
Sich verabschieden, eine schwierige Sache, wenn man bedenkt, dass meistens davon ausgegangen wird, dass man sich bloß von Dingen verabschieden sollte, die nicht mehr gut, tragbar oder aushaltbar sind. Dass wir uns permanent auch von Dingen verabschieden müssen, die wir eigentlich noch ganz gern haben, die wir eigentlich noch behalten wollten, die wir eigentlich noch mitnehmen wollten, das ist die andere Seite des Abschieds. Eigentlich verabschieden wir uns sogar permanent von Dingen, die beide Seiten beinhalten: sie sind nicht mehr wirklich gut, aber trotzdem erfüllen sie noch einen Zweck.
Worum es geht: Es geht um Berlin, es geht um Entscheidungen, es geht um einen Wechsel der Wehwechen und um keinen Neuanfang. Ich werde Hamburg im Mai verlassen, nun ganz sicher und damit werde ich auch andere Dinge verlassen. Und Menschen, Menschen werde ich auch verlassen müssen.
Ich merke im Moment jeden Tag, wie schwierig es dabei ist, einfach weiterzugehen, sich nicht umzudrehen (obschon es darum ja gar nicht geht), zumindest aber so schnell gehen zu können, dass man nicht auf den eigenen Tränen und dem eigenen Rotz ausrutscht. Ich bin nicht gut darin. Als ich vor dreieinhalb Jahren nach Hamburg gezogen bin, war ich gerade aus meiner ersten psychiatrischen Klinik entlassen worden und hatte vier Wochen zuvor beschlossen, dass ich weder weiterhin Köln, noch weiterhin die Universität, noch weiterhin mich in Köln und in der Universität aushalten kann. Ich habe in vier Wochen meine sachen gepackt, mein Zimmer vermietet, mir ein Zimmer am Telefon in Hamburg gesucht, mir einen Job in Hamburg gesucht, habe niemandem Lebewohl gesagt und bin gegangen. Das war einfach, denn es gab überhaupt nichts zum Vermissen. Ich stand am Hamburger Hauptbahnhof mit drei Taschen und einem Kopf, der völlig leer war und einer Gier nach Atmen und Leben und Tanzen und Beben. Ich wollte etwas von Hamburg und dafür hatte ich alle Kraft der Welt.
Eine Woche, nachdem ich in Hamburg angekommen war, klingelte mein Telefon. Die Karnkenkasse rief an um mich daran zu erinnern, dass ich einen Anspruch auf eine ambulante, weiterführene Therapie hätte. Nach so einem Aufenthalt sollte ich das lieber machen, das sei wichtig. Das alles sprach eine sehr freundlich klingende Frau auf meine Mailbox, die sich angeschaltet hatte, nachdem ich gesehen hatte, wer da anruft. Ich löschte die Nachricht und dachte, dass ich mich um überhaupt nichts kümmern muss und dass diese Stadt, dass dieses Hamburg heilen wird, was es zu heilen gibt. Ich war zweiundzwanzig, ich war gierig und laut und gar nicht mehr leer, weil ich meine Tage vollgepackt hatte mit Koffern voller Erlebnisse und Eindrücke.
In den Jahren darauf habe ich die Nummer, die ich damals weggedrückt habe, noch sehr oft angerufen. Denn eine Stadt kann natürlich nicht heilen. Sie heilt genau so wenig wie Menschen oder Gesichter heilen können. Ich wollte das immer gerne glauben und ich habe es bis zum Schluss so sehen wollen, aber es ist ziemlich egal, wohin du deinen Kopf trägst: die Tränendrüsen nimmst du mit, die sind fest eingebaut.
Ich habe also hier gelebt. Ein Jahr lang. Nein, eineinhalb Jahre lang habe ich hier wirklich gelebt. Und dann? Dann habe ich damit aufgehört. Dafür gab es viele gute und einen sehr guten Grund, die alle dazu geführt haben, dass ich aufgehört habe, hier sein zu wollen. Bloß habe ich das nicht gemerkt. Ich bin weiterhin durch die Straßen dieser Stadt gelaufen und habe nach Gründen gesucht. Nach guten Gründen für ziemlich eklige Wahrheiten. Und wie das so ist, wenn man etwas, das im Innen kaputt ist, im Außen versucht zu flicken, ging das schief. So schief, dass ich erst vor ein paar Wochen gemerkt habe, dass es an der Zeit ist zu gehen. Und das hat einen Grund.
Dieser Grund ist nicht, wie damals, dass ich glaube, dass Berlin etwas besser machen wird. Ich glaube nicht mehr, dass Städte und Orte Wunden lecken können. Das einzige, das sie können, sind Fassaden sein, in denen man Verstecke bauen kann, wie tiefe Höhlen in Stein geschlagen. Aber nicht einmal danach suche ich. Sondern nach dem Gegenteil: Vielleicht mag es banal für den einen oder anderen klingen, aber ich glaube, dass der schwerste Abschied der vom eigenen Scheitern ist. Ich fühle sehr deutlich, dass in dieser Stadt die Mahnmale an den Rändern der Straßen stehen und dass es Zeit ist, sie nicht mehr ansehen zu müssen. Ich will hier nicht fort, weil ich irgendwo neu anfangen will, sondern einfach nur, weil ich hier fertig bin. Ich habe alles mit Hamburg gemacht, ich habe hier mehr erlebt, als ich erleben wollte und ich sehe dieser Stadt durch die Fenster der U-Bahn, der Wohnung, der Cafés zu und ich sehe nur: Erinnerungen. Und trotzdem ist es ein trauriger Abschied, einer von einer Zeit, die furchtbar war, furchtbar in so vielen Hinsichten, dass ich sehr lange darüber sprechen könnte. Das ist natürlich nicht die Schuld einer Stadt, sondern die Geschichte eines Menschen, aber manchmal geht man durch eine Stadt und findet an jeder Ecke einen stinkenden Haufen Erinnerung. Und wenn die ganze Stadt nur noch eine Gedanken-Giftmüll-Deponie ist, dann ist es vielleicht Zeit, zu gehen.
Bei all dem ist wunderlich, wie schwer so ein sich-verabschieden sein kann. Das liegt natürlich daran, dass nicht alles furchtbar war und nicht alles ihgitt und Deponie. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass es manchmal sehr schwer ist, das loszulassen, was am meisten quält. Einfach, weil es das ist, was zu Hause geworden ist. Dabei ist es egal, ob das eine Krankheit, eine Stadt oder ein Mensch ist. Ich werde Hamburg vermissen wie einen Geliebten, wie einen Mann, mit dem ich schlimme jahre verbrachte, der trotz allem aber ziemlich gut dabei aussieht. Und der mich trotzdem dann und wann sehr glücklich gemacht hat. Zu oberflächlich? Nun gut: Ich werde diese Zeit hier vermissen, weil sie das war, was ich bisher kannte. Eine müde, traurige, trockene Zeit. Absurderweise habe ich Angst vor dem Menschen, der glücklich sein will, der sich austoben will, der tanzen will und der keine Angst mehr haben will. Und der das alles in einer neuen Umgebung erleben will. Warum ich Angst vor diesem Menschen habe? Weil dieser Mensch ich ist, aber der Teil, der jetzt erst kommen darf, der noch ganz neu, ganz unverbraucht, ganz infantil darauf wartet, endlich loslegen zu dürfen.
Vielleicht ist es also einmal eine Überlegung wert, sich zu fragen, ob nicht in jedem ein Teil steckt, der so viel besser ist, als die Scheiße, in der wir gerade stecken und ob wir nicht genau vor diesem Teil am meisten Angst haben. Weil wir überhaupt nicht (mehr) wissen, wie dieser Teil überhaupt funktioniert. Wie es ist, morgens ausgeruht aufzustehen, wie es ist, auszuatmen, sich wirklich zu freuen, entspannt zu sein, sich wirklich zu verlieben, gesund zu sein, richtig gutes Essen zu essen und so fort. Vielleicht ist genau das manchmal das Problem: Die Angst vor dem Abschied von dieser ganzen Kacke, die so schön gewohnt geworden ist, die so schön bewohnbar ist und die Angst vor dieser Möglichkeit, dass da hinten um die Ecke vielleicht das Glück wartet. Kitschig? Ja, total. Fühlt sich aber ziemlich gut an, dieser Gedanke. Vielleicht sollte man das mal ausprobieren. Ich mache das jetzt jedenfalls. Ich ziehe im Mai nach Berlin und ich habe unfassbar viel Angst und unfassbar viel Lust.
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