Archiv

Archiv für den Monat November 2010

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Guten Mittag, mittlerweile hat sich ein beträchtlicher Berg Papiertaschentücher (in Wirklichkeit ist es Klopapier) um mich herum angehäuft, weil ich seit vier Tagen eigentlich krank im Bett liegen sollte, aber die meiste Zeit krank vor einem Bildschirm sitze, was ziemlich dumm ist und absolut nicht zu irgendeinem positiven Krankheitsverlauf beiträgt.

Ich befinde mich in Woche zwei nach der Klinik. Dass das so eine Art neue Zeitrechnung wird kommt mir merkwürdig vor und wird bestimmt auch immer flüchtiger mit den Tagen werden. Im Moment ist es aber noch da und schreit, während ich mir die Ohren zuhalte und es schaffe aufgrund zahlreicher sehr gut antrainierter Verdrängungsmechanismen, jeden Abschied und jeden Neubeginn so ineinander übergehen zu lassen, als wäre nichts gewesen. In diesem Fall bedeutet das, dass ich seit über einer Woche kaum schlafe, bis morgens um vier an Auftragsarbeiten schreibe und den Tag damit verbringe, ungesund große Mengen Kaffee zu trinken. Dass nicht einmal zittriges Fieber mich davon abhält ist nur ein weiterer Beweis dafür, wie sehr solche Mechanismen funktionieren können.

Im Moment fällt mir nichts ein auf die Frage, wie es weitergehen soll, weil alles nur ein Jetzt und jetzt und jetzt! und jetzt verdammt! ist. Das ist ein Tanzen über den Moment und das endet meistens in einem großen Jammern und Zetern, weil es immer ratsam ist in all der Euphorie und in all der Arbeit mal nach rechts und links und unter sich und unter das Bett zu schauen. Dass ich das so gerne vergesse in all dem Taumel und Gewimmel an so einfache Dinge wie Essen und Schlaf zu denken ist wunderlich, denn genau das sind die Sachen, die am Ende immer die Reißleinen sind. Wer auf sich aufpasst fällt auch nicht so tief. Was ich damit sagen will: Anstatt das hier zu schreiben sollte ich gefälligst im Bett liegen, schlafen und Tee trinken. Und genau das werde ich jetzt auch machen. Denn auf-sich-aufpassen fängt nicht, wie so viele immer glauben, bei ganz großen Dingen an, wie zum Beispiel der dreimonatigen Thailandreise, die man schon immer mal machen wollte, sondern die fangen schon damit an, dass man genügend schläft, dass man sich nicht nur vom Bringdienst ernährt und dass man sich nicht so sehr hasst, dass man sich noch nicht mal einen Tee und drei Tage Bett wert ist. Gute Nacht.


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Die letzten Tage

In den letzten Tagen sind merkwürdige Dinge passiert. Vorhersehbare Dinge, amüsante Dinge, aber auch merkwürdig und teilweise sogar wirklich skurril. Menschen haben sich gefragt, ob ich eine Marketingstrategie sei und ob es in Ordnung sei, dass ich auf den Robert Enke Zug “aufgesprungen” sei. Ja, das haben sie so geschrieben. Abgesehen von dieser ungeheuren Pietätlosigkeit und der Frage, für was zum Teufel hier eigentlich denn Werbung gemacht werden soll (und wo die denn versteckt sein soll), frage ich mich auch, was hier eigentlich los ist.

Da ist die Tür, du kannst gehen

Natürlich kommt die Frage auf: Kann ein Mensch, der eine Depression hat, jeden Tag schreiben, sich um so etwas kümmern und präsent sein und wenn ja, warum kann er das und wie schafft er das? Die Antwort darauf ist gar nicht so schwer. Wer hier mitgelesen hat, hat auch gelesen, dass ich bereits schrieb, dass ich seit einigen Wochen Medikamente nehme und es mir langsam besser geht. Das ist aber nicht die Antwort auf alles. Die eigentlich viel wichtigere Antwort ist: drueberleben existiert als eine Art Kampftagebuch. Und drueberleben ist, und das wiederhole ich ja dauernd, eine subjektive Darstellung einer einzigen Person: mir. Dass einige verstehen wollen, dass ich scheinbar dauernd für alle spreche, ist mir ein Rätsel.

Es wird in Zukunft nicht so sein, dass ich jeden Tag darüber schreibe, wie furchtbar schlecht es mir geht. Wer das erwartet ist falsch hier und kann gerne gehen. Wer erwartet, dass ich mich verstecke oder mich hässlich mache (Worte mehrerer Menschen in etwa wiedergegeben: Sie sieht viel zu gut aus / sie ist doch viel zu perfekt für jemanden, der eine Depression hat), der kann ebenfalls gehen. Wer solche Vorurteile hat, hat überhaupt gar nichts verstanden. Wer annimmt, dass Menschen mit psychischen Krankheiten dumm sind (wieso kann die so einen Blog bauen und eine Facebookgruppe gründen, wenn sie doch Depressionen hat), hässlich sind oder kein Teil mehr der Gesellschaft (wieso ist die hip, wenn die doch Depressionen hat), mit dem möchte ich nichts zu tun haben und den lade ich hiermit offiziell aus, hier zu kommentieren, zu lesen oder auch nur Teil dieses Blogs zu sein. Wieso ich das kann? Weil das mein Blog ist. Und weil ich so ein Arschloch bin, dass mich solche Kommentare auch nicht interessieren. Simple like that.

„drueberleben beschäftigt sich mit einer Frau, die Depressionen hat. Nicht mit Depressionen, die eine Frau haben“

Mir ist bewusst, dass einige nichts damit anfangen können, mit dieser Krankheit und Thematik an die Öffentlichkeit zu gehen. Das ist in Ordnung. Müssen die ja auch nicht. Hat auch niemand gesagt, dass das irgendjemand muss. Ich jedoch möchte das. Warum? Weil es hilft. Weil es mir hilft und weil es ein paar anderen hilft. Warum das so ist habe ich hier schon mehr als ausgiebig erläutert. Ich habe gemerkt, dass die schärfsten Kritiker ausgerechnet aus den eigenen Reihen kommen. Warum das so ist kann ich mir denken. Aber niemand zwingt irgendwen dazu, über etwas zu sprechen, über das er nicht sprechen möchte. Das hier ist mein Blog. Nur meiner. So einfach ist das.

Ich weiß nicht, was einige Menschen erwarten, wenn sie das Wort Depressionen hören. Ich weiß nicht, was sie erwarten, wenn sie von einem Blog hören, der sich unter anderem damit beschäftigt. drueberleben jedenfalls beschäftigt sich mit einer jungen Frau, die Depressionen hat. Nicht mit Depressionen, die eine junge Frau haben. Unterschied verstanden? Ich habe ein Leben, so erstaunlich das für einige klingen mag. Ich nehme Medikamente, ich werde mich nächstes Jahr erneut an der Kunsthochschule bewerben, ich werde weiterhin schreiben und weiterhin zu meiner Therapie gehen. Ich werde weiterhin hier schreiben und hoffen, dass die nächste Episode lange auf sich warten lässt. Im Moment geht es mir gut. Deshalb kann ich dieses Projekt machen und deshalb kann ich hier schreiben und deshalb kann ich über das Leben mit Depressionen berichten. Über MEIN Leben mit Depressionen.

Worum es geht

Wer hier ein Projekt sucht, in dem ein Mädchen Bilder mit verheulten Augen und verlaufener Wimperntusche zeigt oder sich jeden Tag dabei filmt, wie sie heult oder wer ein Weblog sucht, in dem eine junge Frau täglich ihre Selbstmordfantasien niederschreibt: bitte weitergehen. Denn hier geht es nicht darum, etwas als schick oder trendy oder Lifestyle zu verkaufen, sondern schlicht darum zu zeigen, dass ich mittendrin stehe und trotzdem einmal die Woche bei einem Therapeuten sitze. Dass das zusammenpasst beweise ich jeden Tag hier. Krass, aber wahr.  Für wen das nicht zusammenpasst, der hat vielleicht noch nicht verstanden, dass man lernen kann, mit Krankheiten zu leben. Dass man lernen kann, mit Dingen umzugehen und dass man außerdem verstehen kann, dass man auch durchaus ein Leben neben einer Krankheit haben kann. Dafür muss man sich nicht rechtfertigen. Darüber muss man sich einfach nur freuen. Und wenn ich man sage, dann meine ich „ich“. Ich freue mich nämlich darüber. Ich freue mich, dass es mir im Moment jeden Tag ein bisschen besser geht und dass ich die Kraft habe, darüber zu schreiben. Und dass ich die Kraft habe, drueberleben am Leben zu halten. So lange, wie es eben geht. Ich freue mich darüber, dass ich es im Moment manchmal schaffe, Kaffeetrinken zu gehen und Freunde anzurufen und zu schreiben und dass einmal die Woche Therapie gerade reicht. Wer deshalb glaubt, dass ich deshalb eine „minder-Depressive“ wäre oder weniger Ahnung hätte von all den Tiefen, von all den Monstern und von diesem riesigen Alaska im Kopf, der kann sich, pardon, ins Knie ficken. Guten Abend.


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Leider hat mich der Winter dahingerafft und ich liege verrotzt und fiebrig im Bett, aber weil man da ja immer sehr viel Zeit zum Anschauen vieler Dinge hat, hier ein Tipp für euch. Taylor Mali ist Poetry Slammer und Lehrer aus den USA und hat einen wunderbaren Text über Depression und Feuer geschrieben. Unbedingt anschauen!

Taylor Mali – depression too is a type of fire

Hier gehts morgen hoffentlich wieder weiter ohne Rotz und Fieber.

Morgen läuft um 12:00h in Hamburg in den ZEISE-Kinos der Film Schattenzeit. Der Regisseur wird zu einem Gespräch anwesend sein.

Olaf, Mona und Maria leiden seit Jahren an schweren Depressionen. Die Krankheit hat ihnen jeden Lebensmut genommen.

Um nicht wieder ihren Selbstmordgedanken zu verfallen, suchen sie Hilfe in der psychiatrischen Klinik der Berliner Charité und lassen sich einweisen.

Die drei werden über einen Zeitraum von 2 Jahren auf ihrem harten Weg begleitet. Sie scheuen sich dabei nicht vor der Auseinandersetzung mit lang umstrittenen Behandlungsmethoden wie Elektrokrampftherapie (EKT).

Auf unvergleichlich einfühlsame Weise werden die wahren Emotionen dieser sonst oft nur schwer zu greifenden Erkrankung für den Zuschauer nachvollziehbar.

Ein Film über Hoffnung, die Abgründe des Lebens und die brutale Härte einer Krankheit.

(Weitere Kinos und Städte und die Zeiten / Tage hier , obschon er nur noch in wenigen Städten läuft)

Ich schreibe seit dem 17. Oktober beinahe täglich hier. Viele zehntausend Menschen haben das gelesen und viele zehntausend werden vermutlich noch dazu kommen. Zumindest hoffe ich das. Ich hätte niemals gedacht, dass drueberleben in so kurzer Zeit so viel Aufmerksamkeit und Zuspruch bekommt und darüber freue ich mich nicht nur wahnsinnig, es hilft mir auch, damit weiterzumachen.
drueberleben ist und bleibt ein nicht-kommerzielles Projekt.

Trotzdem ist es mittlerweile so, dass ich viele Stunden am Tag damit verbringe, Emails und Anfragen zu beantworten, zu recherchieren und zu schreiben. Das gehört dazu und das garantiert, dass drueberleben aktuell bleibt und spannend und dass hier so gut wie jeden Tag etwas neues steht. Ich habe große Dinge mit mir und euch vor, aber dazu an anderer Stelle mehr.
Wenn man so ein Projekt betreibt und betreiben will, stellt sich jedoch irgendwann die Frage: Und wann willst du Geld verdienen gehen um das alles zu finanzieren? Zum Beispiel so Kleinigkeiten wie Brotkaufen, Miete bezahlen und in naher Zukunft auch noch den Webspace? Und weil wir Transparenz ja alle so geil finden: Zur Zeit finanziere ich mich ausschließlich über Gelegenheitsjobs (Schreiben und Auftreten) und über Menschen, die mich unterstützen.

Da gibt es dann zwei Möglichkeiten: Man lässt Werbung schalten und die Besucher sehen da so hübsche Banner, die Themen ansprechen, die den Inhalt des Blogs wiederspiegeln. In diesem Fall wären das dann Banner über Therapie-Bücher, alternative Antidepressiva etc. Wollen wir das? Ne, wollen wir nicht.
Die andere Möglichkeit ist Flattr (um ehrlich zu sein, es gibt natürlich auch noch andere Möglichkeiten, aber das sind jetzt einfach mal die zwei naheliegendsten).

Ich habe mich dazu entschieden, Flattr zu benutzen. Warum? Weil ich der Meinung bin, dass ich den Versuch wagen möchte, Euch selbst zu überlassen, ob ihr für das Gelesene bezahlen wollt und wenn ja, wie viel. Ab heute wird es also unter jedem Eintrag einen Flattr Button geben. Den könnt ihr drücken oder nicht, je nachdem, ob ihr der Meinung seid, dass euch der Artikel ein paar Cent, ein paar Euro oder gleich ein ganzes Monatsgehalt wert sind. Flattr ist eine Möglichkeit nicht nur für mich, sondern für sehr viele Magazine, Blogs und Künstler, für die Arbeit, die sie jeden Tag kostenlos ins Netz stellen, Geld zu bekommen. Auf eine völlig freiwilllige Art und Weise. Ohne Werbung und ohne Schischi. Die Taz nutzt es genauso wie Netzpolitik.org und viele andere auch. Schaut es euch an und denkt darüber nach.

So und jetzt ihr.


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