Hulk (I)

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Es ist ja so: Die eine Scheiße kommt selten allein. Wenn du Schnupfen hast, hast du nicht bloß fünfzehn Liter Rotz in der Nase, sondern auch noch einen Trommelwirbel in den Bronchien und meistens tut alles weh und sowieso ist alles blöd.

Das ist bei einer Depression leider nicht anders. Beinahe hätte ich jetzt einen Satz angefangen mit “Die meisten, die ich kenne…”, aber hier geht es ja um mich. Also noch einmal von vorn. Ich habe Angst. Ich habe furchtbare Angst. Ich habe so ziemlich vor allem Angst. Nachdem sich mein müder und überlasteter Körper im letzten Jahr überlegt hatte, mich und sich zum Aufgeben zu bewegen, das heißt, sich nie wieder bewegen zu wollen, beschloss er auch, fortan eine neue Symptomatik in unser beider Leben einzuführen: die Angst. Warum ich den Körper und mich voneinander trenne? Nun, das war gar nicht ich, das hat die Angst gemacht.

Stell dir vor, du gehst in den Club, in den du immer gehst und plötzlich wird dir schlecht. Einfach so. Du denkst: Ja, ne, ist klar, mal wieder zu viel gebechert, das kennen wir ja. Problem: Du hast noch gar nichts getrunken. Und Magen-Darm-Grippe geht auch nicht rum. Problem zwei: Dein Herz fängt an zu rasen. Problem drei: Du fängst an zu schwitzen, dir wird schwindlig, der Raum dreht sich schneller, als deine Augen hinterherkommen und irgendwo müsste jetzt eigentlich eine kleine, launige Trompetenmusik einsetzen und lustige, verkleidete Menschen in einer Polonese an dir vorbeilaufen, die alle kleine Schilder hochhalten, auf denen steht:

Willkommen in deiner ersten Panikattacke.

Stell dir vor, das passiert dir fortan beim Kaffeeholen, beim Spazierengehen, beim Arbeiten, in der U-Bahn, bei Mama und Papa und selbst, wenn du einfach bloß im Bett liegst. Leider kommt nie einer mit lustiger Musik vorbei und leider fühlt es sich niemals lustig an und leider beginnst du einfach bloß immer mehr und mehr, alles zu meiden, was dieses grausame, eklige Hulkmäßige Monster in dir wachrufen könnte. Hulk interessiert das aber wenig. Hulk freut sich nämlich über jede Situation, der du aus dem Weg gehst und sucht sich einfach neue Situationen. Bis du irgendwann vor allem, allen und jedem Angst hast.

Zuerst konnte ich auf keiner Bühne mehr stehen ohne einen Kathrin-Sunset-Holiday-Mix. Der bestand aus Schmerztabletten, Alkohol und MCP, damit das ganze auch drinblieb. Das hat keiner bemerkt, weil ich dabei ziemlich hübsch aussehen kann und ziemlich nett lächeln kann. Irgendwann hat das aber nicht mehr gereicht und irgendwann wurde das Zittern, die Angst und schlussendlich die Panik so schlimm, dass ich schon einen Tag vor dem Auftritt einen Holiday-Sunset brauchte, um schlafen zu können. Dazwischen lief alles recht gut, Angst ist ja nur ein fünf- Buchstabenwort, das sich lange Zeit ziemlich erfolgreich verstecken lässt. Bis ich irgendwann immer weniger wurde und Hulk immer mehr.

Mittlerweile ist Hulk groß und erwachsen und ich ziemlich mager und ziemlich müde. Hulk sitzt in meinem Lieblingsclub, auf den Bühnen und in den U-Bahnen dieser Stadt. Hulk sitzt auf Flohmärkten, Konzerten und Cafés. Hulk sitzt auf meiner Schulter. Hulk wiegt fünfzehn Tonnen. Die Tabletten bekommen ihm nicht gut, ich spüre, wie er kotzt und dünner wird, aber noch verschwindet er nicht.

An guten Tagen kann ich schnell genug rennen und weil Hulk fett und träge ist, bin ich manchmal schneller im Café, als er. das passiert selten, aber es passiert. An schlechten Tagen hat er sich schon in mein Bett geschlichen, bevor ich überhaupt aufgewacht bin.

Angst ist ein Schutzmechanismus, der uns davor bewahrt, gutgelaunt und mit ausgebreiteten Armen eine Klippe hinunterzuspringen, weil wir das mal ausprobieren wollen. Angst ist super, weil wir deshalb ein kleines bisschen weniger Unsinn machen. Wenn Hulk in unser Leben kommt ist Angst unsuper und schützt uns nur noch vor einer Sache: vor dem Leben selber. Es ist ein mühevoller und langer Weg, dieses Monster wieder loszuwerden. Es ist ein Zeichen für Überforderung, ein zeichen für zu-viel, ein Zeichen für zu-wenig, wenn es auftaucht. Es ist schwierig, dem stärksten Instinkt (der Angst), nicht nachzugeben, sondern genau das zu tun, wovor uns jede Zelle unseres Körpers warnt. Es ist schwierig, jemandem zu erklären, warum man einen Panikanfall bekommt, wenn man sich einen Kaffee holen will.

Vielleicht sollte man Hulk einfach mal einen Kaffee mitbringen. Und ihn fragen, woher er kommt und warum zum Teufel er sich eigentlich so aufspielt. Und wenn man ihn ganz lange anschaut, ich bin mir sicher, dann erkennt man am Ende, so traurig es ist, nur sich selbst.

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17 Gedanken zu “Hulk (I)

  1. Ich denke, dass Hulk nichts von dir als Kathrin Verschiedenes ist. Hulk bist du als Kathrin wie du sie nicht magst. Das ist natürlich absolut verständlich. In deinem letzten Satz scheinst du das anzudeuten, was ich meine. Ich überlege aber auch noch, wie uns diese Einsicht weiter hilft.

  2. “Ich überlege aber auch noch, wie uns diese Einsicht weiter hilft.”

    Vielleicht sagt einem das, dass es gut wäre, wenn man nett(er) zu sich selbst sein sollte. Zumindest stelle ich das irgendwie oft fest.

  3. ich kenne auch einen hulk. bei mir sitzt er im bauch. er schreit nach essen wenn ich nicht essen will, und sagt, dass ich satt bin, wenn ich essen sollte.
    manchmal reist er auch in meinen kopf. dort flüstert er mir ins ohr (öhh, von innen?, egal), dass ich scheiße bin, dass ich nichts kann und dass ich mich für mich schämen sollte, so zu sein wie ich bin. in schönen zeiten erinnert er mich daran, dass alles vergänglich ist und in blöden zeiten, dass es doch immer so ist und auch immer so bleiben wird.
    ich hasse diesen hulk, aber ich vermisse ihn, wenn er mal nicht da ist. er ist ein teil von mir und, so dumm das klingt, er hilft mir dabei, dass ich nicht vergesse wer und was ich bin. das leben wäre sicher einfacher ohne ihn, aber auch unsicherer. denn würden seine kommentare fehlen, die ich schon infiltriert habe, dann wäre ich oft allein. nicht viele verstehen mein krankes denken und noch weniger wissen überhaupt davon.

    wir haben uns hulk selbst erschaffen und bei jedem sieht er anders aus und erfüllt andere funktionen. vielleicht sollten wir versuchen, dass wir diese funktionen selbst erledigen können, dann geht er vielleicht…oder sucht sich ein anderes syndrom?

  4. Im Yoga heißt es: Deine Angste bist *auch* Du. Versuch sie nicht zu ignorieren, sondern geh mit den Biestern spazieren in die Wüste und lass sie dort verdursten. Und niemals vergessen: Das Gegenteil von Angst ist nicht Mut, sondern Liebe! Wunsche Dir alle Kraft, dass Du Deine Angst in die Wüste zu führen. Da gehören sie hin, die Bastarde!

  5. Laut meiner Frau gibt es den Ordner zwar noch, den ich 1996 meinen Panikattacken widmete, aber unter vielen Schichten Leben. Und beide verspüren wir keine Notwendigkeit, danach zu wühlen. Von einer gewissen Heilung wird man also sprechen können.
    Ursächlich für meine Panikattacken 1996 war ein Artikel über siamesische Zwillinge: Allein in meiner Singlebutze ergriff dieser Artikel mich derart, dass ich plötzlich Sterne vor Augen sah: “Du wirst ja ohnmächtig!” Kniend und rücklings auf dem Boden, gelangte ich wieder zu Bewusstsein. Wobei ich mit Entsetzen feststellte, dass ich mir in die Hose gepinkelt hatte.
    Unverhofft derart aus dem Alltag gekickt zu werden, war für mich eine bestürzende Erfahrung. “Was, wenn Dir das auf Arbeit passiert!” jener Gedankengang, welcher die “Spirale der Angst” in Bewegung setzte. Entsprechende Literatur wusste denn auch von gekündigten Arbeitsverhältnissen zu berichten und von Ehefrauen, die das Weite suchten.
    Wobei es vielleicht mein Glück war, unsere Gesellschaft massiv gegen mich zu haben. Vor allem aber verhinderten die normalen Stunden daheim, in denen sich keine sonderlichen Symptome von Panik zeigten, dass ich je zum Hörer griff, mich krank zu melden. Obendrein schworen alle Quellen auf knallharte “Konfrontationstherapie”: Durch dunkle Schächte kriechen, in Fußgängerpassagen aus der Bibel lesen, wie Goethe mit seiner Höhenangst endlos Zeit auf Dächern verbringen. “Dafür brauche ich keinen Krankenschein!” entschied ich. Zumal ich Ärzten nicht mehr zutraute, als mir routiniert mit dem Gummihammer eins überzuziehen, und damit vielleicht die grundsätzliche Harmonie meines Körpers WIRKLICH zu schädigen.
    Also probierte ich mich in der Aussichtslosigkeit eines Querschnittsgelähmten, dem keine Heilkunst unserer Zeit helfen kann. Das ersparte mir die Enttäuschung, auch nach zweimonatigem zur Arbeit schleppen und mehrstündigem Aushalten der Panik nicht den geringsten Fortschritt zu spüren. Erst ein halbes, dreiviertel Jahr später ließ dieser Irrsinn langsam nach, ehe es dann – schwupps – vorbei war, als wäre mein Körper nie etwas anderes gewesen als eine Wiese im Sommerwind.
    Aus Erfahrung kann ich die Konfrontationstherapie sehr empfehlen. In jeder Lebenslage.

  6. Du sprichst mir aus der Seele. Ich kämpfe seit 12 Jahren mit Panikattacken. Inzwischen habe ich sie weitgehend im Griff. Es gab eine Zeit, da habe ich meine Wohnung nicht verlassen und meine Schwester hat für mich eingekauft. Das war am Schlimmsten, Hulk hatte mich komplett im Griff. Inzwischen ist es umgekehrt. Ich kontrolliere IHN.

  7. Unglaublich.
    Gestern hatte ich nach sehr langer Zeit wieder mal eine Panikattacke, dann lese ich heute diesen Entrag, der so treffend beschreibt, was in den letzten Jahren auch in mir vorgegangen ist.
    Wieder mal eine unglaubliche Leistung, das Unbeschreibbare in Worte zu fassen!
    This may just have saved my day.

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