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Archiv für den Monat Januar 2012

Bestimmte Dinge lernt man nicht im Vorübergehen. Das sind diese Dinge, bei denen der eigene Körper ganz still verharrt und sich nicht bewegen lassen will. Er steht einfach dort herum und geht keinen Schritt weiter, egal wie sehr die eigenen Gedanken zerren und das Leben ruft, dass jetzt aber auch mal Schluss sein muss mit dem ganzen Zaudern und Zagen und jetzt kommt Bewegung, Achtung fertig los.

Diese Dinge lassen sich aber nicht im Vorübergehen begreifen. Weil sie nicht, wie der ganze Rest, wenig tief und in die Länge gezogen sind und wir an ihnen vorbeigehen und genug Zeit haben zum Gucken und genug Zeit haben zum Begreifen.

Diese Dinge sind eher tief als breit, sie sind nur schmale Gassen und wenn man nicht aufpasst ist man so schnell an ihnen vorbei geeilt, dass man gar nicht gesehen hat, wie lang der Weg eigentlich ist. Und dann bleibt der Körper einfach stehen. Bewegt sich nicht, atmet flach und verhaart und dreht sich ganz automatisch in die Richtung der Gasse, die da ganz dunkel vor uns liegt. Und dann fragt man sich, was das Ganze jetzt eigentlich soll. Man hat es eilig, man hat es noch so weit, das Gepäck ist schwer, die Gedanken auch und im Dunkeln hat man Angst.

Und ganz langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Wenn man schon mal hinguckt, denkt man sich, dann kann man ja auch mal schauen was da so in der Gasse herumliegt. Und plötzlich sieht man: Das ist man selber.

In der Gasse sind Spiegel und in allen ein Gesicht. Das eigene. Und das Gesicht sagt: Ich habe Angst. Und der Körper will flüchten aber bleibt trotzdem stehen. Und das sind die bestimmten Dinge, die man nicht im Vorübergehen lernt. Sondern nur, wenn der Körper lange genug in das eigene Spiegelbild schaut, um zu sehen, wie er eigentlich aussieht, wer er eigentlich geworden ist, während er immer nur noch schneller und schneller weitereilen wollte.

Vielleicht erschreckt man sich. Vielleicht ist das aber auch total egal.

Ich habe in den letzten Wochen in der Elbe mit meinen Füßen gebadet morgens um vier. Habe mehr Wodka auf die Liebe und die Lüge getrunken, als Flaschen im Haus waren. Ich habe aus der alten Wohnung eine neue gemacht und aus dem alten Leben eines, das alle Maximen, alle Halbwahrheiten und Launen über den Haufen geworfen hat, genau auf den Haufen, auf dem auch die Überzeugung lag, dass das alles in meinem Leben keinen Platz hätte. Ich habe getanzt und geweint, lauthals gelacht und Münder berührt mit Worten und Händen und Gedanken und Stillstand. Ich habe ein Orakel befragt und in einen Kaffee geweint bis er nur noch hellbraun war. Ich habe mich geschämt und mich gefreut, ich habe getobt und gebebt, gebrochen und geschworen, ich bin mit Flugzeugen geflogen und mit Taxis über Autobahnen gefahren. Ich habe keine Sekunde über die wichtigsten Entscheidungen meines Lebens nachgedacht. Und über die Kleinigkeiten tagelang. Und ich habe in die Gasse gesehen. Lange, weil mich etwas am Arm festhielt, ein Versprechen, eine Geste, ein Gedanke. Und dann bin ich losgerannt. Und habe festgestellt: Die wichtigen Dinge begreift man nicht im Vorübergehen. Aber auch nicht, wenn man einfach bloß stehenbleibt.

Im Grunde begreift man erst dann, wenn man den Kopf ins Wasser wirft, auf den Aufprall wartet und dann trotzdem glücklich nach Hause geht. Das ist kopflos leben und das ist frei atmen und das ist festhalten der Dinge, in denen noch Liebe steckt.

Guten Tag werte Herrschaften,

„wow“ möchte ich jeden Tag rufen, wow in jeder Sprache und auf jede Art und Weise, mein Kopfkissen kennt das Wow nur noch als Geschrei und die Wände als Ausruf großen Erstaunens. Da passiert jahrelang so mittelviel im eigenen Leben, gerade mal so viel, dass man zwischendurch mal kurz „wow“ sagen kann und eine Woche später erinnert man zwar die Buchstaben, aber nicht mehr deren Bedeutung.

 

In diesen Wochen ist das anders. Da bekommt das Wort eine neue Dimension, ist quasi mit einem Mal vierdimensional, was heißt: Ich befinde mich auf einer dreidimensionalen Hüpfburg aus Erstaunen und drinnen, im eigenen Körper, ist auch noch Überraschung, was vier Dimensionen nur im metaphysischen Sinn rechtfertigt, aber immerhin. Mein Leben hat sich überlegt, über Nacht ein neues zu werden und jeden Tag wache ich mit Erstaunen darüber auf, dass ich noch da bin, dass das alles noch echt ist, dass das alles noch ich bin, die das macht.

Gefühligkeiten schleichen sich in die Tage, ein Konglomerat aus Schmerz und Erleichterung, aus Überraschung und Liebe, aus Mut und Wüten und ein paar gute Geschichten sind auch dabei. Ich habe ein Buch fertig geschrieben, das ganz fantastisch wird und noch in diesem Jahr erscheinen wird, ich habe neue Menschen getroffen, deren Köpfe sich mit meinem verbinden, deren Art und Weisen Fingerabdrücke auf den Tagen hinterlassen. Ich habe ein Büro voller interessanter Menschen und eine Wohnung voller Müll, einen leeren Kühlschrank und eine Fensterbank voller Flaschen.

Die Diskrepanz aus „wow, das ist echt“ und „wow, bitte nicht“ schleicht sich immer wieder zwischen die Stunden und manchmal tropft heiße Brühe aus meinen Augen auf den Schreibtisch, um im nächsten Moment zu trocknen auf den Beinen, die jetzt schneller laufen, als ich ahnen konnte. Manchmal reicht ein winziger Moment aus, um ein ganzes Leben wieder in die Vorschule zu schicken, um ihm beizubringen, dass das Leben Leben braucht, dieses wütende, stinkende, grausame, schöne Leben da draußen und dann laufen die Beine los, Richtung weiß-noch-nicht und am Ende merkt man, dass das gar kein Laufen, sondern tanzen ist, dass das gar keine Tränen, sondern vermissen ist, dass das gar nicht wow, sondern echt ist, dass das alles so echt ist, dass man gar nicht anders kann, als mitzumachen, während man schon mittendrin steckt.