Es gibt Dinge, die fasst man nicht zweimal an. Heiße Herdplatten zum Beispiel (ich jedenfalls war danach mehrere Tage nicht in der Lage meine rechte Hand adäquat zu benutzen- was Warnung genug war). Zumindest denkt und handelt man so, wenn man nicht ganz bescheuert ist. Dem entgegengesetzt gibt es Dinge, die man auf jeden Fall mindestens zweimal anfassen sollte. Frisch gewaschene Bettlaken, ein Geländer auf dem die letzten Regentropfen noch verbleiben, den Telefonhörer, um sich endlich zu entschuldigen. Aber lohnt es sich auch, Menschen zweimal anzufassen (in einem höchstgradig metaphorischen Sinn)?
Malte Welding veröffentlichte unlängst diesen Artikel in seinem Blog “Die Frage nach der Liebe”, in dem es um die Frage geht, wie viele Trennungen wir eigentlich ertragen müssen und wenn wir sie schon ertragen müssen: Wie viele können wir denn eigentlich aushalten, ohne das Handtuch zu werfen, was in diesem Fall meint, lieber alleine zu bleiben, als sich den Terror einer weiteren Trennung antun zu müssen. Denn nichts anderes sind Trennungen: Herz- und Kopfterror. Nicht selten werden Getrennte bisweilen sogar körperlich krank und so richtig verheilen die Wunden im Innen und Außen ja nie. Das wissen wir, seitdem wir das erste Mal ein Komm-Zurück-Mixtape verschickt haben und niemals eine Antwort erhielten. Trennung tut weh und Trennung ist Sport geworden.
In meinem Freundes- und Bekanntenkreis bedeutet Trennung aber auch etwas anderes, als den Krieg kalter Herzen: Sie bedeutet die Rückbesinnung auf das Individuum, die „Trennung als Chance“, die ganze Maschinerie der Selbstverwirklichung. Wer getrennt wurde oder sich getrennt hat, wird unermüdlich aufgefordert, sich jetzt gefälligst einmal um sich selber zu kümmern. „Um sich selber“, das heißt, dass eine Optimierung des Selbst stattfinden soll: Endlich mal Sport treiben, denn das ganze Sitzfleisch der Beziehung muss nicht nur im Inneren abgetragen werden. Endlich gesunde Ernährung, endlich mal wieder soziales Leben, denn der verkümmerte Beziehungshybrid soll wieder ein „Ich“ werden, das sich in das soziale Gefüge der anderen „ichs“ einen neuen Platz zu suchen hat. Es darf getrunken und gefeiert werden, es darf sich „ausgelebt“ werden, auch, wenn nie jemand so genau weiß, was das jetzt eigentlich heißt: sich um sich selber zu kümmern, sich auszuleben, sich neu kennen zu lernen.
Unweigerlich stellen sich die Fragen: Habe ich mich etwa im Zustand des „Wir“ nicht ausgelebt? Habe ich mich nicht um mich gekümmert? Habe ich etwa keine Ahnung, wer ich eigentlich bin, wenn ich kein Wir bin? Und wenn das so ist: Heißt eine Trennung nichts anderes mehr, als eine Optimierung des Ichs, auf dass beim nächsten Mal alles besser läuft, der Partner besser ist, die Beziehung besser ist, das Subjekt ein besseres ist?
Nach einer schmerzhaften Trennung durchlief auch ich diesen Prozess. Zunächst wurde getröstet und aufgefangen, dann gewütet, dann aufgefordert zu der Rückbesinnung auf die Person, die ich sein sollte ohne den Mann, mit dem ich zusammen gewesen war. Zunächst stellte sich mir die Frage: Wenn die Rückbesinnung auf das Selbst das Ziel eines Prozesses nach einer Trennung sein soll, findet dieser Prozess nicht trotzdem in Abhängigkeit zu dem oder der Verflossenen statt, weil er im Kontext der Trennung steht und / also auch im Kontext der anderen Person? Einfacher ausgedrückt: Wenn ich eine andere werden soll, weil ich getrennt wurde, ist nicht eben genau dieses Ziel wieder darauf ausgelegt a) einen neuen Partner zu finden und b) mich vom alten durch die Veränderung meiner selbst abzugrenzen? Und bleibe ich nicht genau so ein Subjekt im Kontext mit dem ewig Gleichen?
Nach einer Weile des Sporttreibens, der Verschönerung und des Auslebens meiner Wünsche, die ich in einer Beziehung nicht ausleben zu können glaubte, fand ich mich nach zwei Monaten an einem Punkt wieder, der mich zutiefst deprimierte: Ich lebte ein Leben, das ich mochte, mit Freunden, die ich mochte und Interessen, die ich mochte, aber am Ende blieb die Frage: Wofür hatte ich das alles getan? Für mich? Für die “anderen”? Für einen neuen potentiellen Partner? Und wenn es für eben jenen sein sollte: War ich dann nicht aus dem einen Wir zu einem Wir geworden, dessen eine Hälfte ich war und dessen andere Hälfte eine Option war? Zu meinem Glück ergab es sich, dass die Trennung eine vorübergehende sein sollte und ich mit meinem Partner wieder zusammenkam.
Und dann erlebte ich Erstaunliches: Die Maschine wehrte sich gegen diese Option. Denn die Maschinerie der Therapeuten, der Life-Coaches, der Sportzentren und Selbsthilfegruppen ist auf diesen Fall nicht ausgelegt. Zurück zum Alten? Ein zweiter Versuch? Ein Rückschritt? Zweifelhaft und eigentlich ausgeschlossen. Denn was Trennung heute bedeutet, zeigte sich nun ganz deutlich: Das Begräbnis einer Phase, das Zurückbesinnen auf das Selbst und danach bitte loslaufen und einen neuen Partner finden / eine neue Phase / ein neues Leben beginnen. Wer zurückblickt hat nur Angst, alleine zu sein. Wer zurückblickt kann nur nicht loslassen. Wer wieder zusammen kommt, hat nicht verstanden, sich selber besser kennen zu lernen. Aber ist das wirklich so?
Abgesehen von der Tatsache, dass die Wiedervereinigung mit einem Partner so spannend ist wie ein neues Kennenlernen und mindestens so kompliziert, ergeben sich ganz neue Variablen, die mich zutiefst erschrecken: Das Wieder-Zusammenfinden ist zu einer Art Makel geworden. Nicht mehr diejenigen, die eine Trennung durchleben werden als „gescheitert“ betrachtet, sondern jene, die sie rückgängig machen. Nicht mehr den „alten Partnern“ wird eine Chance auf ein neues, vielleicht besseres Leben zugestanden, sondern jenen, die „nach vorne“ blicken und sich neu orientieren.
Dass dies keine neue Entwicklung ist, ist deutlich, wenn man die Scheidungsraten betrachtet. Dass die Partner nicht wie vor Jahrzehnten noch in engen Familienbünden aus beiden Parteien leben und daher eine Art übergeordnetes Interesse an einer Wiederzusammenkunft bzw. keiner Trennung besteht, ist auch offensichtlich. Wir sind eine Single Nation aus Single Haushalten und Familie ist zu einem Wagnis geworden. All das erklärt die Reaktionen auf eine Versöhnung (und natürlich der Umstand, dass das Umfeld viel Trauer und Schmerz mitbekommen hat, die so eine Trennung mit sich bringen und natürlich Besorgnis vorherrscht, dass selbiges sich wiederholen könnte), die zumeist befremdet sind und voller Skepsis. Vielleicht ist es manchmal gut, Dinge nicht zweimal anzufassen. Und manche Beziehungen sind so sehr gescheitert und vergiftet, dass ein erneuter Versuch bisweilen mehr Schmerz bringt als die endgültige Trennung. Es gibt aber durchaus auch Menschen, die den Mut haben, es ein zweites Mal zu versuchen. Vielleicht weil sie sich genug lieben, vielleicht weil sie nicht alleine sein können (schon immer eine schwierige Unterscheidung).
Ich habe schon immer für diese zweiten Chancen plädiert und tue es heute umso vehementer. Denn ich glaube an das Ich im Wir. Ich glaube daran, dass zwei Menschen durch einen so immensen Einschnitt wie eine Trennung ihn darstellt, lernen können, beim zweiten Mal vorsichtiger zu sein. Und ich glaube daran, dass es in der Liebe niemals um Optimierung gehen sollte. Vielleicht um die Verbesserung einiger Teilbereiche (Kommunikation / Sexualität / Vertrauen – um nur einige zu nennen), aber doch bitte nicht darum, den „idealen Partner“ zu finden. Den gibt es nicht. Das sollten wir alle mittlerweile gelernt haben.
Ich glaube nicht an das Konstrukt des grunderneuerten Ichs, das beim nächsten Mal alles ganz anders macht (vielleicht ein wenig anders, aber bestimmt nicht ganz anders). Woran ich aber glaube ist eine Liebe, die stark genug ist zu akzeptieren, dass der Mensch, mit dem man sein Leben verbringen möchte, eben auch nur ein Mensch ist mit all seinen Fehlern und Irrtümern und Makeln. Genau wie wir selber. Und ich glaube daran, dass Liebe etwas sein kann, das durch eine Trennung noch weiter wachsen kann. Ich glaube daran, dass man manche Menschen zweimal anfassen sollte und dass diese Chance nicht nur eine für den anderen ist, sondern auch eine für sich selbst: nämlich eine dafür, den Glauben zu bewahren, dass jede Liebe, jede Beziehung ganz einzigartig ist und nicht „mal eben so“ ausgetauscht werden kann für die optimierte Variante des Ex-Partners. Oder wie es bei Malte Welding steht:
Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist eine größere Verwundbarkeit. Ein hoher Preis, aber am Ende lohnt er sich.
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