
Ich träume. Ich träume noch von so vielen Dingen, dass der Kopf manchmal ganz müde vom Schlaf ist und der Körper die Helligkeit wie das Angehen der Kinobeleuchtung wahrnimmt und der Tag-Vorhang die letzten Namen im Abspann der Träume verdeckt. Ich träume davon, irgendwann einmal bei Zimmer Frei! zu sitzen und mein Lieblingsessen zu bekommen (und weil ich mich nicht entscheiden kann, was das genau sein soll, bekomme ich gleich ein ganzes Menü) und Christine führt mich die Treppen herauf in mein Zimmer voller Bücher und Wein und wir sprechen über die Grausamkeit des Leseflusses und über meine Unfähigkeit, mehr über einen Wein zu sagen, als dass er gut schmeckt dass die Flasche hübsch aussieht. Und wir sprechen beim Essen, während Götz seine scheinbar unerschöpflichen Erinnerungen vor uns auf die Tafel schmeißt und ich die ganze Zeit hoffe, dass der Deutschlehrer aus der 11. Klasse zusieht und sich grämt und all die Arschlöcher, die ihm immer Recht gegeben haben und alle Metren auswendig kannten. Und wir würden ein Lied von Aretha Franklin gröhlen (ich) und ich würde mich beim Bilderrätsel furchtbar blamieren und vielleicht manchmal das Publikum beschimpfen und immer und auf jeden Fall etwas sagen, das ich nachher furchtbar bereue.
Ich träume davon, einmal Worte in die Dummy zu schreiben, einen Artikel über das wilde Ich oder über Bären und Probleme und Problematiken, ich weiß da nie den Unterschied. Ich träume davon, in diesem vegetarischen Sternerestaurant in Paris zu essen, im Ritz und in der kleinen Pommesbude, in der nur die Verrückten tagsüber essen. Ich träume davon, dass es nur noch vegetarische Restaurants gibt und ich nie wieder nur Salat bestellen kann, weil die Karte nichts anderes erlaubt. Ich träume von der Möglichkeit einer Ruhe, die größer ist, als nur bloßes Stillhalten und bis zehn zählen.
Ich träume von einer Schlacht im Inneren, in der es endlich einmal einen Sieger gibt und nicht nur Schatten derselben, ich träume von einer Sicherheit in den Bewegungen, in den Schritten, in den Nächten, die nie wieder Grund zur Angst und Grund zur Sorge gibt.

Ich träume von einem Ort, an dem ich bleiben will, von einem Bett, das groß genug für Wärme und Nähe und Distanz ist. Ich träume von einer Hochzeit fernab von bloßem Rauch und Geheul, ich träume von Kindern, von einem Haus mitten im Wald und von Erinnerungen, die man in Fächer sortieren kann, wie abgelegte Wünsche, die man nicht mehr braucht. Ich träume von der Möglichkeit des Vergessens, von der Loslösung der Ironie und vom Kitsch der Wahrheit.
Ich träume vom Abschalten, vom Anhalten und von der Gleichberchtigung des Guten, das scheinbar das Schlechte nie aufzuwiegen vermag. Ich träume von Worten, die immer gehen, die sich immer bewegen, die nicht in Ängsten konserviert herumfaulen. Ich träume von einem Mund, der immer im richtigen Moment spricht und küsst und schweigt und trinkt. Von Alkohol, der nie müde und übel macht, von Torte, die so glücklich aussehend macht, wie sie schmeckt. Ich träume von einer Zukunft im Jetzt, von einem Daseinkönnen im Augenblick.
Ich träume von Männern, die immer Anzüge tragen und Hüte und von Musik, die umsonst ist und nie aufhört, es zu sein. Ich träume davon, da zu sein, wenn ich will und wieder gehen zu können, wenn es gut ist. Und nicht erst, wenn es vorbei ist. Ich träume von Enden, die wirklich immer Anfänge sind und nicht nur in den Worten der anderen.
Ich träume von Träumen, die bleiben, wenn der Tag schon da ist und wenn die Augen schon offen sind und der Mund auch schon wieder. Ich träume. Ich träume noch von so vielen Dingen, dass der Kopf manchmal ganz müde vom Schlaf ist und der Körper die Helligkeit wie das Angehen der Kinobeleuchtung wahrnimmt und der Tag-Vorhang die letzten Namen im Abspann der Träume verdeckt.





