Über Wut und wo sie hingehört

Ich schweige. Dann nicke ich. Dann sage ich „Entschuldigung“. Ganz automatisch. Ich würde mich auch für meine eigene Existenz entschuldigen, wenn ich könnte. So ist das manchmal. So ist das gerade. Seit ein paar Wochen: mit jedem Teil meines Denkens hänge ich an einem anderen Faden. Der eine heißt „Durchsetzen“, der andere heißt „Nachgeben“, wieder einer heißt „Selbstbewusstsein“ – die Schlagworte meines Wahnsinns.

Man kennt das ja: in bestimmten Bereichen hat man gerne eine große Fresse. Online zum Beispiel. Da erklärt man sich gerne zum Hassenden, schreibt über Missstände, als hätten sie wirklich etwas mit der eigenen Person zu tun, mokiert sich, fordert zu Widerstand und Auflehnung auf und diskutiert und schreit und kämpft. Sicherlich nicht jeder, sicherlich nicht alle, aber ich kenne sie, diese Online-Protestmenschen und ich gehöre leider dazu, auch, wenn ich beizeiten immer wieder Besserung gelobe, den Router verstecke, das WLAN ausschalte. Nach einer Woche motze ich wieder herum, als hätte ich nie getönt, dass dieses ganze Diskutieren und Herumpöbeln doch sowieso recht sinnlos ist.

Im Kopf nur heißes Rauschen

Aber dann: ein Konflikt in einem Supermarkt. Ein Streit zwischen Freunden. Ein unangenehmer Brief eines Amtes. Und ich schweige. Ich sage: Entschuldigung, das muss mein Fehler sein. Ich sage nichts. Ich sage: Das war sicherlich meine Schuld. Ich sage: Es tut mir leid. Innerlich schreibe ich einen Tweet, ein Posting, irgendwas. Da steht dann das Gegenteil. So ein Arschloch, denke ich. So eine dumme Kuh. Und ich sage: nichts. Oder entschuldige mich. Obschon ich einfach nur schreien will.

Menschen, die wie ich gelernt haben, dass es unhöflich ist, jemanden auf einen Fehler hinzuweisen, die Angst haben, jemanden zu verlieren, wenn sie mal ihre Meinung sagen, die sich gleich tagelang selber hassen, wenn sie sich mal durchsetzen sollen, wenn sie mal eine andere Meinung vertreten, das sind auch ganz häufig (nicht immer, wirklich nicht immer) genau diejenigen, die im WWW gerne die größte Klappe haben. Ich zum Beispiel. Aber woran liegt es denn, dass das auf der Straße dann nicht funktioniert, dass es im Freundeskreis nicht klappt, dass ich am Ende eines Streites in einem Café dann doch lieber sage: Tut mir leid, du hast ja auch irgendwie recht, es muss an meiner schlechten Laune liegen, ich nehme alles zurück. Und innerlich brennt alles, im Kopf nur noch heißes Rauschen, weil ich mich schäme, dass ich mich nicht durchgesetzt habe, weil ich wütend auf mich bin und noch wütender auf den anderen.

 

Feigheit und Angst und ein Anfang

Vermutlich kann man das Feigheit nennen, Angst vor Konfrontation, die Menschen wie ich dann lieber im WWW austragen, weil da keiner vor einem sitzt, weil da niemand aufstehen und gehen kann, weil das alles so schön luftdicht ist, und man sich ja immer noch sagen kann, dass man es dem anderen ja jetzt echt gegeben hat. Aber immer öfter beschleicht mich das Gefühl, dass dieses Verhalten falsch ist. Dass es einen falschen Eindruck macht. Dass das, was wie Hass aussieht, nur Angst und Feigheit ist. Dass ich, je mehr ich im Supermarkt versöhnlich lächle und „Entschuldigung, mein Fehler“ sage, umso mehr muss ich einen anderen Weg finden, damit umzugehen. Einen, der nicht wehtut, einer, der nichts von mir abverlangt. Das geht zum Beispiel in den Netzwerken, das geht bei Twitter und sogar bei Amazon, das geht überall scheinbar besser, als vor der eigenen Haustür.

Vielleicht ist es am Ende so, dass das Problem auch die Lösung all dessen bereithält: wer sich wie ich gerne online beschwert, der beschwert sich zu Hause vielleicht zu wenig. Der traut sich vielleicht nicht, der Freundin zu sagen, dass sie nervt. Oder der Mutter, dass ihr Kind endlich aufhören soll, den eigenen Hund zu drangsalieren. Oder dem Chef, dass er sich seine unbezahlten Überstunden mal in den Arsch schieben kann. Das ist keine Entschuldigung, aber eine Erklärung. Eine mögliche, keine abschließende. Ich jedenfalls habe vor einigen Tagen zum ersten Mal einen Angestellten in einem Krankenhaus zurechtgewiesen. Bis ich den Mut dafür aufgebracht hatte, saß ich zwei Stunden im Wartebereich und hatte so viel Wut in mir, dass ich beinahe zitterte. Viel einfacher wäre es gewesen, wie sonst, einfach darüber zu schreiben. Oder dem Krankenhaus eine Beschwerdeemail zu schicken. Oder eine schlechte Bewertung abzugeben (ja, das geht auch bei Krankenhäusern). Aber ich bin aufgestanden und habe meine Wut in das Gesicht eines Angestellten geschmissen. Und bin gegangen. Danach habe ich gezittert und mich nicht sehr gut gefühlt. Aber es hat den richtigen getroffen. Und nicht – wie sonst – eine anonyme Masse. Vielleicht war das ein Anfang.

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