
Das erste, an das ich mich erinnern kann, ist dieser Blick, der sich weitet, der die Augen aufreißt, das Hochziehen der Mundwinkel, die Laute, die sich im Wind verlieren, dieses erste Mal, das ein kollektives Erstes Mal ist, weil es allen so geht, weil sich niemand entziehen kann, weil alle Mundwinkel dieser Welt und alle Augen dieser Welt in diesem Moment gleich aussehen, Landungsbrücken raus, der Blick auf den Hafen, auf Stahlbeton und Wasser, auf Containerwüste und Docks, auf Fischgeschäfte und Touristenattraktion und das Gefühl, hier für einen Moment in all dem ganz alleine zu sein. Mit all dem.
Ich war achtzehn, als ich das erste Mal diese Stadt betreten habe und ich war zweiundzwanzig, als ich wiederkam. Ich hatte mich erinnert an all die Lichter, nachts um vier auf dem Hamburger Berg, kurz bevor es hell wurde, an den Hellseher, der sich plötzlich neben mich gesetzt und mir gesagt hatte, indem er meine Hand hielt und so tat, als betrachte er die Linien meiner Zukunft, das heißt die Linien meiner Hand, dieser Hellseher jedenfalls hatte mir gesagt, dass der Mann, neben dem ich saß zwar der Falsche, die Stadt aber die richtige sei. Und er hatte Recht behalten.
Mit zweiundzwanzig packte ich einen Koffer, zwei Taschen, eine Gitarre und eine Mappe voller Bilder ein und verließ die Stadt K., weil ich mich erinnerte an all das, weil ich wusste, dass ich hier zu Hause, dass ich hier hier hier sein möchte, muss, sein will. Es stellte sich als richtig heraus. Alles. Das Wollen, das Müssen, das Lieben, das Bleiben.
Was sich als falsch herausstellte, waren die Erinnerungen. Aber das ist eben immer so, dachte ich, das gehört dazu, nichts anderes sind ja Erinnerungen als Beschönigungen des Gesehenen, als das Umschreiben einer Zusammenfassung von Eindrücken, die längst geschehen sind. Ich habe seitdem in sieben Wohnungen in vier Stadtteilen gewohnt, von St.Georg bis Winterhude habe ich ziemlich viel gesehen. Ich war in beinahe jedem Stadtteil des inneren Rings schon einmal Kaffeetrinken, ich weiß, wo welcher Club ist, was in den Theatern gespielt wird, ich kenne die Museen, die kleinen und die großen und ich kenne die Spelunken und den besten Pizzabäcker der Stadt. Ich war im Sommer dort und im Winter, ich bin um und über die Alster gelaufen, ich habe Hamburg gesehen.
Was ich auch gesehen habe: das Schließen und Wiedereröffnen all der Clubs und Versuche, diesselben zu etablieren. Ich habe gesehen, wie nach und nach immer mehr Menschen, deren Arbeiten ich geschätzt habe, weggezogen sind, wie immer mehr meiner Freunde von Berlin, vom Ausland, von New York gesprochen haben. Das haben sie nicht getan, weil ihnen Hamburg zu klein, sondern bloß zu eng geworden ist.
Heute las ich folgenden Artikel in der Online Ausgabe des MONOPOL MAGAZINS, der sich damit beschäftigt, dass der Kunstverein Hamburg sich gezwungen sieht, zwei Auktionen zu veranstalten, in denen er Werke von u.a. Daniel Richter oder Jörg Immenhof versteigert, weil er ab September nicht mehr in der Lage sein wird, die Gehälter seiner Mitarbeiter oder die Miete der Flächen zu bezahlen.
Wäre dies eine Ausnahme, so ließe sich das mit zwei weinenende Augen übersehen, WENN ja WENN es nicht mittlerweile zum Usus in dieser Stadt gehören würde, dass dererlei permanet in den letzten Jahren für Schlagzeilen um und über Hamburg gesorgt hat. Recht auf Stadt, ein Zusammenschluss mehrerer Initiativen, setzt sich seit langem dagegen ein, dass immer mehr Kultur, die abseits von König der Löwen, großer Hafenrundfahrt und Touristen liegt, die sich “die alte Flora” mal angucken wollen, weil der “Reiseführer gesagt hat, dass es hier so bunt und alternativ wäre” (über die Tatsache, dass “die Schanze” mittlerweile ein Ort für Mädchen und Jungs ist, die gerne viel Geld in Klamottenläden und Kosmetikshops ausgeben wollen, müssen wir ja gar nicht sprechen, ich weiß schon, Gentrification bla bla bla) verschwindet und Wohnraum schier unbezahlbar wird. Und nicht nur sie glauben, dass absurd steigende Mietpreise, die Schließung von immer mehr kulturellen Einrichtungen fernab vom großen Kommerz wichtig sind, nein, dass sie sogar den Charme dieser Stadt ausmach(t)en, der im Angesicht von Hafencity und Alsterfest immer mehr verblassen, weil nichts mehr übrigbleibt von den Menschen, die keine Atelierplätze mehr bekommen, weil es KEINE gibt, die bezahlbar wären, weil sie sich verdrängen lassen müssen von Großinvestoren.
Nein, auch all die Menschen, die jeden Tag versuchen, mit ihrer Kunst Geld zu verdienen, auch all die Menschen, die versuchen, in diesem Hochglanz-Kulissen-Prospekt-Ausschnitt, zu dem diese Stadt mehr und mehr wird, irgendwie finanziell zu überleben und trotzdem Kultur zu genießen, kennenzulernen, die noch bezahlbar ist, die noch unmittelbar und wild ist, wollen, dass dieser Irrsinn ein Ende hat. Hat er aber nicht.
Und ich habe lange überlegt, ob es sich lohnt, etwas darüber zu schreiben. Denn Schuld sind ja immer die anderen. Und in diesem Fall habe ich genau so mitgemacht. Ich habe einen Makler bezahlt, lebe in einer überteuerten Wohnung in einer besseren Gegend und damit habe ich genau so (und mit vielem anderen bestimmt auch) die Marketing-Campagne-Hamburg unterstützt. Aber je öfter ich in anderen Städten bin, je öfter ich (ja, ich weiß) in Berlin bin und sehe, was hier mit so viel weniger Geld, aber so viel mehr Gelassenheit möglich ist, desto mehr frage ich mich: Was ist denn Hamburg eigentlich noch mehr, als ein hübsches Abziehbild einer (ehemals oder nicht) reichen handelsstadt, die beschlossen zu haben scheint, dass alles Geld in Großprojekte fließen soll, die die Masse glücklich, den Kern aber vertrieben macht? Wie lange wird es denn noch kleine Räume geben, in denen es Aufführungen gibt, die nichts mit verkleideten, singenden Idioten zu tun hat? Wird das Schauspielhaus jetzt sicher bestehen? Und das Molotow? Was passiert denn, wenn selbst der Kiez mehr und mehr zu einer Filmkulisse der Erwartungen wird, die die Reiseführer anpreisen, die aber lange kaum noch Realität sind? Was passiert denn mit einer Stadt, die nur noch aus Pappmaché besteht, das zwar hübsch anzusehen, aber völlig hohl ist?
Die Liste der Einrichtungen (öffentlich und privat), die in den letzten Jahren bedroht waren von Schließungen oder Abriss oder beidem oder allem, ist schier endlos. Und jedes Mal half erst ein riesiger Protest, ein Aufschrei, bis etwas unternommen wurde. Das darf nicht so weitergehen. Liebe Hamburger: all das ist nicht mal plakativ, sondern nur ein winziger Ausschnitt all dessen, was hier in den letzten Jahren passiert ist. Kriegt eure Ärsche hoch und wehrt euch. Protestiert und gestaltet mit, zieht nicht einfach aus oder weg, sondern helft, dass unsere, diese Stadt nicht weiter verkümmert zu einem Investment-Projekt, das nur gut aussieht, aber jedwede Substanz verliert. Kämpft für Vielfalt und – wenn es nach mir geht und mir ist ganz egal, wie groß jetzt der Protest ist – boykottiert diesen ganzen Müll.
Mit polemischsten Dank für Ihre Aufmerksamkeit,
das Fräulein K.
PS: Dies ist a) kein Aufruf dazu, sich den stupiden Menschen anzuschließen, die regelmäßig Scheiben in der Schanze einschmeißen und glauben, dass das cool ist. Dies ist b) eher ein Aufruf, selbiges mal in den RICHTIGEN STADTTEILEN ZU VERSUCHEN WIE ZUM BEISPIEL DENEN; GEGEN DIE IHR PROTESTIERT, was ich natürlich als Metapher meine und nicht als Aufruf, ihr versteht schon und c) ist dies ein Aufruf, den Arsch vom Computersessel hochzukriegen (also ja, auch einer an mich) und sich zu wehren (womit ich diese Sache meine, die scheinbar nur ein winziger Teil der Hamburger kapiert hat) und d) alle im Artikel genannten Initiativen zu unterstützen, zu spenden und zu protestieren!


