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Archiv für den Monat September 2011

 

Es gab mal diese Seite im www, ich weiß nicht, ob sie noch existiert, jedenfalls gab es diese Seite, auf der sich Menschen “bewerten” lassen konnten. Nicht, wie lustig, klug, sensibel oder belesen sie sind, sondern wie heiß sie aussehen. Ähnliches gab es auch für “Coolness”. In diesem Fall ging es dann nicht darum, wie hübsch man ist, sondern bloß darum, wie cool man aussieht. In den Augen der Betrachter selbstverständlich. In den Augen von Menschen also, die es ebenso wie diese Personen für nötig ersehen, Bilder auf Seiten hochzuladen, um sich, den eigenen Stil und die eigene Fresse bewerten zu lassen. Aha.

In den letzten Monaten, seitdem es drueberleben gibt quasi, habe ich hunderte von Emails und tausende von Kommentaren bekommen. Die meisten waren sehr freundlich, der Großteil im Mindesten konstruktiv und der Rest war entweder Spam oder eine andere Kategorie, die ich so bisher nur bei Blogs erlebt habe, die von Frauen geführt werden: Es waren Kommentare über mein Aussehen.

Nun mag man vorwegnehmen, dass ich mich nicht gerade versteckt habe und meine Fresse ziemlich oft in die Kamera gehalten habe, was Teil und Sinn des Projekts war, wie die klugen Leser verstanden hatten, weil es eben darum ging zu zeigen, dass depressive Menschen keine heulenden Wracks sind, die zwangsläufig abgemagert, hässlich und unteriridsch übel aussehen. Kluge Leser hatten das wie gesagt ziemlich schnell begriffen. Die nicht so klugen schrieben lieber Emails, die zusammengefasst in etwa aussagten, dass ich entweder eine oberflächliche, selbstverliebte Fotze bin oder eben eine selten hässliche, je nachdem, wie der Absender gerade lustig war zu schreiben.

Aha. Zunächst ist festzuhalten, dass alle Angriffe fast ausschließlich in irgendeiner Weise auf mein Aussehen abzielten. Entweder war ich zu hübsch, um in den Augen des (natürlich IMMER anonymen) Absenders depressiv sein zu können (also ein Fake) oder ich war zu hässlich und zu demoliert, um überhaupt leben, schreiben und atmen zu dürfen. Das ist interessant. Denn nach einiger Zeit stellte ich fest, dass diese Art der Beschimpfung, des Trolltums, meistens in weiblich geführten Blogs zu finden ist. Die Damen werden entweder völlig entwertet oder aber, wenn sie in den Augen der Trolle hübsch sind, als dumm, oberflächlich oder arrogant dargestellt.

Am Anfang, das muss ich zugeben, war ich bei der einen oder anderen Nachricht etwas gekränkt. Es stellte sich mir die Frage, warum diese “Menschen” so wenig gute Erziehung genossen haben, so alleine und so armselig sind, dass sie fremde Menschen im Internet beschimpfen müssen. Das hat mir leidgetan und ich fragte mich ein ums andere Mal, ob man ihnen nicht irgendwie helfen müsste. Mit der Zeit jedoch begriff ich, dass diese Menschen tatsächlich einfach zu dumm waren, um sich auf eine respektvolle und konstruktive Art mit Inhalten auseinander zu setzen, die ihnen (es sei ihnen zugestanden, mein Gott) missfiel.  Und ich fragte mich, ob sie tatsächlich glaubten, dass sie mit dieser Art der Kommunikation etwas erreichten, das über den SPAM Filter hinausgeht? Über ein müdes Lächeln und über die Tatsache, dass sie vermutlich einfach arme Würstchen sind, die in einer ziemlich trüben Suppe schwimmen.

Warum ich mich trotzdem mit diesem Thema auseinandersetze? Nun, zunächst einmal wie gesagt deshalb, weil mir aufgefallen ist, dass dieses Phänomen vermehrt bei weiblichen Bloggern auftritt und außerdem auch deshalb, weil ich mich frage: Ist unser Aussehen noch immer unser größter schwacher Punkt?

Weil es hier ja um Ehrlichkeit geht und ich sowieso uf jeder Seite quasi nackt hier rumstehe und ein bisschen was erzähle, kann ich mit gutem Gewissen sagen: Ich leide genau so wie Milliarden andere Frauen darunter, mich permanent zu dick, zu hässlich, zu unansehnlich, zu irgendwas zu fühlen. Ich sehe wie all die vielen anderen Frauen dauernd in den Spiegel, zupfe an mir herum, schneide mir die Haare ab, bereue es wieder, kaufe mir neue Kleidung, in der Hoffnung, einmal einem Trend nahe zu sein, der scheinbar schon lange an mir vorbeigezogen ist. Ich bin ganz genau so unsicher wie all die anderen und ich habe Cellulite, Pickel und wiege mindestens 5 Kilo zu viel, um in eines von diesen Zara Kleidchen zu passen. Das ist die Wahrheit. Ich sehe mir diese Mode Blogs an und sehe bis zur Unkenntlichkeit aufgestylte Mädchen und fühle mich frustriert. So frustriert, wie man sich in der H&M Umkleide fühlt, wenn man sieht, dass die hübschen Klamotten an einem eher aussehen, als sei man irgendetwas sehr deformiertes und auf keinen Fall die heiße Uschi auf dem Plakat, nein, man ist so weit weg von der heißen Uschi aus der Werbung wie von der Möglichkeit, ein internationaler Superstar zu werden. Das ist frustrierend und das ist alltäglich und alle wissen das, aber keiner redet darüber.

Viel lieber laden wir hübsche Bilder von uns bei Facebook raus (ich auch), auf denen wir möglichst vorteilhaft in die Kamera gucken und den Eindruck erwecken, dass wir echt heiß, echt interessant und echt ganz nah am Supermodel sind. Und dabei merken wir gar nicht, wie genau diese Bilder uns immer nur noch mehr frsutrieren. Weil wir ganz genau wissen: Das ist nur eine Momentaufnahme und die Wahrheit hat Reiterhosen, Akne und trägt die meiste Zeit keine heißen Kleider, sondern alte T-Shirts, die nach dem ersten Waschen schon ihr Werbeversprechen das Abwasser heruntergespült haben. Tja.

Zurück zum Punkt: In den letzten Wochen frage ich mich deshalb desöfteren: Muss das eigentlich alles sein? Muss das sein, dass sich Menschen gegenseitig wegen ihres Aussehens beleidigen und muss das sein, dass so viele von uns so versessen darauf sind, möglichst vorteilhaft rüberzukommen? Ist das eine logische Konsequenz aus der Facebookisierung unseres Privatlebens oder einfach nur mein subjektives Empfinden?

Ich jedenfalls habe Pickel, Augenringe, dicke Backen und wiege zu viel. Ich bin kein Supermodel und ich werde auch nie eines sein. Wer mir also schreibt, dass ich Pickel, Augenringe, dicke Backen habe und dick bin: ok, wahnsinns Neuigkeiten, danke, jetzt fällt es mir auch endlich auf!Es gibt da aber noch etwas: Ich habe ziemlich tolle Augen. Und ein umwerfendes Lächeln. Ich bin charmant und ich kann ziemlich gut schreiben. Ich habe Grübchen, die wahnsinn sind und tolle Brüste. Wer was dagegen sagt: Go fuck yourself. Und so ist es eben immer und mit vermutlich allem: Keiner ist nur schön und keiner ist nur hässlich. Sowieso ist das eine rein private Sache, wie hübsch oder unhübsch man gefunden wird und absolut nicht von Belang, wenn es darum geht, wie nett, interessant oder witzig jemand ist. Ich scheiße auf roten Lippenstift, auf Acne-Klamotten und cooles Gehabe, wenn die Person dahinter nur langweiligen, oberflächlichen Kram von sich gibt und nicht viel mehr kennt, als ihre Plattensammlung auswendig. Was mich interessiert sind nicht die Gesichter von Menschen, sondern die Gedanken hinter den Mündern, hinter den Augen, hinter den tollen Haaren. Wer das anders sieht (und hier bin ich ausnahmsweise Mal sehr unmissverständlich deutlich) ist ein dummes, ignorantes, idiotisches Stück Scheiße von Mensch.

So und nun mache ich mich hübsch, denn heute Abend findet zum ersten Mal nach langer Zeit für mich wieder meine Lesebühne im Schauspielhaus in Hamburg statt und es werden neue Fotos gemacht und da will man ja hübsch aussehen, nicht wahr?

Guten Abend sehr verehrte Damen und Herren, wie geht es Ihnen denn so? Muss ja, muss ja, nicht wahr, nicht, nein? Na gut. Also, folgendes: In der letzten Zeit erhielt ich vermehrt Nachfragen, die sich wunderten (also die, die sie geschrieben haben, nicht die Nachfragen), vielmehr fragten, was denn nun eigentlich geschehen sei, so unverhofft und unvermittelt, plötzlich alles tuti, oder wie?

Ja, stimmt genau, Überraschung.

Natürlich passieren keine Wunder, jedenfalls mir nicht und jedenfalls hatte ich noch nie den Papst auf meinem Frühstückstoast eingebrannt oder Blutungen an Händen und Füßen an Ostern, aber Wunder mussten auch gar nicht geschehen, viel mehr musste einfach nur Zeit vergehen. Glaubste nicht? Schwöre ich aber. Nichts anderes ist nämlich passiert, als Zeit, als Rat, als Stille. Wow.

Zum Eigentlichen: Nein, ich bin nicht geheilt, zumindest nicht die nächsten siebzig Jahre vermutlich. Ich nehme Tabletten, dreimal täglich und Sport, Sport muss ich auch machen und ich gehe einmal wöchentlich zu einer Dame, die mit mir darüber redet, ob ich denn schon wieder alleine in der U-Bahn sitzen kann, alleine klarkomme und alleine nicht auf die Idee komme, mich von sehr hohen Gebäuden fallen zu lassen. Ich komme klar.

Wie das zu den Einträgen zu Beginn dieses Blogs passt (der jetzt fast 11 Monate alt ist, hui), ist schnell zu erklären: zwei Psychiatrien in einem halben Jahr, eine Menge beißen, eine Menge kämpfen, eine Menge heulen und noch mehr über das alles lachen, das muss ja auch mal sein. Sicherlich fragt sich jetzt der eine oder andere: Wie hat das denn funktioniert? Hier also ein paar un-ultimative, un-objektive, un-wissenschaftlich-empirisch-belegte Tipps und Erfahrungen, wie zum Teufel ich die kleinen Teufel ausgetrieben habe (zu glauben bla):

1. Der Rat, der mir half, war im Grunde eher ein Zwang, ein Befehl: Man befahl mir, mich in jede Situation zu begeben, die mir panische Angst machte und sie auszuhalten. Ich durfte heulen, ich durfte zittern und am Anfang auch weglaufen, aber ich musste sie irgendwann aushalten, diese Situation, egal, wie schlimm das war. Angefangen mit den am wenigsten schlimmen Sachen (einkaufen) über die Mittelschweren Aufgaben (Essengehen, Kino, Club, Kaffeetrinkengehen) bishin zu den ganz üblen Nummern (drei Stunden im überfüllten Zug, zu einer Demonstration gehen, Fliegen, etc.). Stellen Sie sich zur Verinnerlichung der Anstrengung dieser Aufgaben bitte folgendes Bild vor:

Sie gehen durch einen schönen Wald, in dem sie die meiste Zeit Ihre Ruhe haben. Sie wissen, dass es wilde Tiere dort gibt, aber weil Sie sich gut verstecken können, scheißen Sie auf diese Information und meiden die Tiere. Leider sind alle tollen Früchte und Blumen aber im Gebiet der Tiere. Sie denken sich also, hm, ich will auch mal wieder Erdbeeren (oder Gras, oder was weiß ich) und laufen so durch den Wald und werden ganz hungrig und ganz traurig, weil Sie ja so gerne Erdbeeren hätten. Und eines Tages sehen Sie auch dieses geile Erdbeerfeld und denken, yeah, endlich und gehen darauf zu und plötzlich taucht ein Monster-Bär-Löwe-Fress-und-Tötungsmaschinen-Wesen auf und sagt: Hallo Sie, wenn du Erdbeeren willst, dann musst du erst an mir vorbei, gnaaaa.

Verstanden? Na, hoffentlich.

So funktionierts jedenfalls. Töte den Bären, indem du dich ihm stellst und schon kannst du ein paar Erdbeeren pflücken. Ich habe in diesen Situationen meistens so sehr gezittert, dass ich nicht mal mehr wusste, wer ich bin und was zum Teufel ich hier eigentlich mache, wurde aber reichlich belohnt mit dem süßen Geschmack von immer mehr Dingen, die ich endlich wieder machen konnte.

2. Wiederholen Sie das häufig. Gehen Sie immer wieder bewusst in Situationen, die Angsterrgend sind, damit der Körper lernt, dass nichts Schlimmes passieren kann. Nach und nach wird er das begreifen, versprochen.

Hinzu kommen noch ein paar Medikamente (bei mir ist das Paroxetin), die unterstützend helfen können, aber NIEMALS alleine oder als Monotherapie ausreichen, um diesen gruseligen Scheiß in den Griff zu kriegen.

Und nun kommen wir zu einem Thema, das ich ausschließlich aus subjektiven Erfahrungen bestreiten möchte: Die Veränderung der Lebensumstände. Noch einmal: Ich gebe hier ausschließlich meine eigenen Eindrücke wieder.

Dann mal los:

Ich habe in all den Jahren in den Kliniken ausschließlich Menschen kennengelernt, die sehr, sehr unglücklich mit ihren jeweiligen Lebensumständen waren. Die einen haben ihren Job gehasst, die anderen, dass sie keinen fanden, die einen wollten ihren Partner am liebsten zerhacken und die anderen waren so alleine, dass es wehtat. Die einen mochten ihren Körper nicht, die anderen ihre Wohnsituation nicht und die einen waren am Luxus krank geworden und die anderen an der Armut. Aber wirklich JEDER war äußerst unzufrieden mit mindestens zwei dieser Bereiche und steckte in einer Krise, auf dem Weg dahin, etwas verändern zu wollen, zu müssen, aber die Kraft dafür unterwegs verloren zu haben (glaubten sie). Und bei wirklich allen trat nach und nach in der Therapie eine Veränderung dieser Umstände ein. Die meisten änderten sogar komplett alles, trennten sich oder suchten sich eine neue Wohnung oder schmissen den langweiligen Job, um zum Beispiel sich endlich nur noch dem Malen zu widmen. Und alles ging danach plötzlich besser. An dieser Stelle muss ich mich korrigieren: Nicht alle änderten alles und nicht alle wurden total glücklich, aber es war ganz deutlich zu erkennen: diejenigen, die grundlegend etwas änderten wurden auch grundlegend zufriedener und glücklicher.

Nun ist das manchmal ganz schön schwer, etwas zu ändern. Man liegt so rum und denkt sich: Ne, heute nicht und in drei Jahren auch nicht. und man fühlt sich eingesperrt in sich und den Umständen und so fort. Welche Frage sich mir aber stellte, war: Sind vielleicht einfach so viele Menschen depressiv, weil sie absolut und total gegen das handeln, das sie eigentlich glücklich machen würde? Sind diese Menschen vielleicht eigentlich gefangen in Umständen, die sie so sehr einsperren, dass sie depressiv werden und diese Depression wiederum dazu führt, dass sie nicht aus diesen Umständen hinauskommen?

Ich bin zu keiner abschließenden Antwort gekommen, weil das so eine Huhn-Ei-Frage ist, aber trotzdem fasste ich für mich den Entschluss, dass sich sofort und radikal etwas ändern muss. Dazu gehörten für mich meine Wohnungssituation, mein Verhältnis zu Freunden und meine Arbeit als Autorin. All das habe ich in nur wenigen Monaten so deutlich geändert, dass ich mich wie befreit fühle und mich in keinster Weise mehr eingesperrt oder depressiv fühle. Mit diesen Veränderungen ist die restliche Angst verschwunden, die Panik-Attacken, die Lethargie.

Natürlich ist das kein Allgemeinplatz und kein Rezept für alles. Aber im Grunde würde ich mal ganz frech behaupten, dass das der einzige Weg ist, sich langfristig aus den Monsterklauen zu befreien: Bären töten und Umstände ändern, gegen sich selber stark sein, gegen sich selber kämpfen und sich zutrauen, ein glücklicher Mensch zu werden. Klingt pathetisch, ne? Weiß die Kathrin. Wie gut, dass sie dabei lächelnd in dieser wunderbaren Wohnung sitzt und sich freut, dass sie solche Worte überhaupt schreiben kann und das muss sie noch nicht einmal in der dritten Person: Ich kann es ganz leise sagen und auch ganz laut: Hier kann man ein paar Bärenfelle abholen, von mir aus geschenkt!

(Und apropos Bären: Niemand (!) hat je eine wunderschönere Bärengeschichte gemacht als meine Freundin Jenny, deren Illustrationsblog ohnehin fantastisch ist.  Und hier geht`s zum BÄR )