Zwei Buchstaben für ein Halleluja

 

So ist das also nun jetzt. Da steht einer und sagt: Das ist ja nicht so gut. Da steht eine und sagt: Na, was denn? da steht einer und sagt: Hier, der Verdacht und bitte.

Nach vielen, vielen Schmerzen und schlaflosen Nächten, macht der Körper, was er will. Streiken will er und das ganz deutlich. Macht den Arm taub, die Finger steif, die Augen umbeweglich und zwischen Heiß und Kalt kann der rechte Arm schon gar nicht mehr unterscheiden. Und dann der Verdacht. Auf dem Überweisungsschein steht “Ausschluss ED”, was heißt: Stecken Sie dieses Mädchen in ein MRT und schließen Sie bitte aus, dass es MS ist.

MS. Zwei Buchstaben, die jetzt überall in Neonschrift aufblinken, die im Suchfenster seit einer Woche stehen und immer wieder fahren die müden Augen über Pixel, die etwas darüber erzählen wollen, aber nur Sorge machen, Sorge und Angst und manchmal auch Sprachlosigkeit. Natürlich ist es nicht oke, das immer wieder zu googlen. Natürlich sollte man das nicht machen. Natürlich macht man, ich, sich verrückt. Und natürlich macht es das alles überhaupt nicht besser, sondern trainiert nur das Herz und den Puls, die seit Tagen auf 180 sind und tausend Bilder pro Sekunde über Lähmungen, Rollstühle und Erblindung in den Äther meiner Synapsen schicken, die lustig zurückblinken und Alpträume zurückfunken.

Was ist das Gegenteil von Mutmachen? Google. Was ist das Gegenteil von Angsthaben: Nicht googlen.

Was gut ist: Niemand spricht mehr von Psychosomatik. “Zu viele Symptome” sagt die eine und “offensichtlich ist da irgendwas, wir wissen nur nicht was”, sagt die andere. Was sage ich? Nun, am Anfang ist es noch lustig, wenn man plötzlich sehr heiße Dinge anfassen kann, ohne dass es wehtut. Wenn man läuft, als sei man betrunken, ohne etwas getrunken zu haben. Wenn man gegen Türen und Wände stoplert und wenn die Augen Strobo-Disko machen. Am Anfang macht man sich noch lustig und denkt, dass der eigene Körper irgendwie Dadaismus macht: abgehackte Sätze, zuckende Hände, willkürlich ausschlagende Hände. Am Anfang denkt man noch: mit Humor nehmen. Aber dann kommt dieser Überweisungsschein. Und dann kommt die Taubheit. Und dann kommt Google. Und dann kommt das Warten.

Dass zwei Buchstaben ein ganzes Leben verändern können, ohne dass sie schon bewiesen sind, das war neu. Und neu ist, dass etwas so sehr Angst machen kann. Und was bleibt ist das Warten auf Ergebnisse, auf Untersuchungen, auf den Ausschluss der Diagnose. Und schlussendlich auf den Ausschluss dieser zwei Buchstaben aus meinem Leben. Ich will, dass die gehen und niemals wiederkommen. Die sollen bleiben, wo sie sind. Auf einem Überweisungsschein, der über eine Theke gereicht wird und den ich danach hoffentlich nie, nie, nie wiedersehen muss.

21 Kommentare
  1. Lanya said:

    Ich drücke alle Daumen. Wenn ich es schaffe, bete ich für Dich.

  2. trapdooria said:

    Um ehrlich zu sein, an MS dachte ich auch still, als ich Deinen einen Beitrag über unverschämte Ärzte las. Ich kenne mehrere Leute in meinem Umfeld, die daran erkrankt sind…mitunter eine gute Freundin. Jedoch sind Deine Sypthome insgesamt noch etwas anders, als deren…sodass ich den Verdacht nicht äußern wollte.

    Ich wünsch Dir dennoch alles Gute, dass es was Harmloseres ist! Sich nicht verrückt zu machen bis zur endgültigen Gewissheit ist immer schwer. =(

    Kopf hoch!

    LIebe Grüße

  3. Möchte nicht wissen, was Ärzte mir 1996 verschrieben hätten, wäre ich dort vorstellig geworden wegen meiner Panikattacken. In zweihundert Jahren werden Kinder im Schulunterricht sich gruseln über die Keulen von heute: “Echt, Elektroschocks???”
    Wie früher sicher einiges an Schwund war, als man Schädel eröffnete, um das Hirn zu lüften, werden heute sicher viele schulterzuckend von Arzt zu Arzt geschickt. “MS” ist für mich nur ein Feigenblatt, dass da offenbar gehörig was verpfuscht worden ist, weil man es heutzutage eben nicht besser weiß.

  4. Ich wünsche Dir, dass das alles nicht wahr ist und wenn doch, dass Du einmal mehr den Mut finden wirst, das auszuhalten. Immer, wenn ich Dein Blog lese, freue ich mich, dass es so mutige Menschen gibt! Mach weiter!

  5. defekt said:

    @chSchlesinger: Bei MS sind nachweislich die Myelin-Scheiden im ZNS in Auflösung begriffen — das ist kein Hirngespinst, sondern eine ernstzunehmende Krankheit. Das als »Pfusch« zu bezeichnen, ist einigermaßen geschmacklos.

    • Ich habe schon von anderen gehört, dass sie MS als “Ersatz-Diagnose-wenn-amn-nichts-findet” bezeichnen. Dass das Quatsch ist, ist relativ schnell klar, wenn man merkt, wie wahnsinnig vorsichtig Ärzte mittlerweile diese Diagnose stellen (erst nach neurologischem Befund, MRT, Liquor-Untersuchung etc.). Ich kenne keinen MSler, der die Diagnose mal eben so gestellt bekommen hat. Eher im Gegenteil: Meistens hat es qualvoll lange gedauert, bis das endlich klar war. Und dadurch, dass ganz klar Entzündungsherde auf dem MRT gesehen werden können, halte ich das auch nicht für eine Verlegenheitsdiagnose. ABER: bei mir ist ja noch gar nichts klar und es gibt noch keinen einzigen sichtbaren Beweis. Zum Glück.

    • Anders formuliert: Würde ein Boxer über neurologische Ausfälle klagen, würde jeder Arzt das in seine Überlegungen einbeziehen. Hingegen wohl kein Arzt besorgt dreinschaut, dass da über Jahre einige Keulen verschrieben worden sind.
      Tatsächlich bin ich überzeugt davon, dass kommende Ärztegenerationen unser ehrenwertes Eingreifen in hirnorganische Prozesse als Pfuscherei ansehen werden. Selbstverständlich aber auf jene noble Art, mit der sich ganze Epochen Medizingeschichte unter den Teppich kehren lassen: “Früher sagte man… heute ist man weiter!”

      • Vielleicht haben Sie da wiederum nicht ganz Unrecht. Ich frage mich auch nicht selten, ob diese jahrelangen chemischen Keulen nicht irgendetwas anrichten / bewirken / entfachen können.

      • sl4rt1 said:

        natuerlich redet man über die medizin von gestern heute anders, als über die medizin von heute.

        Warum bei Ärzten der unfehlbarkeitsgedanke so wichtig ist, dass sie immer nur “das ist so” sagen können, statt: “wahrscheinlich haben wir es mit XY zu tun, und letzter stand der irrung ist, dass foobar da hilft”, darüber kann ich nur spekulieren.

  6. Pandur said:

    Viel Glück…

    Pandur

  7. Herzlichen Dank fürs Teilen.
    Im März wusste man bei mir nicht, ob es vielleicht Krebs ist – war dann aber doch nur ein Pseudo-Lymphom. Die Zeit, bis die Ergebnisse da waren, war höllisch. Ich fand es ungeheuer anstrengend, nicht hysterisch zu werden. Für mich war es ein Weckruf, für den ich mittlerweile sehr dankbar bin. Habe hier und da etwas geändert und einiges aufgearbeitet. Geht mir jetzt besser als vor dem Schrecken und der Angst.

    Ich wünsche Dir von ganzem Herzen, dass es bei Dir auch so ist. Ich lese sehr sehr gerne Deinen Bog und bewundere Deinen Mut und Deine Direktheit. Den Beitrag heute finde ich besonders nah und gut. Danke dafür, denn Dein Zustand erinnert mich wieder daran, was wichtig ist.

    Wenn Du magst, schicke ich Dir eine CD mit einer hypnotherapeutischen Anleitung, für die schlimmsten Momente, um wieder “runter” zu kommen.
    Du kannst mir Deine Adresse an info@trauerbegleiter.org mailen.

    Liebe Grüße
    Eva

  8. Anja Undco said:

    Wir senden Kraftkekse und Durchhaltegrün und Gelassenheitswellen – Dazu die besten Wünsche und Glückssterne!
    anja und co

  9. Katharina said:

    Was mir in solchen “Hilfe, ich werde wahnsinnig!”-Situationen oft hilft, ist der Gelassenheitsspruch von Friedrich Christoph Oetinger:
    “Gott gebe mir die Gelassenheit Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann,
    den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann
    und die Weisheit, das eine von dem anderen zu unterscheiden.
    Gott gebe mir Geduld mit Veränderungen, die ihre Zeit brauchen,
    und Wertschätzung für alles, was ich habe,
    Toleranz gegenüber jenen mit anderen Schwierigkeiten
    und die Kraft, aufzustehen und es wieder zu versuchen, nur für heute.”

    Ich wünsche dir von Herzen alles, alles Gute und viel Kraft für die kommende Zeit!

  10. prjanik said:

    Drücke die Daumen, dass es was harmloses ist und sich gut beheben läßt.

    Grüße aus B
    die prjanik

  11. Lila said:

    Krankheiten googlen… da habe ich auch ganz schlechte Erfahrungen! Ich drücke für dich die Daumen!

  12. s. said:

    ich drück dir auch die daumen!

  13. kopfherz said:

    Hallo Du,
    bei mir gab es auch vor einiger Zeit einen Verdacht! Er hat sich nicht bestätigt. Ich drücke Dir die Daumen, dass auch Du nach dem MRT eine befreiende Antwort bekommst. Ich weiß genau, wie Du Dich fühlst!

  14. Antje said:

    Ich denke an Dich und hoffe, dass alles gut wird….

  15. Julia said:

    … am Anfang ist es noch lustig barfuß über Brennnesseln zu laufen und nichts davon zu spüren. Und dann die große Angst. Und dann noch größere Angst. Bis zur Gewissheit die konfuserweise Erleichterung bringt. Und dann, dem zum Trotz, gehts unaufhaltsam vorwärts.

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