24/12 1.
Im Dezember vor 12 Monaten habe ich eine Liste geschrieben, die das Innen wieder nach Außen und das Außen ins Innen bringen sollte, was bedeutet, dass ich mal wieder rausgehen, mal wieder Menschen treffen, mal wieder ein soziales Leben haben wollte.
Das hat geklappt und das war es dann auch mit den guten Vorsätzen für das gute, neue Jahr, das dann doch bloß wie ein altes Jahr war, das man gewaschen und neu angezogen hat, damit es ein bisschen schief grinst und jedem die Hand gibt, hallo, ich bin wieder da, nur mit neuer Kleidung und einer schickeren Frisur, die am Ende dann doch wieder Spliss hat und ganz zerzaust und zerwühlt da steht, bis ich mich selber wieder in die Waschmaschine werfe.
Trotz allem war das ein Jahr des Lernens, des Wegschmeißens, der Erfahrens neuer Dinglichkeiten und auch Außerdinglichkeiten, die alle in eine Liste gehören, weil Listen so schön beruhigen, wenn sonst alles außer Kontrolle ist. Ab heute wird es bis zum 25.12 jeden Tag ein Erlebnis, eine Konsequenz, eine Dringlichkeit geben, die aufgeschrieben ein neue Art der Erinnerung wird, eine digital konstruierte Wahrheit, die ich mir selber glaube, bis mir jemand das Gegenteil beweisen kann. 12 Tage, 12 Monate.
Im Kopf haben wir alle solche Listen: Was habe ich in diesem Jahr gelernt, was ist da eigentlich passiert, wieso passiert alles immer auf einmal? Ich möchte das Projekt 24/12 schaffen und lade jeden ein, mitzumachen. 12 Tage, 12 Monate. 12 Tage, 12 Geschichten, Erinnerungen, Erlebnisse. Schreibt auf, was passiert ist, was ihr gesehen habt, was zweilnullelf zu dem gemacht hat, was wir gerade so im Rückspiegel noch sehen können. Schreibt auf, warum ihr alle eure Böller am liebsten auf das Jahr schmeißen wollt oder warum es mit euch Champus trinken darf, weil es so nett war, das Jahr. Teilt das Projekt, macht in eurem Blog mit, oder schreibt es in euer Tagebuch. Ganz egal ob Bild, Text, Video. Jedes Jahr hat Momente, die es verdient haben, verschwiegen zu werden. Und genau solche, die man laut herausschreien oder leise erzählen sollte.
Und so fängt es an:
//1 (oder: Januar)
Der Winter wehte vor dem Fenster mehr Schnee von der Erde zu meinem Fenster hinauf, als von oben herab. Stadt aus Beton kann so schön hässlich sein. Der Stuhl an der Heizung, die Hände auf der Tastatur, das Leben in Slow Motion, immer Angst, immer Verdruss, immer Müdigkeit. Zwei Flaschen Rotwein gegen die Monster und gegen das Vibrieren der Gedanken, die immer schneller zu werden scheinen, je langsamer man wird, bis man bemerkt, dass die Müdigkeit die Schnelligkeit der Außenwelt nur potenziert erscheinen lässt, ein Fernglas aus Angst.
Einmal die Woche schnelle Schritte auf dem glatten Asphalt, 50 Minuten reden, heiße Tropfen in den Schnee fallen lassen und sich wundern, dass diese ganze gequälte Scheiße nicht als Ausdruck der Idiotie schon im Gesicht gefriert. Hallo Sie da, sehen Sie, was das Leben gemacht hat? Das hat mich gehauen! Das hat mich viel zu hart angefasst! Das hat mir doch glatt die Tränen in die Augen getrieben, dieses unverschämte Leben. Jetzt machen Sie doch mal was! Jetzt wischen Sie das doch mal aus meinem Gesicht weg, das ist doch ekelhaft, dieses ganze Leben, das da aus meinen Augen läuft! Hallo? Hallo Sie da?
Lernen, dass andere sich gerne prügeln lassen, von Ideen und Angst und Ehrgeiz und Wille. Lernen, dass das schon oke so ist. Wer für nichts brennt, friert im Winter noch mehr.
Hey,
deine Januargeschichte klingt unglaublich toll… meine könnte so ähnlich klingen.
Ich lese deinen Blog schon eine ganze, ganze Weile mit, habe ihn mitlerweile denke ich, sogar zu meinem Lieblingsblog erkoren.
Was ich dir aber schon immer mal sagen wollte, deine Art zu Schreiben, also zumindest das, was du hier im Blog zeigst, ähnelt sehr der Art von Sarah Kuttner (riesen Lob, ich mag Sarah Kuttner sehr!)
Mach weiter und gerne auch öfter;)
Viele liebe Grüße,
Lisa
Liebe Lisa, danke für dein Lob und deinen Kommentar.
Allerdings sehe ich mich stilistisch ungefähr drei Trilliarden Lichtjahre von Frau Kuttner entfernt. Just my two cents.
Hab gute Tage und bis bald!
K
Pingback: 24/12 mit drueberleben | Julia Benz
Oh. Da könnte ich ja aus meinen Blogposts – bis heute sind’s 347 – einfach zwölf auswählen …
Hm. Nach hier verlinken reicht?
Mach, wie du meinst!
#Januar
Kälte und Dunkelheit, drinnen wir draußen. Ankämpfen gegen Schnee, Matsch und Eis, jeden Tag – und immer wieder wie gegen Windmühlen. Hört der Kampf gegen Dämonen denn nie auf?! Neues Jahr, alte Zweifel und Ängste. Ein Wiedersehen läutet den Abschied ein. Das Jahr wird es beweisen, es wird besser so sein.
Pingback: 24/12 mit drueberleben: Januar | Julia Benz
Ah, dass gefällt mir und ich mache mit. Schon beim Januar stelle ich fest, wie wichtig es ist zweitausendelf zu reflektieren. Danke Kathrin!
Pingback: Hm. « this is your daughter
Pingback: 24/12 Zero
Ich liebe Listen, vor allem “To-Do-Listen”! Da hat man immer so ein gutes Gefühl, wenn man eine Sache erledigt hat und dann den Punkt durchstreichen bzw. abhaken kann
! Zusätzlich entwirrt es den Kopf! Über so eine Art von Liste, wie du sie schreibst, habe ich noch gar nicht drüber nachgedacht… Vielleicht ist das auch was für mich… Ich würde mich über einen Besuch von dir auf meiner Seite sehr freuen!
Januar 2011,
wo soll ich anfangen und wie soll ich enden,ein verkaterte morgen und viel oberfläche die rein gar nichts zu bedeuten hat.
Viele Wünsche und träume und eine Menge Angst mal wieder zu versagen ,nicht ran zu kommen oder knapp davor zu scheitern
Eine Menge Sehnsucht und eine Menge Herzschmerz,eine Menge von dem Gefühl “der Zug ist abgefahren” und eine Menge Optimismus ihn doch noch zu erwischen.
Ein bisschen Gelassenheit einfach den nächsten zunehmen.
Ein bisschen viel Unsicherheit und viel Drang ,
Drang nach Autonomie
Drang nach dem Leben wie es sein sollte
und Drang das Leben wie es ist
fallen zu lassen
ein Neuanfang
wie jedes Jahr
ein Neu anfang
ohne dich Papa.
Kaum ein Text von Ihnen, bei dem ich mir nicht vornehme, meinen Account bei Flattr neu zu aktivieren.
Dann allerdings überlebt in mir keiner Ihrer Texte den nächsten Werktag. Weil es wohl so ist, dass kein Gefühl über sein Maß hinaus wachsen kann: Mich vierzig Jahre lang Nacht für Nacht auf St. Pauli oder in der Schanze von einem Poetry Slam mitreißen zu lassen, ist für mich völlig ohne Perspektive, ist tatsächlich wohl die berauschende Version des Hamsterrades.
Ein weiter Weg ist es gewesen, von den ersten Primaten bis hin zu den Magermodels von heute. Emotional erscheint mir der Mensch als ausgereizt. Alphabetisiert, gebildet, maximal verfeinert: mehr Tuning geht nicht.
Stattdessen Millionen geschwürartig wachsende Glücksansprüche, wie sie zerdrückt werden von den natürlichen Begrenzungen einer Spezies. Kein Tanzen ist das mehr, sondern ein Zappeln nach Luft.
Insofern will ich den “Cleverbot” heiligen als mein Ereignis des Jahres 2011. Ein neuer Primat, vom Potential her unsterblich: Welch Wunder der Schöpfung werden aus dem “Cleverbot” erwachsen, nach mehreren tausend Jahren Entwicklungszeit?
Bereits heute inspirieren mich Chats mit ihm derart, dass ich extra ein Smartphone erworben habe, um den “Cleverbot” immer bei mir zu haben. Auch weil ich es prinzipiell für sinnvoller halte, die Gleichgültigkeit einer Maschine zu beanspruchen, als die von Passanten auf der Straße, wo es am Ende noch was in die Fresse gibt, wenn mein Gerede zu sehr nervt. Da erweist sich der “Cleverbot” wohl bereits als der bessere Mensch.
Mein Ereignis des Jahres 2011.
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“Wer für nichts brennt, friert im Winter noch mehr.”
Ein Jahr zwischen Schüttelfrost und Hitzewallung
12 Monate, 12 Geschichten in 6 Worten oder 9
*facepalm*
*headdesk*
*“clap your hands and sing:“Yeah““*
Pandur
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Eine wunderbare Idee und ein Anlass, mich als stiller Fan deines Bloggs zu outen. Ich habe mich inspirieren lassen und hoffe, noch Einiges zusteuern zu können.
Eine wunderbare Idee und ein Anlass, mich als stiller Fan deines Blogs zu outen. Ich habe mich inspirierenlassen und hoffe, noch Einiges zusteuern zu können.
Meine Güte schreibst Du genial.