragen müssen: Wie viele können wir denn eigentlich aushalten, ohne das Handtuch zu werfen, was in diesem Fall meint, lieber alleine zu bleiben, als sich den Terror einer weiteren Trennung antun zu müssen. Denn nichts anderes sind Trennungen: Herz- und Kopfterror. Nicht selten werden Getrennte bisweilen sogar körperlich krank und so richtig verheilen die Wunden im Innen und Außen ja nie. Das wissen wir, seitdem wir das erste Mal ein Komm-Zurück-Mixtape verschickt haben und niemals eine Antwort erhielten. Trennung tut weh und Trennung ist Sport geworden.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis bedeutet Trennung aber auch etwas anderes, als den Krieg kalter Herzen: Sie bedeutet die Rückbesinnung auf das Individuum, die „Trennung als Chance“, die ganze Maschinerie der Selbstverwirklichung. Wer getrennt wurde oder sich getrennt hat, wird unermüdlich aufgefordert, sich jetzt gefälligst einmal um sich selber zu kümmern. „Um sich selber“, das heißt, dass eine Optimierung des Selbst stattfinden soll: Endlich mal Sport treiben, denn das ganze Sitzfleisch der Beziehung muss nicht nur im Inneren abgetragen werden. Endlich gesunde Ernährung, endlich mal wieder soziales Leben, denn der verkümmerte Beziehungshybrid soll wieder ein „Ich“ werden, das sich in das soziale Gefüge der anderen „ichs“ einen neuen Platz zu suchen hat. Es darf getrunken und gefeiert werden, es darf sich „ausgelebt“ werden, auch, wenn nie jemand so genau weiß, was das jetzt eigentlich heißt: sich um sich selber zu kümmern, sich auszuleben, sich neu kennen zu lernen.

Unweigerlich stellen sich die Fragen: Habe ich mich etwa im Zustand des „Wir“ nicht ausgelebt? Habe ich mich nicht um mich gekümmert? Habe ich etwa keine Ahnung, wer ich eigentlich bin, wenn ich kein Wir bin? Und wenn das so ist: Heißt eine Trennung nichts anderes mehr, als eine Optimierung des Ichs, auf dass beim nächsten Mal alles besser läuft, der Partner besser ist, die Beziehung besser ist, das Subjekt ein besseres ist?

Nach einer schmerzhaften Trennung durchlief auch ich diesen Prozess. Zunächst wurde getröstet und aufgefangen, dann gewütet, dann aufgefordert zu der Rückbesinnung auf die Person, die ich sein sollte ohne den Mann, mit dem ich zusammen gewesen war. Zunächst stellte sich mir die Frage: Wenn die Rückbesinnung auf das Selbst das Ziel eines Prozesses nach einer Trennung sein soll, findet dieser Prozess nicht trotzdem in Abhängigkeit zu dem oder der Verflossenen statt, weil er im Kontext der Trennung steht und / also auch im Kontext der anderen Person? Einfacher ausgedrückt: Wenn ich eine andere werden soll, weil ich getrennt wurde, ist nicht eben genau dieses Ziel wieder darauf ausgelegt a) einen neuen Partner zu finden und b) mich vom alten durch die Veränderung meiner selbst abzugrenzen? Und bleibe ich nicht genau so ein Subjekt im Kontext mit dem ewig Gleichen?

Nach einer Weile des Sporttreibens, der Verschönerung und des Auslebens meiner Wünsche, die ich in einer Beziehung nicht ausleben zu können glaubte, fand ich mich nach zwei Monaten an einem Punkt wieder, der mich zutiefst deprimierte: Ich lebte ein Leben, das ich mochte, mit Freunden, die ich mochte und Interessen, die ich mochte, aber am Ende blieb die Frage: Wofür hatte ich das alles getan? Für mich? Für die “anderen”? Für einen neuen potentiellen Partner? Und wenn es für eben jenen sein sollte: War ich dann nicht aus dem einen Wir zu einem Wir geworden, dessen eine Hälfte ich war und dessen andere Hälfte eine Option war? Zu meinem Glück ergab es sich, dass die Trennung eine vorübergehende sein sollte und ich mit meinem Partner wieder zusammenkam.

Und dann erlebte ich Erstaunliches: Die Maschine wehrte sich gegen diese Option. Denn die Maschinerie der Therapeuten, der Life-Coaches, der Sportzentren und Selbsthilfegruppen ist auf diesen Fall nicht ausgelegt. Zurück zum Alten? Ein zweiter Versuch? Ein Rückschritt? Zweifelhaft und eigentlich ausgeschlossen. Denn was Trennung heute bedeutet, zeigte sich nun ganz deutlich: Das Begräbnis einer Phase, das Zurückbesinnen auf das Selbst und danach bitte loslaufen und einen neuen Partner finden / eine neue Phase / ein neues Leben beginnen. Wer zurückblickt hat nur Angst, alleine zu sein. Wer zurückblickt kann nur nicht loslassen. Wer wieder zusammen kommt, hat nicht verstanden, sich selber besser kennen zu lernen. Aber ist das wirklich so?

Abgesehen von der Tatsache, dass die Wiedervereinigung mit einem Partner so spannend ist wie ein neues Kennenlernen und mindestens so kompliziert, ergeben sich ganz neue Variablen, die mich zutiefst erschrecken: Das Wieder-Zusammenfinden ist zu einer Art Makel geworden. Nicht mehr diejenigen, die eine Trennung durchleben werden als „gescheitert“ betrachtet, sondern jene, die sie rückgängig machen. Nicht mehr den „alten Partnern“ wird eine Chance auf ein neues, vielleicht besseres Leben zugestanden, sondern jenen, die „nach vorne“ blicken und sich neu orientieren.

Dass dies keine neue Entwicklung ist, ist deutlich, wenn man die Scheidungsraten betrachtet. Dass die Partner nicht wie vor Jahrzehnten noch in engen Familienbünden aus beiden Parteien leben und daher eine Art übergeordnetes Interesse an einer Wiederzusammenkunft bzw. keiner Trennung besteht, ist auch offensichtlich. Wir sind eine Single Nation aus Single Haushalten und Familie ist zu einem Wagnis geworden. All das erklärt die Reaktionen auf eine Versöhnung (und natürlich der Umstand, dass das Umfeld viel Trauer und Schmerz mitbekommen hat, die so eine Trennung mit sich bringen und natürlich Besorgnis vorherrscht, dass selbiges sich wiederholen könnte), die zumeist befremdet sind und voller Skepsis. Vielleicht ist es manchmal gut, Dinge nicht zweimal anzufassen. Und manche Beziehungen sind so sehr gescheitert und vergiftet, dass ein erneuter Versuch bisweilen mehr Schmerz bringt als die endgültige Trennung. Es gibt aber durchaus auch Menschen, die den Mut haben, es ein zweites Mal zu versuchen. Vielleicht weil sie sich genug lieben, vielleicht weil sie nicht alleine sein können (schon immer eine schwierige Unterscheidung).

Ich habe schon immer für diese zweiten Chancen plädiert und tue es heute umso vehementer. Denn ich glaube an das Ich im Wir. Ich glaube daran, dass zwei Menschen durch einen so immensen Einschnitt wie eine Trennung ihn darstellt, lernen können, beim zweiten Mal vorsichtiger zu sein. Und ich glaube daran, dass es in der Liebe niemals um Optimierung gehen sollte. Vielleicht um die Verbesserung einiger Teilbereiche (Kommunikation / Sexualität / Vertrauen – um nur einige zu nennen), aber doch bitte nicht darum, den „idealen Partner“ zu finden. Den gibt es nicht. Das sollten wir alle mittlerweile gelernt haben.

Ich glaube nicht an das Konstrukt des grunderneuerten Ichs, das beim nächsten Mal alles ganz anders macht (vielleicht ein wenig anders, aber bestimmt nicht ganz anders). Woran ich aber glaube ist eine Liebe, die stark genug ist zu akzeptieren, dass der Mensch, mit dem man sein Leben verbringen möchte, eben auch nur ein Mensch ist mit all seinen Fehlern und Irrtümern und Makeln. Genau wie wir selber. Und ich glaube daran, dass Liebe etwas sein kann, das durch eine Trennung noch weiter wachsen kann. Ich glaube daran, dass man manche Menschen zweimal anfassen sollte und dass diese Chance nicht nur eine für den anderen ist, sondern auch eine für sich selbst: nämlich eine dafür, den Glauben zu bewahren, dass jede Liebe, jede Beziehung ganz einzigartig ist und nicht „mal eben so“ ausgetauscht werden kann für die optimierte Variante des Ex-Partners. Oder wie es bei Malte Welding steht:

Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist eine größere Verwundbarkeit. Ein hoher Preis, aber am Ende lohnt er sich.