Am liebsten

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Am liebsten wäre ich die, die sagt: Ist mir doch egal. Ich ziehe jetzt meinen Mantel an und dann gehe ich und du kannst gar nichts dagegen machen, guck mal, wie gut ich gehen kann, guck mal, wie egal ich sein kann, schau mal, wie weh das jetzt tut. Ich nehme jetzt meinen Mantel und die Bilder nehme ich auch mit und das Geschenk und alle Geschenke, die du jemals von mir bekommen hast und das nehme ich jetzt alles mit und mich, mich gleich mit, da kannst du mal sehen, wie leicht das ist.

Am liebsten wäre ich die, die dann tanzen geht, trinken und ficken und lachen, über Menschen wie mich, die nicht loslassen können, während ich mich am Glas festhalte und es dann irgendwo vergesse, weil ich nämlich manche Dinge doch loslassen kann: Gläser, Kaugummis und diese Geschichten von denen du nichts weißt, die schreibe ich auf Schmirgelpapier und ziehe sie mir übers Herz, mein Herz, schau mal, wie leicht das geht.

Am liebsten wäre ich die, die sagt: Ich habe das schon längst vergessen, ich kann mich an gar nichts erinnern, hörst du, an nichts. Ich schlafe nachts ganz ruhig in meinem aufgeräumten Zimmer und am Morgen stehe ich auf und gehe zu einer Arbeit mit Menschen, die glauben, dass ich nicht zu ersetzen bin und am Mittag essen wir Salat und am Abend gehen wir zum Sport und am Sonntag Tatort und dabei essen wir gesunde Sachen und denken nicht in Schleifen und Knallpapier, nicht in Stacheldraht und Lethargie, sondern bloß an all die Dinge, die wir noch erleben wollen, weil wir so verdammt da sind, so leicht sind, so sehr dabei, kannst du nachschauen in meinem Intsgram-Account.

Am liebsten wäre ich die, für die jemand anders als der Lieferdienst kocht und wenn ich nachts nach Hause falle, fängt mich jemand auf, weil ich auch die bin, die das gar nicht braucht, denn am Ende kriegen immer die all die Sachen, die alles schon haben, weil sie gar nichts brauchen und gar nichts dafür machen.

Am liebsten wäre ich das Mädchen, das jetzt über dich lacht, ha, schau mal her, wie wenig mir das ausmacht, ich bin so gleichgültig, ich bin so frei, ich denke gar nicht mehr an dich und ich bin auch nicht die, die deinen Namen ins Kopfkissen schreit und am wenigsten bin ich die, die immer noch über dich schreibt.

Jemand müsste da sein, der dich sieht.

Krise

Jemand müsste da sein, der dich sieht. Jemand müsste an deinem Bett stehen und sagen “aufstehen” und dir einen Kaffee bringen und dir über die müden Augen streichen, ganz leicht, gerade so, dass du weißt: hier ist also jemand, den es kümmert.

Jemand müsste dich sehen, während du aufstehst, rausgehst, durchdrehst, jemand müsste da sein und sagen: Das bekommen wir schon hin.

Jemand müsste zuschauen, wenn du im Bus sitzt, du und die Musik, du und der Kaffee, du und der Tag, der jetzt schon verschwimmt. Jemand müsste dann neben dir sitzen und sagen: Da draußen taumeln und fallen doch alle, schau mal, wie sie sich beeilen, sich die Zeit zu vertreiben, die sie am Ende dann beklagen, weil sie immer zu wenig ist, die verdammte Zeit und wenn man sie mal hat, dann ist sie zu viel und jetzt trink deinen Kaffee aus und trink deinen Fruchtsaft aus biologisch-ökologisch-dynamischen-Anbau und steig aus, die nächste Haltestelle, du weißt schon und dann holtst du Luft und dann holtst du die Zigaretten aus der Tasche und atmest den Rauch deiner eigenen Idiotie ein und dann lachst du gefälligst, dann lachst du bis du keine Luft mehr bekommst.

Jemand müsste da sein, in den Nächten, wenn du trinkst und tanzt und fällst und schubst und dich bewegst wie jemand, der eine Ahnung hat von dem, was er da tut. Jemand müsste dich dann küssen und dir sagen, dass er dich mag, hörst du, dass er dich wirklich mag, auch mit nassen Haaren und Pickeln und Angst.

Jemand müsste da sein, wenn du nachts alleine in deinem Bett liegst und den Stimmen lauschst, den Ungeheuern und Monstern, dem Pochen deines Herzens. Jemand müsste dann da sein und dir sagen, dass du kämpfen musst und dass das nicht “siegen” bedeutet, aber “versuchen” und die, die es nicht mal versuchen, sind die, die immer verlieren.

Jemand müsste da sein, der klatscht, wenn du heulst, der für dich schreit, wenn du lachst, der für dich die Konsequenzen und die Schuld übernimmt, der sagt: So nicht und so auch nicht, aber so, das wäre doch eine Möglichkeit.

Jemand müsste da sein, der dich fängt, wenn du dich mal wieder zu schnell drehst, der löscht, was du anzündest, der abbrennt, was du ertränkst, der dich liebt und das auch so meint, der für dich tötet und für dich schreit, der dich liebt, der dich liebt und der dich sieht, der seinen Kopf in deinen Schoß legt und deinen ganz einnimmt, der dein Herz und deinen Bauch besinnungslos besinnt.

Aus diesem Leben kommen wir nie mehr wieder raus.

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1

An dieser Straßenecke war ich für einen Moment der traurigste Mensch der Welt, versprochen. Nie kann jemand dort trauriger gewesen sein, als ich. Wenn ich mit dem Bus dort vorbeifahre, stelle ich mir vor, wie dort ein Denkmal für mich errichtet wird. Auf dem steht: hier hat der traurigste Mensch der Welt für dich geweint.

2

Wie gefällt dir dieser Gedanke: jemand weint um dich. Ich glaube, die Antwort verrät ziemlich viel über jemanden. Findest du das schön? Findest du es traurig? Sammelst du Tränen, wie du Unterwäsche sammelst? Und Haarnadeln, die sie in deinem Bett verloren haben? Und Momente, die jemand mit dir geteilt hat, der noch gar nicht wusste, dass du gar nichts teilen kannst, das dir nicht gehört.

3

Unsere Stadt ist aus Klebstoff. Überall haben wir unsere Namen mit einer Berührung festgeklebt. Hier haben wir dümmlich gelacht und dort noch dümmer geweint über das Dümmste der Welt: uns zwei. Hier haben wir getanzt und hier haben wir getrunken, dort drüben stand dein Fahrrad, ich weiß es noch genau. In diesem Bett haben wir uns kennengelernt und in diesem haben wir uns verloren. An dieser Laterne hast du etwas versprochen und an allen anderen alles wieder gebrochen. Aus diesem Fenster hast du nur zugesehen, als ich gegangen bin. Aus diesem Leben kommen wir nie wieder raus.

4

Manchmal, sagen sie, ist für immer nur bis heute Nacht. Manchmal, sagen sie, ist das auch gut so. Manchmal, sage ich, ist das schlimmste Vielleicht von allen. Wir stoßen dann an, auf die Liebe und die Wahrheit, und lachen dabei ein bisschen zynisch und ein bisschen böse, weil es das ja gar nicht mehr gibt, die Liebe und die Wahrheit (sagen wir) und wir das auch gar nicht brauchen würden, obschon wir wissen, dass wir überhaupt gar nichts mehr brauchen, als das. Aber die Nacht, aber die Gesichter, aber das Leuchten der Gläser – darin ertränken wir uns, bis wir gar nichts mehr fühlen und gar nichts mehr wissen, denn alles ist ja besser, denn alles ist ja zu ertragen, das nicht die Wahrheit ist und nicht die Liebe, das nicht dein Gesicht ist und deine Hand, die hält, was unser Schweigen mal versprochen hat in Nächten wie diesen. Und versprochen, mein Herz, diese Liebe ist die größte Wahrheit von allen.

ausdiesemlebenkommenwirniewiederraus

Weil ich es nicht fassen kann, dass ich es nicht lassen kann (I)

Also

 

 


1

Du liegst da so. “So?” fragst du und drehst dich weg. Das ist das Liegen, das genau “so” ist. Ein Liegen, das wie Wegdrehen ist nach einem Streit und einem “Verzeihung, es war nicht so gemeint”, das genau so gemeint war. Das ist das “so” dieser Tage, an denen am Ende alles immer irgendwie “so” gerade noch klappt. Eine Auflistung der Dinge, die gerade noch so hinhauen. Schlafen (irgendwie). Essen (irgendwas). Trinken (alles, schnell, viel). Manchmal jemanden grüßen (keinen), manchmal jemanden treffen (keinen), eine Ahnung davon haben, was noch so möglich wäre (keine).

2

Eine Liebe müsste es geben, in der das Telefon klingelt, wenn du nachts durch die Straßen läufst und frierst und einsam bist und dich ein bisschen ekelig fühlst und ein bisschen so, als würde niemand an dich denken, was vermutlich auch niemand tut, denn es ist ja schon halb vier am Morgen und da denkt doch keiner und wenn sie denken, dann doch nicht an dich, das wäre ja auch noch schöner. Und genau in einem dieser Momente klingelt dein Telefon und jemand sagt: Ich weiß, es ist verrückt, dass ich gerade an dich denke, denn es ist ja halb vier am Morgen und da denkt doch keiner und erst recht nicht an dich, aber guck mal an, macht ja doch einer und zwar ich, Überraschung.

Eine Liebe müsste es geben, in der nachts jemand vor deiner Haustür steht und sagt: Nur die Spinner in den Filmen klingeln nachts an Türen, weil das ein bisschen dramatisch ist und ein bisschen romantisch und das mögen die Menschen ja, wenn es so ist, wie sie das in ihrem eigenen Leben nicht haben, weil da immer nur der DHL Mann klingelt, morgens, um acht, und sie sich ein bisschen schämen, weil sie noch gar nicht geduscht sind und auch noch nicht die Zähne geputzt haben. Und wenn er später klingelt, so gegen 11, weil ja sonst niemand im Haus die Tür geöffnet hat, dann schämen sie sich ja noch mehr, weil sie ganz alleine zuhause sind, während alle einer Sozialversicherungspflichtigen Beschäftigung nachgehen und nur sie öffnen noch die Tür. Aber ich klingle nachts bei dir, weil dann die Ungeheuer über dir toben und die Stimmen ganz laut sind und der Mut ganz leise und genau dann stehe ich vor deiner Tür und lege meinen Kopf an deinen Hals und atme ein und atme aus und warte ab, was passiert und dann legen wir uns in dein Bett und sagen einfach mal gar nichts, weil das unsere Vorstellung von Romantik ist: einfach mal den Mund halten.

Eine Liebe müsste es geben, in der sich jemand mit dir die Tabletten teilt, eine für dich, zwei für mich, schau mal, wie leicht das plötzlich ist.

3

Sie sagt, dass alles zerfließt, wenn sie es berührt. Sie sagt: keine Grenzen, nur Maschinengewehre im Kopf und ein Krampf im Herzen, ein Stolpern durch Januar-Tage. Sie sagt: ich bin so müde, ich kann nicht schlafen, so müde bin ich und wach kann ich auch nicht sein und jemand hat einen Berg auf meine Brust gesetzt, einfach so, irgendwann in der Nacht. Und natürlich kann man einen Berg, der einem auf der Brust sitzt, nicht besteigen, sondern nur bestaunen. Aber was macht man mit so einem Berg, wenn der nicht weggeht und was macht man mit einem Leben, das weitergeht und mit der Müdigkeit, die nicht aufhört. Was macht man denn dann, was macht man denn dann, was macht man denn bloß damit. Sie sagt: Ich sage immer, keine Sorge, mir gehts gut. Sie sagt, dass das nicht gelogen ist, sondern nur das Verschweigen von Dingen, die, falls “gut” dem Zustand eines vollgeladenen Akkus gliche, abgezogen werden von “gut” und dann nicht so viel übrig bleibt. Muss aber ja keiner wissen, wer will das schon hören. Sagt sie und lacht dabei. Sie sagt: Wie machen die anderen das nur mit diesem Leben? Sie schaut dann hoch und sich selber ins Gesicht, schaut in das Skype-Bild und sieht sich selber beim Sagen und Fragen zu, beim Beantworten von nie-gestellten Fragen.

4

Wie machen die anderen das nur mit diesem Leben? Wenn sie sagen: Ich gehe heute Abend nach Hause und in die Badewanne. Dann koche ich mir etwas Leckeres und trinke ein Glas Rotwein und dann schlafe ich. Warum ist nur bei ihr damit gemeint: Ich gehe nach Hause, trinke eine Flasche Rotwein und heule nachts auf meine Tastatur, weil ich es nicht lassen kann, dass ich es nicht fassen kann, dass ich es nicht lassen kann, dir zu schreiben.

180 dpi

180dpi

 

Komm, lass uns:

 

Idioten sein, die nicht glauben wollen, dass es ein Morgen gibt und einen Morgen, ein müdes Gesicht im Badezimmerspiegel, das dämlich grinst.

Lass uns eine Momentaufnahme sein in 180dpi. Komm, lass uns Händchenhalten und das gar nicht so schlimm finden und die alten Platten hören und den alten Wein trinken und die immer gleichen Geschichten erzählen von der Bar am Ende der Welt. Lass uns tanzen und lass uns taumeln, lass uns drehen und lass uns glauben, lass uns verdammt noch mal glauben, dass das hier passieren kann. Lass uns auf Bordsteinkanten Geschichten erzählen und die Furchen in unseren Gesichtern zählen. Lass uns Fingerspitzen sein und wilde Wesen, lass uns schweigen, bis wir uns wieder verstehen. Lass uns reden, lass uns gehen, lass uns einfach mal nicht wegsehen. Lass uns Monster zählen und den alten Affen Angst zähmen, lass uns in mein Zimmer gehen.

Komm, lass uns die Dinge sagen, die wir uns nie zu fragen wagen und lass uns Fingerspitzen sein auf Haut und Haaren und Wimpern und Schweiß. Lass uns krumm sein und nicht zu fassen, lass uns aus den Büchern lesen, die wir dumm finden und aus denen, die wir mögen und aus denen, die wir glauben, zu sein. Lass uns zittern und lass uns angeben, lass uns eine Umlaufbahn voll Irrsinn sein. Lass uns lachen und lass uns stolpern und lass uns die letzte Zigarette teilen. Lass uns dumm genug sein.

Komm, lass uns endlich gehen.