LIEBE, JETZT!

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Bonjour Frau- und Herrschaften.

Es gibt Neuigkeiten aus dem Hause Weßling. Die haben etwas mit dem SOBOOKS Verlag zu tun. Dieser kleine, schicke, digitale Verlag hat gerade eine Anthologie herausgegeben und die findet ihr hier. LIEBE, JETZT! heißt sie und es finden sich dort Texte von Clara Ott, Julia Schramm, Benjamin Lauterbach und vielen anderen tollen Menschen. Und weil es um die Liebe geht, habe ich auch mitgemacht. “WIR KRIEGER DES NICHTS” heißt der Text. Die Anthologie könnt ihr als E-Book hier kaufen und darum gehts:

In “Liebe, jetzt!” erzählen Autoren von der Liebe. Das ist manchmal spektakulär und manchmal ganz klein und zart. Sie erzählen von den Hochgefühlen, der Sehnsucht, der Einsamkeit, der Freude, der Vergänglichkeit, dem Schmerz und den seltenen Augenblicken, in denen die Welt still steht und einmal ganz tief durchatmet. Doch es geht auch um Abgründe, wenn Liebe zu Hass wird oder einfach nicht mehr mitkommt, sich im Dickicht der Begegnungen vielleicht sogar verliert. Doch zeigen alle Geschichten und Texte: Wäre die Liebe eine Aktie, man sollte sie besser nie abstoßen.

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Fuck you Rilke

hiherbst

Was ich brauche ist kein Held, kein Pferd, keinen Wein und niemanden, der für mich anhält. Sagst du und setzt dich auf den Boden des 15qm großen Aquariums, das du bewohnst. Was du nicht sagst, erzählen deine Augenringe, deine lahme Gestik, deine müde Mimik. Eins, zwei, drei, vorbei, sagst du und lachst. Dein Lächeln ist aus Pappmaschee, ein Funken und es stünde in Flammen. Leider brennst du nur in den Nächten und es kommt auch niemand und löscht dich, am Morgen sammelst du die Asche auf und steckst sie in die Schatulle mit all den anderen Metaphern, die du dir und deinem wilden Tier von Herzen schon gegeben hast. Du sagst: Klar brenne ich, ich brenne lichterloh, ich will tanzen, ich will lachen, ich will schreien, ich will das alles machen und fragst du mich, ob ich lieber jemanden hätte, zu dem ich heimkehren kann oder wen, mit dem ich abhauen kann, dann sagte ich: Renn, ich komm hinterher, wenn ich nach deiner Hand greife, dann sind du und ich endlich wir und nicht mehr irgendwer.
Das ist natürlich kitschig und das wissen wir ja beide schon, dass man immer so schön redet, wenn es sich eigentlich schon nicht mehr lohnt. Du sagst:
Heute brauche ich wen, der kommt und sagt: Ich bin jetzt da, ich brauche dich und du mich nicht, keiner braucht hier irgendwen, komm, mach Platz, rück mal ein Stück im Bett nach rechts, ich lege mich zu dir, wir schweigen und sprechen bloß noch in Atemzügen und Pulsschlägen, eins, zwei, drei, vier, fünf, bis wir einschlafen, Hand in Hand.

Du sagst: Heute ist der Wind gekommen, schau, das ist schon Herbst da draußen, ich wünschte, jemand würde sagen: Vergiss Rilke und vergiss die Rabauken, vergiss das Flüchtige und vergiss das Saufen, wir wissen doch beide schon, dass man immer so schön redet, wenn es eigentlich schon nicht mehr lohnt, also lass uns schweigen über uns.

Nullkommadreisekunden bis Normalnull

ohhibrücke

 

Das ist natürlich nicht so schön. Dass du nicht schlafen kannst, mein Mädchen, dass du nicht in die Anzüge passt, nicht in die Gedanken, da ist einfach nicht genug Platz, egal, wie sehr du dich zusammenreißt, zusammenstauchst, zusammennimmst – da passt nicht einmal dein Herz rein, das du versuchst da hineinzustopfen, los, los, los, das muss doch gehen, das muss doch passen, da passt doch auch alles andere hinein, warum ich denn nicht, schreist du dabei und dann nimmst du das dumme Ding und trägst es wieder nach Hause.

(Ein Wunsch: Mit Stolz, mit Stolz trägst du es beim nächsten Mal nach Hause, komm schon, Kopf hoch, Herz raus, so geht das doch, oder?)

Das ist natürlich nicht so schön, dass dir ständig etwas hinunterfällt auf den Betonboden von Realitäten, dass du mal wieder in Metaphern sprechen willst, während der Kaffee durchläuft. Dass du schon wieder sagen willst: Aber wir, wir sind doch was, wir sind doch wer, wir sind doch… ach egal, Kaffee ist fertig, leere Küche, leere Tasse, volle Blicke auf ein Zurück, das schon jetzt nicht mehr da ist, denn so ist das mit unserer Wahrnehmung: immer 0,3 Sekunden zu spät und deshalb lachst du beim nächsten Mal, wenn jemand sagt, dass man doch mal, also man müsste doch mal, also man muss doch wirklich im Hier und Jetzt leben. Nullkommadreisekunden, sagst du dann, das Gehirn braucht Nullkommadreisekunden, um alle Informationen zu verarbeiten und deshalb lebt überhaupt gar keiner im Jetzt, sondern alle nur im war-doch-gerade-noch-da-war-doch-gerade-noch-alles-anders, oder?

ohhiwater

Das ist natürlich nicht so schön, dass du dir immer den Kopf verrenkst bei dem Versuch, nach vorne zu schauen, während die Gedanken noch beim Gestern sind. Das macht ja keinen Spaß, sich ständig so zu verrenken. Das ist natürlich nicht so schön, das mit dem Nebel und den Schiffen, das mit der Taubheit und den Wünschen, das mit dem Drama und das mit den besser-nicht-gesagten-Worten, das mit dem Übertreiben und das mit den versauten Orten voller Ach-hätte-ich-mal-nie und immer diese Idiotie der Melancholie, so klappt das doch nicht, Mädchen, so klappt das doch nun wirklich nie.

Das ist natürlich ziemlich schön, dass du all das trotzdem immer wieder versuchst, du kluges Mädchen, du mit deinem Trotzkopfherz, noch Nullkommadreisekunden bis Normalnull, noch dreimal Lächeln und zwei Nächte, einfach bis drei zählen, einfach im Hier und Jetzt, das nie richtig da und sowieso genau jetzt schon wieder vorbei ist.

(R)aus

thisisthething

 

Da ist ein Zittern in mir, ein Vibrieren , ein Brennen, ein Juckreiz auf der Haut und hinter den Augen, ein schwieriges Gefühl, zu viel Angst und zu wenig sich selbst die Müdigkeit erlauben, die ständig fragt: Wann machen wir mal Pause, wann halten wir denn jetzt an, wann habe ich mal etwas zu sagen und wann ist „irgendwann“? Die Müdigkeit will sich selbst erlauben, da zu sein, das Ich will warten auf jemanden, der kommt und sagt:„Ich nehme dich mit und bringe dich ans Meer, an den See, einfach von hier fort, ich weiß, du hast nicht gefragt, weil du nicht kannst, aber ich packe dich jetzt ein und bringe dich an einen sicheren Ort.“

Da ist ein zorniger Vogel in mir, der nichts von Nestern weiß, aber sich in Scheuchen verliebt, ein struppiges Tier, das am Tag in den Bäumen schläft und in der Nacht umherfliegt. Er kann nicht schlafen und kann nicht rasten, er kann nicht fort, aber er kann das Versuchen nicht lassen.

Der Vogel sitzt am Abend ganz still auf seinem Platz und lauscht der Stimme, die sagt:„Komm, wir ziehen den Stecker, du weißt schon.“„Woraus?“ fragt er und wartet, bis die Müdigkeit leise spricht:„Einfach aus allem, auf dem zu viel Strom drauf ist.“

Komm, renn mit mir.

hifly

1. Akt

Natürlich berührt dich das, dich berührt ja alles. Dass die Straßen immer voller und die Köpfe immer leerer werden. Dass du den Namen vom Kaffeemann nicht kennst, aber die Geschichte seines gebrochenen Herzens. Dass du nie an etwas vorbeigehen kannst. Dass nie mal etwas einfach an dir vorbeigeht. Dass du alles immer mitnehmen musst, einpacken und aufbewahren, in den Einmachgläsern deines Kopfes schwimmen die Gedanken, die Nächte und die Tage, jeder Geruch, jedes Wort, jede Berührung, so zufällig sie auch gewesen sein mag. Und der griechische Chor singt für dich sein Lied.

2. Akt

Komm, renn mit mir, komm, fang mich, komm, lass uns all die Sachen machen, die wir uns vorgestellt haben in all den Nächten, in denen wir in fremden Betten lagen und dachten: Wenn das alles ist, dann nehme ich nichts. Komm, lass uns schwimmen gehen, lass uns uns schwindelig machen, komm, lass uns fangen spielen und verstecken, lass uns Kinder sein und aneinander verrecken, lass uns Finger sein auf nackten Brüsten, auf Hüftknochen und Mündern, lass uns Sommer sein im Kopf und Winter für die anderen, komm, lass uns uns lieben und damit nicht mehr aufhören, lass uns Banditen sein und Haudegen, Schlitzohren und Einbrecher, lass uns tanzen gehen und lachen, lass uns weinen über die falschen Sachen, lass uns die sein, die die anderen nicht ertragen, lass uns dramatisch sein und wild, völlig lächerlich glücklich und so jämmerlich banal in jedem Augenblick, dreckige Witze und Flaschenbier, deine Hand in meiner nachts um vier.

3. Akt

Reiß dich nicht zusammen und benimm dich einfach daneben, schrei einfach raus, was du verschweigen willst. Vergiss einfach mal, dass du dich ständig verläufst in fremden Herzen, dass du ständig ersäufst in anderen Köpfen. Sag jemandem, dass du ihn liebst und sag keinem, dass du manchmal Angst hast, dass es das gar nicht mehr gibt. Schlag um dich und sei wild, fall hin, brich dir die Beine und das Herz.

4. Akt

Natürlich berührt dich das, dich berührt ja alles viel zu sehr. Natürlich hast du Angst und machst es dir schwer, natürlich willst du weglaufen und keinem erzählen, dass du brennst, dass du hungrig bist nach Tagen und Nächten, nach Reizen und Lenden, nach Betäubung und Melancholie, nach Fremdem und Neuem und Drama und Gier. Natürlich, sagen die anderen, musst du mal schlafen, musst du mal rasten, musst du mal gehen und musst du mal fasten, natürlich, sagen die anderen, musst du dich mal zusammenreißen und dich mal benehmen, dich mal erinnern und dir mal vergeben, aber, und das weißt du genau,

5. Akt

wenigstens ist alles echt, alles da, alles zum Anfassen, zum Lieben, Verlieren und zum Teufel damit: Du kannst es ja doch nicht lassen, was für ein Glück.

 

 

Text unterwegs anhören? Na bitte: