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Wussten Sie schon?

Es gibt Dinge, die fasst man nicht zweimal an. Heiße Herdplatten zum Beispiel (ich jedenfalls war danach mehrere Tage nicht in der Lage meine rechte Hand adäquat zu benutzen- was Warnung genug war). Zumindest denkt und handelt man so, wenn man nicht ganz bescheuert ist. Dem entgegengesetzt gibt es Dinge, die man auf jeden Fall mindestens zweimal anfassen sollte. Frisch gewaschene Bettlaken, ein Geländer auf dem die letzten Regentropfen noch verbleiben, den Telefonhörer, um sich endlich zu entschuldigen. Aber lohnt es sich auch, Menschen zweimal anzufassen (in einem höchstgradig metaphorischen Sinn)?

Malte Welding veröffentlichte unlängst diesen Artikel in seinem Blog “Die Frage nach der Liebe”, in dem es um die Frage geht, wie viele Trennungen wir eigentlich ertragen müssen und wenn wir sie schon ertragen müssen: Wie viele können wir denn eigentlich aushalten, ohne das Handtuch zu werfen, was in diesem Fall meint, lieber alleine zu bleiben, als sich den Terror einer weiteren Trennung antun zu müssen. Denn nichts anderes sind Trennungen: Herz- und Kopfterror. Nicht selten werden Getrennte bisweilen sogar körperlich krank und so richtig verheilen die Wunden im Innen und Außen ja nie. Das wissen wir, seitdem wir das erste Mal ein Komm-Zurück-Mixtape verschickt haben und niemals eine Antwort erhielten. Trennung tut weh und Trennung ist Sport geworden.

In meinem Freundes- und Bekanntenkreis bedeutet Trennung aber auch etwas anderes, als den Krieg kalter Herzen: Sie bedeutet die Rückbesinnung auf das Individuum, die „Trennung als Chance“, die ganze Maschinerie der Selbstverwirklichung. Wer getrennt wurde oder sich getrennt hat, wird unermüdlich aufgefordert, sich jetzt gefälligst einmal um sich selber zu kümmern. „Um sich selber“, das heißt, dass eine Optimierung des Selbst stattfinden soll: Endlich mal Sport treiben, denn das ganze Sitzfleisch der Beziehung muss nicht nur im Inneren abgetragen werden. Endlich gesunde Ernährung, endlich mal wieder soziales Leben, denn der verkümmerte Beziehungshybrid soll wieder ein „Ich“ werden, das sich in das soziale Gefüge der anderen „ichs“ einen neuen Platz zu suchen hat. Es darf getrunken und gefeiert werden, es darf sich „ausgelebt“ werden, auch, wenn nie jemand so genau weiß, was das jetzt eigentlich heißt: sich um sich selber zu kümmern, sich auszuleben, sich neu kennen zu lernen.

Unweigerlich stellen sich die Fragen: Habe ich mich etwa im Zustand des „Wir“ nicht ausgelebt? Habe ich mich nicht um mich gekümmert? Habe ich etwa keine Ahnung, wer ich eigentlich bin, wenn ich kein Wir bin? Und wenn das so ist: Heißt eine Trennung nichts anderes mehr, als eine Optimierung des Ichs, auf dass beim nächsten Mal alles besser läuft, der Partner besser ist, die Beziehung besser ist, das Subjekt ein besseres ist?

Nach einer schmerzhaften Trennung durchlief auch ich diesen Prozess. Zunächst wurde getröstet und aufgefangen, dann gewütet, dann aufgefordert zu der Rückbesinnung auf die Person, die ich sein sollte ohne den Mann, mit dem ich zusammen gewesen war. Zunächst stellte sich mir die Frage: Wenn die Rückbesinnung auf das Selbst das Ziel eines Prozesses nach einer Trennung sein soll, findet dieser Prozess nicht trotzdem in Abhängigkeit zu dem oder der Verflossenen statt, weil er im Kontext der Trennung steht und / also auch im Kontext der anderen Person? Einfacher ausgedrückt: Wenn ich eine andere werden soll, weil ich getrennt wurde, ist nicht eben genau dieses Ziel wieder darauf ausgelegt a) einen neuen Partner zu finden und b) mich vom alten durch die Veränderung meiner selbst abzugrenzen? Und bleibe ich nicht genau so ein Subjekt im Kontext mit dem ewig Gleichen?

Nach einer Weile des Sporttreibens, der Verschönerung und des Auslebens meiner Wünsche, die ich in einer Beziehung nicht ausleben zu können glaubte, fand ich mich nach zwei Monaten an einem Punkt wieder, der mich zutiefst deprimierte: Ich lebte ein Leben, das ich mochte, mit Freunden, die ich mochte und Interessen, die ich mochte, aber am Ende blieb die Frage: Wofür hatte ich das alles getan? Für mich? Für die “anderen”? Für einen neuen potentiellen Partner? Und wenn es für eben jenen sein sollte: War ich dann nicht aus dem einen Wir zu einem Wir geworden, dessen eine Hälfte ich war und dessen andere Hälfte eine Option war? Zu meinem Glück ergab es sich, dass die Trennung eine vorübergehende sein sollte und ich mit meinem Partner wieder zusammenkam.

Und dann erlebte ich Erstaunliches: Die Maschine wehrte sich gegen diese Option. Denn die Maschinerie der Therapeuten, der Life-Coaches, der Sportzentren und Selbsthilfegruppen ist auf diesen Fall nicht ausgelegt. Zurück zum Alten? Ein zweiter Versuch? Ein Rückschritt? Zweifelhaft und eigentlich ausgeschlossen. Denn was Trennung heute bedeutet, zeigte sich nun ganz deutlich: Das Begräbnis einer Phase, das Zurückbesinnen auf das Selbst und danach bitte loslaufen und einen neuen Partner finden / eine neue Phase / ein neues Leben beginnen. Wer zurückblickt hat nur Angst, alleine zu sein. Wer zurückblickt kann nur nicht loslassen. Wer wieder zusammen kommt, hat nicht verstanden, sich selber besser kennen zu lernen. Aber ist das wirklich so?

Abgesehen von der Tatsache, dass die Wiedervereinigung mit einem Partner so spannend ist wie ein neues Kennenlernen und mindestens so kompliziert, ergeben sich ganz neue Variablen, die mich zutiefst erschrecken: Das Wieder-Zusammenfinden ist zu einer Art Makel geworden. Nicht mehr diejenigen, die eine Trennung durchleben werden als „gescheitert“ betrachtet, sondern jene, die sie rückgängig machen. Nicht mehr den „alten Partnern“ wird eine Chance auf ein neues, vielleicht besseres Leben zugestanden, sondern jenen, die „nach vorne“ blicken und sich neu orientieren.

Dass dies keine neue Entwicklung ist, ist deutlich, wenn man die Scheidungsraten betrachtet. Dass die Partner nicht wie vor Jahrzehnten noch in engen Familienbünden aus beiden Parteien leben und daher eine Art übergeordnetes Interesse an einer Wiederzusammenkunft bzw. keiner Trennung besteht, ist auch offensichtlich. Wir sind eine Single Nation aus Single Haushalten und Familie ist zu einem Wagnis geworden. All das erklärt die Reaktionen auf eine Versöhnung (und natürlich der Umstand, dass das Umfeld viel Trauer und Schmerz mitbekommen hat, die so eine Trennung mit sich bringen und natürlich Besorgnis vorherrscht, dass selbiges sich wiederholen könnte), die zumeist befremdet sind und voller Skepsis. Vielleicht ist es manchmal gut, Dinge nicht zweimal anzufassen. Und manche Beziehungen sind so sehr gescheitert und vergiftet, dass ein erneuter Versuch bisweilen mehr Schmerz bringt als die endgültige Trennung. Es gibt aber durchaus auch Menschen, die den Mut haben, es ein zweites Mal zu versuchen. Vielleicht weil sie sich genug lieben, vielleicht weil sie nicht alleine sein können (schon immer eine schwierige Unterscheidung).

Ich habe schon immer für diese zweiten Chancen plädiert und tue es heute umso vehementer. Denn ich glaube an das Ich im Wir. Ich glaube daran, dass zwei Menschen durch einen so immensen Einschnitt wie eine Trennung ihn darstellt, lernen können, beim zweiten Mal vorsichtiger zu sein. Und ich glaube daran, dass es in der Liebe niemals um Optimierung gehen sollte. Vielleicht um die Verbesserung einiger Teilbereiche (Kommunikation / Sexualität / Vertrauen – um nur einige zu nennen), aber doch bitte nicht darum, den „idealen Partner“ zu finden. Den gibt es nicht. Das sollten wir alle mittlerweile gelernt haben.

Ich glaube nicht an das Konstrukt des grunderneuerten Ichs, das beim nächsten Mal alles ganz anders macht (vielleicht ein wenig anders, aber bestimmt nicht ganz anders). Woran ich aber glaube ist eine Liebe, die stark genug ist zu akzeptieren, dass der Mensch, mit dem man sein Leben verbringen möchte, eben auch nur ein Mensch ist mit all seinen Fehlern und Irrtümern und Makeln. Genau wie wir selber. Und ich glaube daran, dass Liebe etwas sein kann, das durch eine Trennung noch weiter wachsen kann. Ich glaube daran, dass man manche Menschen zweimal anfassen sollte und dass diese Chance nicht nur eine für den anderen ist, sondern auch eine für sich selbst: nämlich eine dafür, den Glauben zu bewahren, dass jede Liebe, jede Beziehung ganz einzigartig ist und nicht „mal eben so“ ausgetauscht werden kann für die optimierte Variante des Ex-Partners. Oder wie es bei Malte Welding steht:

Der Preis, den wir dafür bezahlen, ist eine größere Verwundbarkeit. Ein hoher Preis, aber am Ende lohnt er sich.

wir wälzen uns in den betten, wetten, dass das niemals aufhören wird, wetten nicht, wetten, dass das da draußen nur provisorisch ist, wetten, dass es wieder aufhört.

das da draußen sind keine wolken, sondern nur schlieren von den blicken, die den himmel gestriffen haben. das da draußen ist gar nicht winter, sondern nur die stopp-taste, die irgendwo jemand jedes jahr drückt, weil er auch mal ruhe braucht, weil jeder mal ruhe braucht, weil das doch möglich sein muss, das bisschen ruhe, das muss doch gehen.

das hier drinnen ist gar keine angst, sondern nur ein kleines zittern, weil sich die erde dreht und jemand muss das doch merken und die menschen, die zittern, sind nicht nervös, sondern bloß sensibel, die merken das, dass das keiner merkt, außer ihnen.

das da drüben ist kein verlust, sondern bloß ein versuch, auch mal ohne zu können, auch mal etwas wegzulassen, auch mal stehen zu bleiben, wenn jemand anderes weitergeht, das ist kein verlust, das ist nur stehenbleiben an der stelle, an der die füße sich eingegraben haben, bis die erde sich wieder lockert und sie weitergehen wollen.

das hier vorne ist kein bett, sondern ein versteck für zwei, das sich jemand ausgedacht hat, der weiß, dass die verstecke immer die besten sind, die jeder zu sehen glaubt, von denen aber niemand weiß, dass sie verstecke sind.

das ist kein loch, das du da fühlst, das ist nur die abwesenheit von etwas, das du gar nicht mehr benötigst, bei dem dir aber noch keine geschichte eingefallen ist, um sie hineinzustopfen in den hohlraum, der gar nicht so schreit, wie du glaubst, sondern viel stiller ist, als du hörst.

das hier ist kein schmerz, sondern bloß eine hyperaktivität der nervenenden, die sagen, dass sie etwas wahrgenommen haben, dass sie etwas spüren und dass sie das jetzt weiterleiten, FWD: und mit dir auf CC, damit du erfährst, dass sie dich noch mitbekommen, deine nerven und dein sein und dass du noch da bist, sowas von da bist.

Determinismus: Ich gehe in den Wald, ein Vogel fällt vom Baum, also kann ich davon ausgehen, dass ab jetzt jedes Mal ein Vogel vom Baum fällt, wenn ich in den Wald gehe. Richtig? Nein.

Das glauben wir nicht, schließlich sind wir ja vernünftig und basteln uns unseren Determinismus, wie er uns gefällt: Unser Gehirn sortiert ganz automatisch und im Rückblick auf Erfahrungen, Werte, Werteinschätzungen usf., was in Schubladen passt und was nicht. Einfacher ausgedrückt: wir müssen davon ausgehen, dass uns Atmen am Leben hält, dass der Typ da neben uns auch morgen noch unser Freund ist und dass wir wir sind, dass wir Essen kaufen müssen, um Nahrung aufzunehmen, die uns am Leben hält, dass man mit Geld bezahlen kann und so weiter. Von diesen Dingen gehen wir aus, ganz automatisch und unterbewusst, denn sonst müssten wir an jedem einzelnen Tag alles aufs Neue überprüfen, was einer täglichen Neugeburt gleich käme und sicherlich spannender klingt, als es dann letztendlich ist.

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Es gab mal diese Seite im www, ich weiß nicht, ob sie noch existiert, jedenfalls gab es diese Seite, auf der sich Menschen “bewerten” lassen konnten. Nicht, wie lustig, klug, sensibel oder belesen sie sind, sondern wie heiß sie aussehen. Ähnliches gab es auch für “Coolness”. In diesem Fall ging es dann nicht darum, wie hübsch man ist, sondern bloß darum, wie cool man aussieht. In den Augen der Betrachter selbstverständlich. In den Augen von Menschen also, die es ebenso wie diese Personen für nötig ersehen, Bilder auf Seiten hochzuladen, um sich, den eigenen Stil und die eigene Fresse bewerten zu lassen. Aha.

In den letzten Monaten, seitdem es drueberleben gibt quasi, habe ich hunderte von Emails und tausende von Kommentaren bekommen. Die meisten waren sehr freundlich, der Großteil im Mindesten konstruktiv und der Rest war entweder Spam oder eine andere Kategorie, die ich so bisher nur bei Blogs erlebt habe, die von Frauen geführt werden: Es waren Kommentare über mein Aussehen.

Nun mag man vorwegnehmen, dass ich mich nicht gerade versteckt habe und meine Fresse ziemlich oft in die Kamera gehalten habe, was Teil und Sinn des Projekts war, wie die klugen Leser verstanden hatten, weil es eben darum ging zu zeigen, dass depressive Menschen keine heulenden Wracks sind, die zwangsläufig abgemagert, hässlich und unteriridsch übel aussehen. Kluge Leser hatten das wie gesagt ziemlich schnell begriffen. Die nicht so klugen schrieben lieber Emails, die zusammengefasst in etwa aussagten, dass ich entweder eine oberflächliche, selbstverliebte Fotze bin oder eben eine selten hässliche, je nachdem, wie der Absender gerade lustig war zu schreiben.

Aha. Zunächst ist festzuhalten, dass alle Angriffe fast ausschließlich in irgendeiner Weise auf mein Aussehen abzielten. Entweder war ich zu hübsch, um in den Augen des (natürlich IMMER anonymen) Absenders depressiv sein zu können (also ein Fake) oder ich war zu hässlich und zu demoliert, um überhaupt leben, schreiben und atmen zu dürfen. Das ist interessant. Denn nach einiger Zeit stellte ich fest, dass diese Art der Beschimpfung, des Trolltums, meistens in weiblich geführten Blogs zu finden ist. Die Damen werden entweder völlig entwertet oder aber, wenn sie in den Augen der Trolle hübsch sind, als dumm, oberflächlich oder arrogant dargestellt.

Am Anfang, das muss ich zugeben, war ich bei der einen oder anderen Nachricht etwas gekränkt. Es stellte sich mir die Frage, warum diese “Menschen” so wenig gute Erziehung genossen haben, so alleine und so armselig sind, dass sie fremde Menschen im Internet beschimpfen müssen. Das hat mir leidgetan und ich fragte mich ein ums andere Mal, ob man ihnen nicht irgendwie helfen müsste. Mit der Zeit jedoch begriff ich, dass diese Menschen tatsächlich einfach zu dumm waren, um sich auf eine respektvolle und konstruktive Art mit Inhalten auseinander zu setzen, die ihnen (es sei ihnen zugestanden, mein Gott) missfiel.  Und ich fragte mich, ob sie tatsächlich glaubten, dass sie mit dieser Art der Kommunikation etwas erreichten, das über den SPAM Filter hinausgeht? Über ein müdes Lächeln und über die Tatsache, dass sie vermutlich einfach arme Würstchen sind, die in einer ziemlich trüben Suppe schwimmen.

Warum ich mich trotzdem mit diesem Thema auseinandersetze? Nun, zunächst einmal wie gesagt deshalb, weil mir aufgefallen ist, dass dieses Phänomen vermehrt bei weiblichen Bloggern auftritt und außerdem auch deshalb, weil ich mich frage: Ist unser Aussehen noch immer unser größter schwacher Punkt?

Weil es hier ja um Ehrlichkeit geht und ich sowieso uf jeder Seite quasi nackt hier rumstehe und ein bisschen was erzähle, kann ich mit gutem Gewissen sagen: Ich leide genau so wie Milliarden andere Frauen darunter, mich permanent zu dick, zu hässlich, zu unansehnlich, zu irgendwas zu fühlen. Ich sehe wie all die vielen anderen Frauen dauernd in den Spiegel, zupfe an mir herum, schneide mir die Haare ab, bereue es wieder, kaufe mir neue Kleidung, in der Hoffnung, einmal einem Trend nahe zu sein, der scheinbar schon lange an mir vorbeigezogen ist. Ich bin ganz genau so unsicher wie all die anderen und ich habe Cellulite, Pickel und wiege mindestens 5 Kilo zu viel, um in eines von diesen Zara Kleidchen zu passen. Das ist die Wahrheit. Ich sehe mir diese Mode Blogs an und sehe bis zur Unkenntlichkeit aufgestylte Mädchen und fühle mich frustriert. So frustriert, wie man sich in der H&M Umkleide fühlt, wenn man sieht, dass die hübschen Klamotten an einem eher aussehen, als sei man irgendetwas sehr deformiertes und auf keinen Fall die heiße Uschi auf dem Plakat, nein, man ist so weit weg von der heißen Uschi aus der Werbung wie von der Möglichkeit, ein internationaler Superstar zu werden. Das ist frustrierend und das ist alltäglich und alle wissen das, aber keiner redet darüber.

Viel lieber laden wir hübsche Bilder von uns bei Facebook raus (ich auch), auf denen wir möglichst vorteilhaft in die Kamera gucken und den Eindruck erwecken, dass wir echt heiß, echt interessant und echt ganz nah am Supermodel sind. Und dabei merken wir gar nicht, wie genau diese Bilder uns immer nur noch mehr frsutrieren. Weil wir ganz genau wissen: Das ist nur eine Momentaufnahme und die Wahrheit hat Reiterhosen, Akne und trägt die meiste Zeit keine heißen Kleider, sondern alte T-Shirts, die nach dem ersten Waschen schon ihr Werbeversprechen das Abwasser heruntergespült haben. Tja.

Zurück zum Punkt: In den letzten Wochen frage ich mich deshalb desöfteren: Muss das eigentlich alles sein? Muss das sein, dass sich Menschen gegenseitig wegen ihres Aussehens beleidigen und muss das sein, dass so viele von uns so versessen darauf sind, möglichst vorteilhaft rüberzukommen? Ist das eine logische Konsequenz aus der Facebookisierung unseres Privatlebens oder einfach nur mein subjektives Empfinden?

Ich jedenfalls habe Pickel, Augenringe, dicke Backen und wiege zu viel. Ich bin kein Supermodel und ich werde auch nie eines sein. Wer mir also schreibt, dass ich Pickel, Augenringe, dicke Backen habe und dick bin: ok, wahnsinns Neuigkeiten, danke, jetzt fällt es mir auch endlich auf!Es gibt da aber noch etwas: Ich habe ziemlich tolle Augen. Und ein umwerfendes Lächeln. Ich bin charmant und ich kann ziemlich gut schreiben. Ich habe Grübchen, die wahnsinn sind und tolle Brüste. Wer was dagegen sagt: Go fuck yourself. Und so ist es eben immer und mit vermutlich allem: Keiner ist nur schön und keiner ist nur hässlich. Sowieso ist das eine rein private Sache, wie hübsch oder unhübsch man gefunden wird und absolut nicht von Belang, wenn es darum geht, wie nett, interessant oder witzig jemand ist. Ich scheiße auf roten Lippenstift, auf Acne-Klamotten und cooles Gehabe, wenn die Person dahinter nur langweiligen, oberflächlichen Kram von sich gibt und nicht viel mehr kennt, als ihre Plattensammlung auswendig. Was mich interessiert sind nicht die Gesichter von Menschen, sondern die Gedanken hinter den Mündern, hinter den Augen, hinter den tollen Haaren. Wer das anders sieht (und hier bin ich ausnahmsweise Mal sehr unmissverständlich deutlich) ist ein dummes, ignorantes, idiotisches Stück Scheiße von Mensch.

So und nun mache ich mich hübsch, denn heute Abend findet zum ersten Mal nach langer Zeit für mich wieder meine Lesebühne im Schauspielhaus in Hamburg statt und es werden neue Fotos gemacht und da will man ja hübsch aussehen, nicht wahr?

Guten Abend sehr verehrte Damen und Herren, wie geht es Ihnen denn so? Muss ja, muss ja, nicht wahr, nicht, nein? Na gut. Also, folgendes: In der letzten Zeit erhielt ich vermehrt Nachfragen, die sich wunderten (also die, die sie geschrieben haben, nicht die Nachfragen), vielmehr fragten, was denn nun eigentlich geschehen sei, so unverhofft und unvermittelt, plötzlich alles tuti, oder wie?

Ja, stimmt genau, Überraschung.

Natürlich passieren keine Wunder, jedenfalls mir nicht und jedenfalls hatte ich noch nie den Papst auf meinem Frühstückstoast eingebrannt oder Blutungen an Händen und Füßen an Ostern, aber Wunder mussten auch gar nicht geschehen, viel mehr musste einfach nur Zeit vergehen. Glaubste nicht? Schwöre ich aber. Nichts anderes ist nämlich passiert, als Zeit, als Rat, als Stille. Wow.

Zum Eigentlichen: Nein, ich bin nicht geheilt, zumindest nicht die nächsten siebzig Jahre vermutlich. Ich nehme Tabletten, dreimal täglich und Sport, Sport muss ich auch machen und ich gehe einmal wöchentlich zu einer Dame, die mit mir darüber redet, ob ich denn schon wieder alleine in der U-Bahn sitzen kann, alleine klarkomme und alleine nicht auf die Idee komme, mich von sehr hohen Gebäuden fallen zu lassen. Ich komme klar.

Wie das zu den Einträgen zu Beginn dieses Blogs passt (der jetzt fast 11 Monate alt ist, hui), ist schnell zu erklären: zwei Psychiatrien in einem halben Jahr, eine Menge beißen, eine Menge kämpfen, eine Menge heulen und noch mehr über das alles lachen, das muss ja auch mal sein. Sicherlich fragt sich jetzt der eine oder andere: Wie hat das denn funktioniert? Hier also ein paar un-ultimative, un-objektive, un-wissenschaftlich-empirisch-belegte Tipps und Erfahrungen, wie zum Teufel ich die kleinen Teufel ausgetrieben habe (zu glauben bla):

1. Der Rat, der mir half, war im Grunde eher ein Zwang, ein Befehl: Man befahl mir, mich in jede Situation zu begeben, die mir panische Angst machte und sie auszuhalten. Ich durfte heulen, ich durfte zittern und am Anfang auch weglaufen, aber ich musste sie irgendwann aushalten, diese Situation, egal, wie schlimm das war. Angefangen mit den am wenigsten schlimmen Sachen (einkaufen) über die Mittelschweren Aufgaben (Essengehen, Kino, Club, Kaffeetrinkengehen) bishin zu den ganz üblen Nummern (drei Stunden im überfüllten Zug, zu einer Demonstration gehen, Fliegen, etc.). Stellen Sie sich zur Verinnerlichung der Anstrengung dieser Aufgaben bitte folgendes Bild vor:

Sie gehen durch einen schönen Wald, in dem sie die meiste Zeit Ihre Ruhe haben. Sie wissen, dass es wilde Tiere dort gibt, aber weil Sie sich gut verstecken können, scheißen Sie auf diese Information und meiden die Tiere. Leider sind alle tollen Früchte und Blumen aber im Gebiet der Tiere. Sie denken sich also, hm, ich will auch mal wieder Erdbeeren (oder Gras, oder was weiß ich) und laufen so durch den Wald und werden ganz hungrig und ganz traurig, weil Sie ja so gerne Erdbeeren hätten. Und eines Tages sehen Sie auch dieses geile Erdbeerfeld und denken, yeah, endlich und gehen darauf zu und plötzlich taucht ein Monster-Bär-Löwe-Fress-und-Tötungsmaschinen-Wesen auf und sagt: Hallo Sie, wenn du Erdbeeren willst, dann musst du erst an mir vorbei, gnaaaa.

Verstanden? Na, hoffentlich.

So funktionierts jedenfalls. Töte den Bären, indem du dich ihm stellst und schon kannst du ein paar Erdbeeren pflücken. Ich habe in diesen Situationen meistens so sehr gezittert, dass ich nicht mal mehr wusste, wer ich bin und was zum Teufel ich hier eigentlich mache, wurde aber reichlich belohnt mit dem süßen Geschmack von immer mehr Dingen, die ich endlich wieder machen konnte.

2. Wiederholen Sie das häufig. Gehen Sie immer wieder bewusst in Situationen, die Angsterrgend sind, damit der Körper lernt, dass nichts Schlimmes passieren kann. Nach und nach wird er das begreifen, versprochen.

Hinzu kommen noch ein paar Medikamente (bei mir ist das Paroxetin), die unterstützend helfen können, aber NIEMALS alleine oder als Monotherapie ausreichen, um diesen gruseligen Scheiß in den Griff zu kriegen.

Und nun kommen wir zu einem Thema, das ich ausschließlich aus subjektiven Erfahrungen bestreiten möchte: Die Veränderung der Lebensumstände. Noch einmal: Ich gebe hier ausschließlich meine eigenen Eindrücke wieder.

Dann mal los:

Ich habe in all den Jahren in den Kliniken ausschließlich Menschen kennengelernt, die sehr, sehr unglücklich mit ihren jeweiligen Lebensumständen waren. Die einen haben ihren Job gehasst, die anderen, dass sie keinen fanden, die einen wollten ihren Partner am liebsten zerhacken und die anderen waren so alleine, dass es wehtat. Die einen mochten ihren Körper nicht, die anderen ihre Wohnsituation nicht und die einen waren am Luxus krank geworden und die anderen an der Armut. Aber wirklich JEDER war äußerst unzufrieden mit mindestens zwei dieser Bereiche und steckte in einer Krise, auf dem Weg dahin, etwas verändern zu wollen, zu müssen, aber die Kraft dafür unterwegs verloren zu haben (glaubten sie). Und bei wirklich allen trat nach und nach in der Therapie eine Veränderung dieser Umstände ein. Die meisten änderten sogar komplett alles, trennten sich oder suchten sich eine neue Wohnung oder schmissen den langweiligen Job, um zum Beispiel sich endlich nur noch dem Malen zu widmen. Und alles ging danach plötzlich besser. An dieser Stelle muss ich mich korrigieren: Nicht alle änderten alles und nicht alle wurden total glücklich, aber es war ganz deutlich zu erkennen: diejenigen, die grundlegend etwas änderten wurden auch grundlegend zufriedener und glücklicher.

Nun ist das manchmal ganz schön schwer, etwas zu ändern. Man liegt so rum und denkt sich: Ne, heute nicht und in drei Jahren auch nicht. und man fühlt sich eingesperrt in sich und den Umständen und so fort. Welche Frage sich mir aber stellte, war: Sind vielleicht einfach so viele Menschen depressiv, weil sie absolut und total gegen das handeln, das sie eigentlich glücklich machen würde? Sind diese Menschen vielleicht eigentlich gefangen in Umständen, die sie so sehr einsperren, dass sie depressiv werden und diese Depression wiederum dazu führt, dass sie nicht aus diesen Umständen hinauskommen?

Ich bin zu keiner abschließenden Antwort gekommen, weil das so eine Huhn-Ei-Frage ist, aber trotzdem fasste ich für mich den Entschluss, dass sich sofort und radikal etwas ändern muss. Dazu gehörten für mich meine Wohnungssituation, mein Verhältnis zu Freunden und meine Arbeit als Autorin. All das habe ich in nur wenigen Monaten so deutlich geändert, dass ich mich wie befreit fühle und mich in keinster Weise mehr eingesperrt oder depressiv fühle. Mit diesen Veränderungen ist die restliche Angst verschwunden, die Panik-Attacken, die Lethargie.

Natürlich ist das kein Allgemeinplatz und kein Rezept für alles. Aber im Grunde würde ich mal ganz frech behaupten, dass das der einzige Weg ist, sich langfristig aus den Monsterklauen zu befreien: Bären töten und Umstände ändern, gegen sich selber stark sein, gegen sich selber kämpfen und sich zutrauen, ein glücklicher Mensch zu werden. Klingt pathetisch, ne? Weiß die Kathrin. Wie gut, dass sie dabei lächelnd in dieser wunderbaren Wohnung sitzt und sich freut, dass sie solche Worte überhaupt schreiben kann und das muss sie noch nicht einmal in der dritten Person: Ich kann es ganz leise sagen und auch ganz laut: Hier kann man ein paar Bärenfelle abholen, von mir aus geschenkt!

(Und apropos Bären: Niemand (!) hat je eine wunderschönere Bärengeschichte gemacht als meine Freundin Jenny, deren Illustrationsblog ohnehin fantastisch ist.  Und hier geht`s zum BÄR )