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Archiv für den Monat Februar 2011

 

Ich träume. Ich träume noch von so vielen Dingen, dass der Kopf manchmal ganz müde vom Schlaf ist und der Körper die Helligkeit wie das Angehen der Kinobeleuchtung wahrnimmt und der Tag-Vorhang die letzten Namen im Abspann der Träume verdeckt. Ich träume davon, irgendwann einmal bei Zimmer Frei! zu sitzen und mein Lieblingsessen zu bekommen (und weil ich mich nicht entscheiden kann, was das genau sein soll, bekomme ich gleich ein ganzes Menü) und Christine führt mich die Treppen herauf in mein Zimmer voller Bücher und Wein und wir sprechen über die Grausamkeit des Leseflusses und über meine Unfähigkeit, mehr über einen Wein zu sagen, als dass er gut schmeckt dass die Flasche hübsch aussieht. Und wir sprechen beim Essen, während Götz seine scheinbar unerschöpflichen Erinnerungen vor uns auf die Tafel schmeißt und ich die ganze Zeit hoffe, dass der Deutschlehrer aus der 11. Klasse zusieht und sich grämt und all die Arschlöcher, die ihm immer Recht gegeben haben und alle Metren auswendig kannten. Und wir würden ein Lied von Aretha Franklin gröhlen (ich) und ich würde mich beim Bilderrätsel furchtbar blamieren und vielleicht manchmal das Publikum beschimpfen und immer und auf jeden Fall etwas sagen, das ich nachher furchtbar bereue.

Ich träume davon, einmal Worte in die  Dummy zu schreiben, einen Artikel über das wilde Ich oder über Bären und Probleme und Problematiken, ich weiß da nie den Unterschied. Ich träume davon, in diesem vegetarischen Sternerestaurant in Paris zu essen, im Ritz und in der kleinen Pommesbude, in der nur die Verrückten tagsüber essen. Ich träume davon, dass es nur noch vegetarische Restaurants gibt und ich nie wieder nur Salat bestellen kann, weil die Karte nichts anderes erlaubt. Ich träume von der Möglichkeit einer Ruhe, die größer ist, als nur bloßes Stillhalten und bis zehn zählen.

Ich träume von einer Schlacht im Inneren, in der es endlich einmal einen Sieger gibt und nicht nur Schatten derselben, ich träume von einer Sicherheit in den Bewegungen, in den Schritten, in den Nächten, die nie wieder Grund zur Angst und Grund zur Sorge gibt.

 

Ich träume von einem Ort, an dem ich bleiben will, von einem Bett, das groß genug für Wärme und Nähe und Distanz ist. Ich träume von einer Hochzeit fernab von bloßem Rauch und Geheul, ich träume von Kindern, von einem Haus mitten im Wald und von Erinnerungen, die man in Fächer sortieren kann, wie abgelegte Wünsche, die man nicht mehr braucht. Ich träume von der Möglichkeit des Vergessens, von der Loslösung der Ironie und vom Kitsch der Wahrheit.

Ich träume vom Abschalten, vom Anhalten und von der Gleichberchtigung des Guten, das scheinbar das Schlechte nie aufzuwiegen vermag. Ich träume von Worten, die immer gehen, die sich immer bewegen, die nicht in Ängsten konserviert herumfaulen. Ich träume von einem Mund, der immer im richtigen Moment spricht und küsst und schweigt und trinkt. Von Alkohol, der nie müde und übel macht, von Torte, die so glücklich aussehend macht, wie sie schmeckt. Ich träume von einer Zukunft im Jetzt, von einem Daseinkönnen im Augenblick.

Ich träume von Männern, die immer Anzüge tragen und Hüte und von Musik, die umsonst ist und nie aufhört, es zu sein. Ich träume davon, da zu sein, wenn ich will und wieder gehen zu können, wenn es gut ist. Und nicht erst, wenn es vorbei ist. Ich träume von Enden, die wirklich immer Anfänge sind und nicht nur in den Worten der anderen.

Ich träume von Träumen, die bleiben, wenn der Tag schon da ist und wenn die Augen schon offen sind und der Mund auch schon wieder. Ich träume. Ich träume noch von so vielen Dingen, dass der Kopf manchmal ganz müde vom Schlaf ist und der Körper die Helligkeit wie das Angehen der Kinobeleuchtung wahrnimmt und der Tag-Vorhang die letzten Namen im Abspann der Träume verdeckt.

(Danke Martin für diese Worte)

 

 

Guten Tag, werte Damen und Herren. Es folgt:

Eine Ankündigung.

Ich habe vor einer Woche meine Medikamente abgesetzt. Alle. Das war erst ziemlich schlimm und stellt sich jetzt täglich als sehr reinigende Entscheidung heraus. Ich war in Berlin und obschon ich die Stadt noch immer nicht leiden kann, werde ich aus Gründen dort in spätestens zwei Monaten leben. Ich hatte dort Zeit, über ein paar Dinge nachzudenken. Unter anderem über dieses Weblog.

Zunächst dachte ich darüber nach, ob ich es so noch weiterführen kann, wie es jetzt ist. Ob mich die thematische Gebundenheit in ihrer Omnipräsenz  einschränkt oder nicht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass dem so ist und auch zu dem Schluss, dass ich dieses Weblog, so, wie es jetzt ist, nicht mehr weiterbetreiben werde und will. Zunächst dachte ich daran, es zu löschen, dann wurde mir aber immer klarer, dass es zu schade darum wäre und dass ich die winzige Hoffnung habe, dass hier auch ein paar Menschen mitlesen, denen einfach das Geschriebene und nicht nur das Thematische gefällt. Ich werde drueberleben also nicht löschen – es wird sich aber etwas ändern. Und zwar Folgendes:

 

Dieses Weblog wird sich öffnen, so wie ich es gerade tue. Es wird nicht mehr weiterhin eine Erkrankung im Fokus stehen, so, wie es bisher der Fall war. Es wird unter Umständen auch weiterhin darum gehen, wenn es sich richtig anfühlt und wenn ich das Gefühl habe, dass es (leider) mal wieder an der Zeit ist, darüber zu sprechen. Dieses Weblog wird aber nicht weiterhin Depressionen als Schwerpunkt haben. Warum nicht? Weil meine Welt sich ausgedehnt hat und ich meinen Blick nicht mehr auf diese Erkrankung beschränken will. Aus diesem Grund wird es hier ab heute mehr zu lesen geben. Mehr über Literatur, über Bilder und über Geschriebenes. Mehr über die Dinge, mit denen ich mich völlig unabhängig von einer Erkrankung beschäftige und nicht im ewigen Kontext dieser.

Ich bin mir sicher, dass jetzt der Zeitpunkt gekommen ist, diesen Schritt zu gehen oder hier komplett aufzuhören. Weil ich das wie gesagt sehr schade finden würde und mittlerweile sehr an diesem Blog hänge, muss ich eben diesen anderen Schritt gehen. Natürlich ist hier weiterhin jeder willkommen und es werden auch keine Einträge gelöscht werden. Ich würde mich sehr freuen, euch alle als Leser und Schreiber zu behalten und hoffe, dass dieser Schritt einer nach vorn ist – und einer raus aus der Stagnation und der (für mich) mittlerweile zu einschränkenden Thematik.

Auf ein neues drueberleben!

 

Kathrin

Worüber man natürlich nie gerne spricht, ist Selbstbezogenheit. Im Grunde ist das ja auch müßig, sind wir doch alle dermaßen selbstbezogen, dass es uns gerade einmal so gelingt, den Tag zu überleben. Das ist gut so, das muss so sein. Würden wir die Dinge nicht auf uns beziehen, würden wir nicht alles Spiegelverkehrt und im Hinblick auf unsere Person beleuchten, wären wir gar nicht  in der Lage, uns zu koordinieren. Ich spreche hier von der simpelsten Annahme der Welt: Wir müssen selber das Zentrum dieses rotierenden Universums sein, um unsere Koordinaten mitteilen zu können. Beginne ich zu vergessen, dass ich der Mittelpunkt meines kleinen Universums bin, verliere ich das Gefühl für Zeit und Raum, für Meinung und Ablehnung. Kann ich nichts mehr so richtig im Hinblick auf diese Koordinaten, die mich selber klar umreißen, bestimmen, weiß ich nicht mehr, wo ich stehe, wie ich im Verhältnis zu den anderen Menschenplaneten stehe und wohin es geht auf der Umlaufbahn, auf der ich mich bewege. Man könnte von Determinus sprechen, mit dem ich in diesem Fall meine: Ich muss von ein paar feststehenden Dingen ausgehen, um mir einen Raum der Sicherheit zu schaffen. Höchst menschlich. Mache ich das nicht, beginne ich zu schwimmen und die Konturen meines Charakters zerfließen so sehr, dass ich mich entweder nicht oder kaum existent fühle oder permanent das Gefühl habe, unwichtig zu sein.

 

Natürlich ist diese ganze Nummer äußerst fragil. Überschätze ich die Rolle und den Umfang meines Selbst, beginne ich also alles ausschließlich im Kontext meines Ichs zu sehen, bin ich ein unangenehmer Mensch, der seine Koordinaten zu weit in den Raum anderer Menschen hineingelegt hat. Unterschätze ich hingegen mein Selbst und die Rolle, die ich in jedem Punkt meiner Wahrnehmung spiele, werde ich zu einem unsicheren, leicht biegsamen Menschen, dem es schwerfällt, seine Kraft aus Dingen zu ziehen, die er selber geschaffen hat. Abhängigkeit und Selbstaufgabe sind solche Folgen.

Nun kann man sich fragen, wie weit man gehen kann mit einer solchen Sebstbezogenheit. Und wo fängt Selbstüberschätzung an und wo spricht man noch so gerade von einem gesunden Selbstbewusstsein?

Bisher ging ich immer davon aus, meine Koordinaten recht eng gesteckt zu haben, eine gute Aussicht auf die der anderen behalten zu haben und übertriebende Selbstbezogenheit nur in so weit zu kennen, als dass sich natürlich dieses Geschriebene permanent a priori um mich dreht, ich hingegen an anderer Stelle, und hier sei natürlich besonders jedwede Form der zwischenmenschlichen Beziehung erwähnt, kaum oder nur sehr wenig immer nur von mir ausgehe und durchaus in der Lage zu sehr differenzierten Betrachtungen sei. Leider falsch!

Es ist nicht so, dass sich mein Leben weiterhin um diese Erkrankung oder um den Rattenschwanz, den sie hinter sich herzieht, dreht. Nicht ausschließlich zumindest. Aufgefallen ist mir aber, dass die ständige Beschäftigung mit sich selbst und den eigenen Wahrnehmungen sehr schnell und auf direktem Weg dazu führt, dass wir Menschen und Situationen falsch einschätzen, weil wir permanent davon ausgehen, der andere hätte die gleichen Gedankengänge vollzogen, mit denen wir schon Tage durch die Stadt geirrt sind. Dass dem nicht so ist, könnte für viele nicht neu sein, ist aber oft eine schmerzliche Erkenntnis, deren Schmerz eher emotionaler Natur denn rationaler ist. Denn die Ratio hat ja schon als Kind gelernt, dass man nicht immer im Mittelpunkt stehen kann und andere Menschen sogar so etwas krasses haben wie: eigene Gedanken, eigene Gefühle, eigene Ansichten.

Es passierte aber, dass das Leben mich in den letzten Tagen derart häufig darauf aufmerksam machte, dass ich enttäuschenderweise nicht das Zentrum meines äußeren Universums bin, dass ich begann, darüber nachzudenken, ob ein geringes Selbstwertgefühl tatsächlich nicht auch dazu führen kann, dass man, entgegengesetzt der Erwartung, sich sogar noch ein bisschen mehr mit sich beschäftigt, als andere. In meinem Fall heißt das konkret, dass ich bemerkte, dass einige Menschen sich tatsächlich andere Gedanken über Dinge machten, als ich. Das mag dümmlich klingen und ich kann mir vorstellen, wie der eine oder andere jetzt denkt: Ja, wow, sie hat kapiert, dass sie nicht allein auf der Welt ist und dass ihr Gehirn nicht mit unsichtbaren Leitungen mit dem der anderen verbunden ist. Und ich antworte: Ja, wow, eine Erkenntnis, die vielleicht zunächst flach und selbstverständlich wirken mag, aber eigentlich sehr viel tiefer geht, als es scheint. Denn wir sind wieder am Anfang: Wie soll ich also entscheiden, was richtig und falsch ist, wie ich handeln soll, wie ich mich benehmen soll, wenn ich nicht auf die Selbstverständlichkeit der erlernten Maßstäbe zurückgreifen kann, mir also keine Gedanken darüber machen muss, sondern einfach handle, wie es mir gerade passt im Wissen darum, dass das schon richtig ist und schon immer so funktioniert hat.

Gar nicht. Wen eine solche Erkenntnis überfällt, der muss raus aus der Natürlichkeit der eigenen Mechanismen und beginnen, sich zu reflektieren in einem Maß, das plötzlich für die anderen weniger anstrengend ist – für einen selbst aber umso mehr. Es bedeutet: Von heute an fragst du dich, ob du vielleicht zu Ich-bezogen bist, zu sehr um dich selber kreist und so fort. Eine anstrengende Sache.

Im Grunde musste ich also verstehen, dass ich nur zu winzigen Teilen davon ausgehen kann, dass andere Menschen mein Dasein in seiner Wichtigkeit begreifen, wie ich es tue und das kann sehr enttäuschend sein. Was aber ist jetzt der Schluss aus dem allem? Vermutlich ist er so simpel wie offensichtlich: Es nützt nichts, zu hoffen, dass andere verstehen, was man ihnen durch Doppeldeutigkeit, Subtilität oder Gefühlen aus Rauchzeichen mitteilen möchte. Man muss klare Botschaften aus dem eigenen Keller senden. Sagen, was man sich wünscht und akzeptieren, dass diese Wünsche oft nicht deckungsgleich mit denen der anderen sind. Man muss reden. Den Mund aufmachen. Lernen, damit klarzukommen, dass der andere andere Maßstäbe hat, dass zwischenmenschliche Beziehungen derart fragil sind, dass man sich nur mit Offenheit und Selbsterklärung in einem gesunden Maß darum bemühen kann, sich verständlich zu machen. Und wenn man das alles hinbekommt, dann schafft man es vielleicht sogar, so klare Signale zu senden, dass der andere einen aufrichtig mag. Oder es eben nicht mehr tut. Oder viel einfacher ausgedrückt: Wer immer davon ausgeht, dass die eigene Meinung und Sicht über- und auf Dinge die einzig wahre ist, verbaut sich wohl die Möglichkeit, einigermaßen offen und freundlich empfangen zu werden.

Es heißt also wohl, dass es an der Zeit ist, aus dem Schneckenhaus der Eitelkeit der eigenen Meinung herauszukriechen und akzeptieren zu lernen, dass es Menschen gibt, die in einem eigenen Universum leben. So wie man selber auch. Und wenn man Glück hat, dann verschmelzen diese beiden in manchen Momenten zu brennenden Sternen, die einem das Ego und das Herz ein bisschen erwärmen. Und wenn man Pech hat, dann sieht man so ziemlich schnell, dass das wohl nie passieren wird und man sich weiter im Raum des Schweigens zwischen diesen beiden Menschen-Systemen den Arsch abfrieren wird.

Wenn man nicht schlafen kann (und das kann ich ziemlich häufig nicht), dann kann man entweder ziemlich viel Schnaps trinken (mache ich ziemlich häufig) oder Bücher lesen (mache ich auch ziemlich häufig) oder ganz viele andere (gute) Sachen. Man kann aber zum Beispiel auch beschließen, wieder sechzehn zu sein und unbedingt seine Gedanken nicht nur aufzuschreiben (nein!), sondern daraus auch gleich mal Musik zu machen, ha! Weil ich aber schon groß bin und auch niemand mehr mit mir eine Band haben will, ich aber einen Computer besitze, der meine Band sein will, egal wie schief und peinlich ich singe oder wie schlecht die Musik ist, die ich ihn zwinge, zu machen, sind die Maschine und ich die Band für heute Nacht gewesen und herausgekommen ist ein musikalischer Tagebucheintrag über Berlin, Menschen und das Nichts. Zu hören und für ganz Verrückte sogar downzuloaden bei Soundcloud, bittesehr:

 

 

 

 

 

Eine Liste:

Weiße Dielen

Rote Münder

Vier Flaschen Wein

Fünf Uhr

Luft

Zittern, Beben, Atmen

Bauchschmerzen

Listen

Neukölln, Arcarden, Sofas

Grüne Kerzen

Stille

Tränen zwischen Haustüren

Lachen über Tränen zwischen Haustüren

Blumen

Geschrei, Geflüster, Liebe

Verstecke

Angst, Angst, Angst, Angst, Angst, Angst, Angst, Angst

James Blake, The Knife

Briefe

Warten.

Warten.

Warten.

Warten.

Aufgeben.

Schreiben.

Vomex

Kaffee

140 Rauchzeichen

Wut

Zerreißen

Nachbarn

Taxi

Bahnhof

Verpassen

Hoffen

Warten

Aufgeben

Ankommen

Alles über Bord schmeißen.

 

4 Tage Berlin.