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Archiv für den Monat März 2011

Was soll man sagen, wenn einem die Worte aus dem Mund fallen wie zäher Kaugummi dessen eines Ende noch an der Lippe hängt, während das andere schon beinahe den Boden berührt. Was soll man da sagen. Was soll man sagen, wenn man sich plötzlich an einem Ort wiederfindet, an dem man sich gar nicht vermutet hatte und an dem man auch gar nicht gedacht hatte, als man gesagt hat: Es wird schon alles gut werden! Was soll man da sagen, wenn man in den Spiegel einer Nasszelle schaut und mehr müde als anwesend erkennt, mehr bitte als danke und wenn man sich zuwinkt in dem Versuch, sich so lange selber Hallo zu sagen, bis man wieder weiß, wo man steht, weil man der Antwort ja nur folgen muss.

Was soll man machen, wenn man immer nur Knöpfe drücken muss, aber keine Ahnung mehr hat, in welches Stockwerk man eigentlich fahren wollte. Was soll man machen, wenn die Angst größer ist, als der Verstand und wenn du ihn nur noch nachts ganz heimlich siehst, diesen Verstand, der dich mal über den Tag gerettet hat, aber keine Warnweste mehr trägt, sondern nur noch eine Clownsmaske.

 

 

Was rufst du dann in den Nächten?

Was sagst du dann am Telefon?

Wem erklärst du das?

Erfindest du Ausreden?

Lügst du?

Sagst du die Wahrheit, wenn einer fragt?

Sagst du die Wahrheit, wenn keiner fragt?

 

 

Du entscheidest dich für Tor 3: Ja, hallo ich bins, ja, ich bin in der Klinik, ja, ist total toll hier, ja, alles ist super, nein, ja, nein ja nein ja nein ja ja aja aja ajajajajajajajajajaja nein neien jaja ajaheeisne mekcbdfk.

Am Ende sagst du deinen Satz, den mit “Keine Sorgen machen” und lachst ein bisschen in dich herein und dann auch ein bisschen lauter, das darfst du ja hier. Nein, du möchtest keine Blumen, aber gerne Schokolade, nein, du möchtest nicht erzählen, warum, aber gerne fragen, wie es weitergeht.

 

 

Was du dir wünschst, passt in zwei Sätze und einen Koffer. Auf jeden Fall aber in eine Wohnung. Was du dir wirklich wünschst, das klingt so viel banaler als der Code der Gedanken es für möglich hält. Du würdest gerne springen, aber nicht so wie die anderen, du würdest gerne einfach mal die Luft anhalten, die Beine rennen lassen, die Arme hochwerfen und dann der Sprung, der Moment in der Luft und dann die weiche Matratze, die sich Leben nennt und dein glückliches Lächeln, weil du endlich wieder gelandet bist auf dem Boden der Tatsachen. Unverletzt und mit den Taschen voll Milch und Honig in einem Moment voller Irrsinn. was du meinst: Du würdest gerne zurückkommen, du wärst gerne wieder da, du hättest gerne genug Mut zum Springen über deine Klippen aus Angst und Ekel und Apathie, damit du auf dem Boden springst und nicht fällst und damit du dir dabei nicht alle Knochen brichst stehst du da und siehst den Kaugummiworten zu und wartest. Du wartest einfach. Auf bessere Zeiten, auf den richtigen Moment zum Sprung und darauf, dass alles besser wird. Weil es immer besser wird. Geschworen.

 

Den Tag in der Notaufnahme zu verbringen, darauf wartend, dass jemand Tabletten reiche gegen die Angst und gegen das Zittern // Ein alter Mann brüllt, dass alle so verdammte Arschlöcher seien. Er käme aus Kiel. Vielleicht. Vielleicht aber auch nicht – grinst er verschwörerisch, als die Polizisten eintreffen. Er ruft mal nach Insulin und dann wieder nach Alkohol oder jungen Mädchen und als er mich ansieht wird er für eine Sekunde still und geht dann weiter. Kein Wort hat er verloren, während alle anderen in der psychiatrischen Ambulanz “Nutten und Pack und E K E L H A F T!” waren. Die Polizisten nehmen ihn mit, müssen ihn schon halten // die Schwester bringt meine Tabletten und wünscht mir einen guten Tag // Der Bus ist voller Menschen und schwimmt auf einer Straße nach Hause. // Ich steige aus und frage mich, wann das wohl angefangen hat, dass wir so sehr schreien müssen, dass wir so viel weißes Pulver brauchen, damit wir es nicht tun // Ich frage mich, ob ich nicht gern wie er geschrieen hätte, dass das alles so “unfair!” ist und so ein “Drecksladen, diese verdammte scheiß Welt!” und ob ich am Ende nicht glücklicher damit gewesen wäre, als mit gepresstem weißen Pulver, das die Gedanken ruhig und die Angst still sein lässt // Ich betrete eine leere Wohnung und zünde mir eine Zigarette an und bin müde, so müde, so verquer und dreckig und müde. Zum Glück.

 

Ich habe mich verbraucht, ge- und abgestoßen in dieser Stadt. In vier Notizbüchern und drei Kalendern stehen Eckpunkte eines Lebenslaufes, der sich nur in den Nahaufnahmen von denen jedes anderen unterscheidet. Wie immer eben. Wie immer zählen nur die Bilder und nicht der Rahmen.

 

 

Und irgendwann, nach all dem Herumrennen und Suchen und Wühlen und Treten und Beißen kommst du eines Morgens in den Kaffeeladen und du wirst gefragt “Wie immer?” und du sagst “Ja” und erst beim Herausgehen fällt dir auf, wie gut das ist. Wie unheimlich gut es ist, dass ein Mensch zwischen Millionen jeden Tag in diesem Laden steht und schon beim Hereinkommen anfängt, deinen Lieblingskaffee zu machen, weil er sich an dich erinnert.

 

 

Und dann gehst du nach Hause und siehst die immer gleichen Dinge. Die immer gleichen Gegenstände, die ganz plötzlich Geschichten erzählen, weil sie nur in diesen Räumen herumliegen, weil sie nie wieder so aussehen werden, wie hier, weil sie so sehr dazu gehören, wie die Räume selber. Und du fragst dich: Warum kann man all das erst immer sehen, wenn man schon dabei ist, zu gehen, wenn man schon weiß, dass es die letzten Tage sein werden und die letzten Nächte und eine Zeit voll letzter Male.

 

 

Die große Müdigkeit ob all der Dinge, die du gerade anfängst zu vermissen, obwohl sie noch da sind, diese große Müdigkeit ist doch am Ende nur ein Zeichen dafür, dass du es geschafft hast, dass du es geschafft hast, etwas zu finden, an dem du hängst, etwas von Wert, von Wille und Liebe und dass das ziemlich gut ist. Dass das am Ende doch wirklich alles ziemlich gut ist.

 

Die letzten Wochen Hamburg schleichen in großen Wolken vor dem Fenster vorüber. Die Wohnungssuche läuft zieht sich nervt unfassbar ist eben Wohnungssuche und Hamburg bleibt eben Hamburg. Um die letzten Wochen in dieser Stadt nicht zu vergessen, um überhaupt all das nicht zu vergessen, werden hier ab heute für die nächsten 4-8 Wochen regelmäßig häufig bis oft Erinnerungen, Bilder und Momentaufnahmen dieser Stadt erscheinen, die mir zwar ziemlich oft die Beine, aber nie das Herz gebrochen hat. Und dafür hat sie einen verdammten Orden verdient. Eigentlich.

Achtungfertiglos.