Am Dienstag setzte ich mich in einen Zug nach Erlangen. Die Kälte, die aus der Klimaanlage kam, schüttelte mir die Beine und die Arme und ich sah aus dem Fenster den Schnee kommen und als ich Erlangen erreichte nach fünf Stunden, da war er schon da und wartete auf mich. Ich lief in das Hotel, das man mir gebucht hatte, einmal quer durch Erlangen, müde und mit Kopfweh lief ich durch die engsten Gassen, die ich seit Siena gesehen hatte und wunderte mich über die Größe eines Landes, in dem ich “zuhause” bin und das doch so oft fremd ist, wenn man nur einmal 300 Kliometer vom Norden in den Süden fährt und mit jedem Kilometer verändert sich die Landschaft, die Häuser, die Architektur, ja, selbst der Geruch.

Nach dreißig Minuten erreichte ich das Hotel und fand gerade einmal genug Zeit, um noch eilig Kopfschmerzentabletten einzupacken, die Brille aufzusetzen, die ich eigentlich dringend benötige, jedoch immer vergesse oder zu hässlich finde oder die mir desöfteren verloren gewesen zu schien.

Die Gedanken, die mir vor einem solchen Auftritt, vor einer solchen Lesung durch den Kopf fallen, sind häufig solche panischer Natur und ich zitterte, als ich durch die Tür des “E-Werk”s ging, an dessen Pforte ich mir selber ins Gesicht sah und mich erinnert fühlte an den Moment des Entstehens dieses Bildes, ein dunkler Moment in einem dunklen Monat voller Tränen und ich traf die Veranstalterin und eine sehr freundliche Dame, die den Büchertisch betreute und ich las zwei Stunden und fühlte mich bisweilen elend, weil das Kopfweh mir zusetzte und ja, noch viel mehr das Gelesene, bei dem es mir immer schwerer fällt, es vorzutragen. Da laufen Gedankenfilme, deren Licht mich blendet, da sitze ich im Kopf im Kino und sehe mir selber beim Fallen zu und ich weiß schon jetzt, dass es mir bei jedem Text so gehen wird, weil ich keine Bücher mit Happy End schreibe, weil bei mir alle immer ein bisschen kaputt und ein bisschen wütend und sehr, sehr traurig sind.

Zurück im Hotel packte ich schon einmal meine Sachen, denn am nächsten Morgen blieb dafür kaum Zeit und ich trank Kamillentee und kein Bier, ich trank Halsschmerzsaft und nahm eine Schlaftablette und ich ärgerte mich über mich, denn das Reisen setzt mir zu, macht mich müde und krank und dabei mag ich es, in fremden Betten zu schlafen in großen Hotels, ich mag das Gefühl, heimatlos zu sein, ganz offiziell, aber all das eben nur in homöopathischen Dosierungen und ich schlief ein mit den Gedanken an “zuhause” und daran, dass ich jetzt all das erlebte, das ich mir immer gewünscht hatte und wie traurig ich über mich war, dass ich es nicht genoss, dass ich es mir verwehrte und dass die alte Angst mich noch immer küsste, als seien wir das Liebespaar, das wir nie waren.

Ich fuhr mit dem Zug weiter in den Süden, durch endlose Schneetäler und Eisberge und ich genoss die Fahrt, als hätte ich nie Angst in Zügen gehabt, als hätte ich nie heimlich Beruhigungsmedikation gefressen, während ich schweißgebadet auf meinem Sitz saß.
In München lag Schnee, so hoch, dass ich beinahe darin versank und ein Taxi-Fahrer blaffte mich an, so eine kurze Strecke, die könne man auch zu Fuß laufen und ich versuchte ihn, zu besänftigen, das alte Muster, jaja, und dann fuhren wir doch über zehn Minuten und die Strecke war vereist und ich wäre mit meinem Gepäck eine halbe Stunde lang nicht voran gekommen und ich dachte daran, dem Taxi Fahrer “meine Meinung” zu sagen, aber die war nur Gefühl, war nur Wut und ich entschloss mich dazu, zu schweigen und betrat das Hotel Olympic, ein sehr altes Hotel im Glockenbachviertel und bekannt unter Künstlern, Autoren und Prominenten, jedes Zimmer anders, alte Möblierung, Ausstellungen und keine Minibar, das Zimmer eiskalt und winzig, die Betten durchgelegen und klein, aber der Nachtportier ein Mann, der seit 30 Jahren nichts anderes macht und der Hotelchef und die -chefin klug und freundlich und amüsant und ich beschwerte mich nur innerlich, weil mein Unbehagen etwas mit Weh zu tun hatte, das einer ganz anderen Tatsache zugrunde lag als der, dass das Zimmer so kalt war. ich spürte das Heimweh deutlicher in München als anderwo, woran das liegen mag, ich weiß es nicht, ich schätze die Stadt und die Menschen in ihr und ich mag Hotels, die sind wie jenes, aber ich war krank und müde und voller Heimweh und ich hätte mich überall unwohl gefühlt in jenen Momenten. 

Am Abend traf ich die Menschen aus dem Verlag, die überhaupt erst möglich machen, dass ich all das erleben darf und jedes Mal bin ich ganz gerührt, wenn ich sie treffe und denke, dass sie brennen und beben für das, was sie tun und wie glücklich ich mich schätzen darf, einen solchen Verleger, eine solche Presseabteilung, solche Vertriebs- und Lektoratsmenschen hinter mir zu wissen und wir hatten einen wunderbaren Abend, wie immer, wenn ich sie alle treffe und ich schlitterte betrunken und müde ins Hotel zurück und verbrachte noch eine Weile in der Kälte rauchend mit dem Nachtportier und dem Hotelchef und dann legte ich mich schlafen, nervös und ängstlich vor dem nächsten Tag.

Der Donnerstag begann mit Zittern und Angst, ein Fernsehauftritt am Abend, an nichts anderes konnte ich denken, als ich müde in den Zug nach Stuttgart stieg. Schon am Morgen war mir übel, eine Übelkeit, die meinen ganzen Köper ergriff, denn das Auftreten im Fernsehen und das Geben von Interviews ist noch immer etwas, das mich panisch werden lässt und jedes Mal erscheint es mir, als sei das gar nicht ich, die da spricht, als sei ich eine winzige Dame, die in einer großen Frau zu Hause ist, die ihr Gesicht in Kamera drei hält. Und der Schnee vor dem Fenster sah mir beim Angsthaben zu, beim Kapitulieren, beim Zittern und ich sah zurück, las ein Buch, bläterte in meinem Terminkalender und dachte unentwegt: Das hier werden die Tage sein, an die du wehmütig denken wirst, Tage, in denen Menschen dich gelesen haben, dich eingeladen haben, dir zugehört haben und du dankst es mit Angst, einen solch schlechten Handel hat die Welt noch nicht gesehen.

In Stuttgart holte man mich vom Bahnhof an und dann: Hotel, Dusche, Auto, Schloss, Maske, Kameras an, Hallohallo, Reden, Kameras aus, Hotel, großes Essen, Schlaflosigkeit, Frühstück, Bahnhof, zurück nach München.


Am Freitagnachmittag erreichte ich wieder den Münchener Hauptbahnhof und wurde zum Bayrischen Rundfunk begleitet und dort gab ich ein einstündiges Interview, das ungewohnt heiter und ungewohnt lang war und es war schön, über so vieles zu sprechen und nicht nur über das eine und ich fuhr zum Flughafen, am Morgen sagte der Fernseher im Hotel, dass alle Flüge nach Hamburg gestrichen seien und ich wurde durch die Sicherheitskontrolle gelassen und erhielt mein Ticket und ich war glücklich, denn ich durfte nach Hause und ich aß in der Halle die teuerste schlechteste Pizza meines Lebens und ich saß neben einem Tisch mit Männern, die teure Anzüge trugen und sich über die Arbeit unterhielten, sie hatten einen Geschäftstermin in München gehabt und sahen müde aus und alt und grau und als ich sie beobachtete und ihren Gesprächen zuhörte, da war es auf einmal da, das Gefühl, auf das ich gewartet hatte: Dankbarkeit. Mit einem Mal setzte sie sich zu mir und legte mir ihre Hand auf den Kopf und sie sprach von all diesen Dingen, von dem Glück, das ich habe, von der Arbeit, die ich machen darf und von der Tatsache, dass ich einen Beruf habe, in dem ich reisen darf und in dem ich Bücher schreiben darf und in dem ich in vier Tagen quer durch den Süden reise und leuchtende Menschen kennenlerne und sie ist noch rechtzeitig gekommen, die Dankbarkeit, um mit einem Lächeln und ganz viel Stolz nach Hause zurück zu fliegen.

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