Die letzten Tage
In den letzten Tagen sind merkwürdige Dinge passiert. Vorhersehbare Dinge, amüsante Dinge, aber auch merkwürdig und teilweise sogar wirklich skurril. Menschen haben sich gefragt, ob ich eine Marketingstrategie sei und ob es in Ordnung sei, dass ich auf den Robert Enke Zug “aufgesprungen” sei. Ja, das haben sie so geschrieben. Abgesehen von dieser ungeheuren Pietätlosigkeit und der Frage, für was zum Teufel hier eigentlich denn Werbung gemacht werden soll (und wo die denn versteckt sein soll), frage ich mich auch, was hier eigentlich los ist.
Da ist die Tür, du kannst gehen
Natürlich kommt die Frage auf: Kann ein Mensch, der eine Depression hat, jeden Tag schreiben, sich um so etwas kümmern und präsent sein und wenn ja, warum kann er das und wie schafft er das? Die Antwort darauf ist gar nicht so schwer. Wer hier mitgelesen hat, hat auch gelesen, dass ich bereits schrieb, dass ich seit einigen Wochen Medikamente nehme und es mir langsam besser geht. Das ist aber nicht die Antwort auf alles. Die eigentlich viel wichtigere Antwort ist: drueberleben existiert als eine Art Kampftagebuch. Und drueberleben ist, und das wiederhole ich ja dauernd, eine subjektive Darstellung einer einzigen Person: mir. Dass einige verstehen wollen, dass ich scheinbar dauernd für alle spreche, ist mir ein Rätsel.
Es wird in Zukunft nicht so sein, dass ich jeden Tag darüber schreibe, wie furchtbar schlecht es mir geht. Wer das erwartet ist falsch hier und kann gerne gehen. Wer erwartet, dass ich mich verstecke oder mich hässlich mache (Worte mehrerer Menschen in etwa wiedergegeben: Sie sieht viel zu gut aus / sie ist doch viel zu perfekt für jemanden, der eine Depression hat), der kann ebenfalls gehen. Wer solche Vorurteile hat, hat überhaupt gar nichts verstanden. Wer annimmt, dass Menschen mit psychischen Krankheiten dumm sind (wieso kann die so einen Blog bauen und eine Facebookgruppe gründen, wenn sie doch Depressionen hat), hässlich sind oder kein Teil mehr der Gesellschaft (wieso ist die hip, wenn die doch Depressionen hat), mit dem möchte ich nichts zu tun haben und den lade ich hiermit offiziell aus, hier zu kommentieren, zu lesen oder auch nur Teil dieses Blogs zu sein. Wieso ich das kann? Weil das mein Blog ist. Und weil ich so ein Arschloch bin, dass mich solche Kommentare auch nicht interessieren. Simple like that.
„drueberleben beschäftigt sich mit einer Frau, die Depressionen hat. Nicht mit Depressionen, die eine Frau haben“
Mir ist bewusst, dass einige nichts damit anfangen können, mit dieser Krankheit und Thematik an die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist in Ordnung. Müssen die ja auch nicht. Hat auch niemand gesagt, dass das irgendjemand muss. Ich jedoch möchte das. Warum? Weil es hilft. Weil es mir hilft und weil es ein paar anderen hilft. Warum das so ist habe ich hier schon mehr als ausgiebig erläutert. Ich habe gemerkt, dass die schärfsten Kritiker ausgerechnet aus den eigenen Reihen kommen. Warum das so ist kann ich mir denken. Aber niemand zwingt irgendwen dazu, über etwas zu sprechen, über das er nicht sprechen möchte. Das hier ist mein Blog. Nur meiner. So einfach ist das.
Ich weiß nicht, was einige Menschen erwarten, wenn sie das Wort Depressionen hören. Ich weiß nicht, was sie erwarten, wenn sie von einem Blog hören, der sich unter anderem damit beschäftigt. drueberleben jedenfalls beschäftigt sich mit einer jungen Frau, die Depressionen hat. Nicht mit Depressionen, die eine junge Frau haben. Unterschied verstanden? Ich habe ein Leben, so erstaunlich das für einige klingen mag. Ich nehme Medikamente, ich werde mich nächstes Jahr erneut an der Kunsthochschule bewerben, ich werde weiterhin schreiben und weiterhin zu meiner Therapie gehen. Ich werde weiterhin hier schreiben und hoffen, dass die nächste Episode lange auf sich warten lässt. Im Moment geht es mir gut. Deshalb kann ich dieses Projekt machen und deshalb kann ich hier schreiben und deshalb kann ich über das Leben mit Depressionen berichten. Über MEIN Leben mit Depressionen.
Worum es geht
Wer hier ein Projekt sucht, in dem ein Mädchen Bilder mit verheulten Augen und verlaufener Wimperntusche zeigt oder sich jeden Tag dabei filmt, wie sie heult oder wer ein Weblog sucht, in dem eine junge Frau täglich ihre Selbstmordfantasien niederschreibt: bitte weitergehen. Denn hier geht es nicht darum, etwas als schick oder trendy oder Lifestyle zu verkaufen, sondern schlicht darum zu zeigen, dass ich mittendrin stehe und trotzdem einmal die Woche bei einem Therapeuten sitze. Dass das zusammenpasst beweise ich jeden Tag hier. Krass, aber wahr. Für wen das nicht zusammenpasst, der hat vielleicht noch nicht verstanden, dass man lernen kann, mit Krankheiten zu leben. Dass man lernen kann, mit Dingen umzugehen und dass man außerdem verstehen kann, dass man auch durchaus ein Leben neben einer Krankheit haben kann. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen. Darüber muss man sich einfach nur freuen. Und wenn ich man sage, dann meine ich „ich“. Ich freue mich nämlich darüber. Ich freue mich, dass es mir im Moment jeden Tag ein bisschen besser geht und dass ich die Kraft habe, darüber zu schreiben. Und dass ich die Kraft habe, drueberleben am Leben zu halten. So lange, wie es eben geht. Ich freue mich darüber, dass ich es im Moment manchmal schaffe, Kaffeetrinken zu gehen und Freunde anzurufen und zu schreiben und dass einmal die Woche Therapie gerade reicht. Wer deshalb glaubt, dass ich deshalb eine „minder-Depressive“ wäre oder weniger Ahnung hätte von all den Tiefen, von all den Monstern und von diesem riesigen Alaska im Kopf, der kann sich, pardon, ins Knie ficken. Guten Abend.

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