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Wir zwei geteilt durch uns ergibt eins.

Eins durch zwei ergibt zwei halbe.

Zwei Halbe, die sich nichts mehr zu sagen wissen,

außer der eine, der redet vom Vermissen

und der andere von schlechtem Gewissen.

Den Kopf zwischen zerknüllten Papierwolken,die Schnee husten,

ich wollte ja gar nicht viel, wollte nur Wunden ohne Krusten,

aus denen statt Eiter Verbände kommen,

gemeinsam gewinnen, alleine gewonnen,

der Sieger steht immer

alleine auf glatten Stufen

brenne ich ab und nehme einfach alles mit,

die Papierwolken und die Leichtigkeit, die schon immer unter meinem Gewicht litt.

„Ich bin eine offene Wunde und überall, wo diese Wunde die Welt berührt, eitert und schmerzt sie“ (Meike Büttner)

Ich laufe durch Straßen aus Pappmache und grauen Gesichtern, roten Wangen und zugekniffenen Mündern. Ich bin eine von ihnen, ich bin eine von allen, ich bin sie.

Ich habe mich aufgerissen, in einer Bar am Ende der Welt, habe mir mit Geschrei und Mut das Herz und die Lippen blutig geschlagen, bin nach Hause gewankt, in sechs Räume, in denen meine Fingerabdrücke auf dem Boden kleben, weil ich meine Hände auf alles drücke, was unterhalb meiner Füße liegt, damit ich nicht vergesse, dass ich da bin, dass ich stehe, dass unter mir noch etwas ist und zwar ein Boden und ein Stockwerk und eine Straße und eine Kanalisation und so lange das so ist, bin ich nicht ganz unten angelangt.

Ich habe Gedanken in Städte geschickt, in Köpfe und Münder und ich habe ihnen Botschaften an die Füße geklebt, damit sie vielleicht jemand zurückschickt an meine Adresse, damit ich noch weiß, dass das mein Name ist, dass das meine Adresse ist, damit ich noch weiß, dass ich irgendwo wohne und irgendwo mein Name auf einem Klingelschild steht.

Mein Mund schweigt, während meine Augen labern und labern und labern und quatschen und Botschaften auf die Tische kotzen, an denen ich jetzt täglich sitze, bis alles ganz versaut ist, was noch zwischen mir und meinem Gegenüber liegt und wir uns trennen in Umarmungen und Schwüren, in Versprechungen und Küssen, auf dass man sich mal wiedersieht, ja ja, ganz bestimmt oder vielleicht auch einfach niemals.

Ich habe mir die Hände wund gescheuert beim Versuch, das Band festzuhalten, das mich verbunden hat mit allen Überzeugungen, mit allen Maximen, mit allen Selbstverständlichkeiten eines Lebens, das so und so und gar nicht anders sein sollte. Das Band, das verband, war ein Verband um meinen müden Kopf, Watte um Geschrei und Angst und jetzt hat es mir den Verstand demoliert, jetzt ist es zurückgeschnellt und ist mir gegen die Stirn geschlagen und ich kann nichts mehr sagen, außer Tut mir leid und War nicht so gemeint, als hörte noch jemand zu, als hörte ich mich selber noch.

Da ist der Mann, der immer so traurig Geige spielt und da ist die Frau, die mich immer „Mädchen“ nennt. Da sind Hände und Bettlaken und leere Flaschen und volle Wäscheleinen und saubere Küchen und Bücherregale und Ich weiß nicht weiter und da sind Nummern, die man nie wieder wählt und Stimmen auf der Mailbox und Tage aus Öl, die sich nicht mehr aus der Kleidung waschen lassen. Da ist Kaffee und Atem und Bluten für nichts und offene Wunden ohne Pflasterzeug, da ist ein Verbandskasten voll Wodka und Träume, die in Rucksäcke verstaut werden, da sind überflüssige Schlüssel zu Dingen, die man nie wiedersieht und Tränen im Waschbecken und da ist Verrecken vor Verstand, der sich nicht verstecken will, da ist ein Herz, das schlägt und sonst gar nichts mehr, da ist ein Hoffen auf Hoffnung und ein Warten auf Godot, ein langsames Aufwachen inmitten vom Nichts, ein Wind, ein Sturm, ein Kämpfen, ein Steg, ein Überleben und der Regen, der mir in den Kopf fällt.

Bestimmte Dinge lernt man nicht im Vorübergehen. Das sind diese Dinge, bei denen der eigene Körper ganz still verharrt und sich nicht bewegen lassen will. Er steht einfach dort herum und geht keinen Schritt weiter, egal wie sehr die eigenen Gedanken zerren und das Leben ruft, dass jetzt aber auch mal Schluss sein muss mit dem ganzen Zaudern und Zagen und jetzt kommt Bewegung, Achtung fertig los.

Diese Dinge lassen sich aber nicht im Vorübergehen begreifen. Weil sie nicht, wie der ganze Rest, wenig tief und in die Länge gezogen sind und wir an ihnen vorbeigehen und genug Zeit haben zum Gucken und genug Zeit haben zum Begreifen.

Diese Dinge sind eher tief als breit, sie sind nur schmale Gassen und wenn man nicht aufpasst ist man so schnell an ihnen vorbei geeilt, dass man gar nicht gesehen hat, wie lang der Weg eigentlich ist. Und dann bleibt der Körper einfach stehen. Bewegt sich nicht, atmet flach und verhaart und dreht sich ganz automatisch in die Richtung der Gasse, die da ganz dunkel vor uns liegt. Und dann fragt man sich, was das Ganze jetzt eigentlich soll. Man hat es eilig, man hat es noch so weit, das Gepäck ist schwer, die Gedanken auch und im Dunkeln hat man Angst.

Und ganz langsam gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Wenn man schon mal hinguckt, denkt man sich, dann kann man ja auch mal schauen was da so in der Gasse herumliegt. Und plötzlich sieht man: Das ist man selber.

In der Gasse sind Spiegel und in allen ein Gesicht. Das eigene. Und das Gesicht sagt: Ich habe Angst. Und der Körper will flüchten aber bleibt trotzdem stehen. Und das sind die bestimmten Dinge, die man nicht im Vorübergehen lernt. Sondern nur, wenn der Körper lange genug in das eigene Spiegelbild schaut, um zu sehen, wie er eigentlich aussieht, wer er eigentlich geworden ist, während er immer nur noch schneller und schneller weitereilen wollte.

Vielleicht erschreckt man sich. Vielleicht ist das aber auch total egal.

Ich habe in den letzten Wochen in der Elbe mit meinen Füßen gebadet morgens um vier. Habe mehr Wodka auf die Liebe und die Lüge getrunken, als Flaschen im Haus waren. Ich habe aus der alten Wohnung eine neue gemacht und aus dem alten Leben eines, das alle Maximen, alle Halbwahrheiten und Launen über den Haufen geworfen hat, genau auf den Haufen, auf dem auch die Überzeugung lag, dass das alles in meinem Leben keinen Platz hätte. Ich habe getanzt und geweint, lauthals gelacht und Münder berührt mit Worten und Händen und Gedanken und Stillstand. Ich habe ein Orakel befragt und in einen Kaffee geweint bis er nur noch hellbraun war. Ich habe mich geschämt und mich gefreut, ich habe getobt und gebebt, gebrochen und geschworen, ich bin mit Flugzeugen geflogen und mit Taxis über Autobahnen gefahren. Ich habe keine Sekunde über die wichtigsten Entscheidungen meines Lebens nachgedacht. Und über die Kleinigkeiten tagelang. Und ich habe in die Gasse gesehen. Lange, weil mich etwas am Arm festhielt, ein Versprechen, eine Geste, ein Gedanke. Und dann bin ich losgerannt. Und habe festgestellt: Die wichtigen Dinge begreift man nicht im Vorübergehen. Aber auch nicht, wenn man einfach bloß stehenbleibt.

Im Grunde begreift man erst dann, wenn man den Kopf ins Wasser wirft, auf den Aufprall wartet und dann trotzdem glücklich nach Hause geht. Das ist kopflos leben und das ist frei atmen und das ist festhalten der Dinge, in denen noch Liebe steckt.

Guten Tag werte Herrschaften,

„wow“ möchte ich jeden Tag rufen, wow in jeder Sprache und auf jede Art und Weise, mein Kopfkissen kennt das Wow nur noch als Geschrei und die Wände als Ausruf großen Erstaunens. Da passiert jahrelang so mittelviel im eigenen Leben, gerade mal so viel, dass man zwischendurch mal kurz „wow“ sagen kann und eine Woche später erinnert man zwar die Buchstaben, aber nicht mehr deren Bedeutung.

 

In diesen Wochen ist das anders. Da bekommt das Wort eine neue Dimension, ist quasi mit einem Mal vierdimensional, was heißt: Ich befinde mich auf einer dreidimensionalen Hüpfburg aus Erstaunen und drinnen, im eigenen Körper, ist auch noch Überraschung, was vier Dimensionen nur im metaphysischen Sinn rechtfertigt, aber immerhin. Mein Leben hat sich überlegt, über Nacht ein neues zu werden und jeden Tag wache ich mit Erstaunen darüber auf, dass ich noch da bin, dass das alles noch echt ist, dass das alles noch ich bin, die das macht.

Gefühligkeiten schleichen sich in die Tage, ein Konglomerat aus Schmerz und Erleichterung, aus Überraschung und Liebe, aus Mut und Wüten und ein paar gute Geschichten sind auch dabei. Ich habe ein Buch fertig geschrieben, das ganz fantastisch wird und noch in diesem Jahr erscheinen wird, ich habe neue Menschen getroffen, deren Köpfe sich mit meinem verbinden, deren Art und Weisen Fingerabdrücke auf den Tagen hinterlassen. Ich habe ein Büro voller interessanter Menschen und eine Wohnung voller Müll, einen leeren Kühlschrank und eine Fensterbank voller Flaschen.

Die Diskrepanz aus „wow, das ist echt“ und „wow, bitte nicht“ schleicht sich immer wieder zwischen die Stunden und manchmal tropft heiße Brühe aus meinen Augen auf den Schreibtisch, um im nächsten Moment zu trocknen auf den Beinen, die jetzt schneller laufen, als ich ahnen konnte. Manchmal reicht ein winziger Moment aus, um ein ganzes Leben wieder in die Vorschule zu schicken, um ihm beizubringen, dass das Leben Leben braucht, dieses wütende, stinkende, grausame, schöne Leben da draußen und dann laufen die Beine los, Richtung weiß-noch-nicht und am Ende merkt man, dass das gar kein Laufen, sondern tanzen ist, dass das gar keine Tränen, sondern vermissen ist, dass das gar nicht wow, sondern echt ist, dass das alles so echt ist, dass man gar nicht anders kann, als mitzumachen, während man schon mittendrin steckt.

//3 März – Bye bye

In einem Satz ist es entschieden. In einem Satz nach vorn und dann in offene Arme und offene Augen und ein Ja zum Abschied, das kein Nein zu irgendetwas ist.

Wir beschließen, nach Berlin zu ziehen, weil es da ja angeblich billiger ist, weil die Menschen da ja angeblich schöner und mehr und interessanter sind und wir wollen jetzt auch mal mitmachen, bei dieser Sache, wir wollen jetzt auch da hin und uns mal umschauen, für 1, 2 Jahre die Augen und die Köpfe aufreißen und dann vielleicht zurück in die Stadt, in der wir seit Monaten nach etwas suchen, diesseits der Elbe und jenseits unserer Möglichkeiten. Scheinbar.

Die Wohnung wird gekündigt, der Job auch, dann kann das ja jetzt mal losgehen.

Drei Wochen später sitze ich vor einem Mann, der versucht zu verstehen, was ich eigentlich von ihm will. Tabletten, sage ich, das kann ja jetzt nicht so schwer sein, Herr…, wie heißen Sie noch mal? Er sagt nein und ich sage doch und er sagt nein und ich sage, dass unsere Sachen doch schon im Kofferraum liegen, dass wir doch jetzt gleich aufbrechen wollen, acht Wohnungen wollen wir uns anschauen und das muss jetzt aber klappen, Herr? Der Herr schüttelt den Kopf und sagt: Sie bekommen kein Tavor, keine Tabletten, Sie bekommen jetzt ein Bett von mir hier auf unserer Station, das können Sie nehmen oder Sie lassen es bleiben, ich gehe mal telefonieren.

Einen Tag später sitzt jemand in einem Auto nach Berlin und eine auf einem Krankenhausbett in der Psychiatrie und keiner weiß mehr, wo sie geblieben sind, all die Sachen, die so gut geklungen haben und so schlimm geendet sind.

Natürlich war das nicht oke, jeden Tag Beruhigungstabletten zu schlucken. Natürlich war das nicht oke, voller Schwindel und Scham aus Bussen und Bahnen zu stolpern, das Herz rasend, den Verstand irgendwie im Bus liegen gelassen. Natürlich war das nicht oke. Natürlich war das nicht schön, zum Frühstück schon Panik zu haben und zum Mittagessen so müde zu sein, dass es meistens gar kein Abendessen mehr gab, das aus mehr als Schnaps und Wahnsinn bestand. Natürlich war das ein bisschen anstrengend. Und ein bisschen blöd war das auch.

Aber mein Gott, wie einfach es doch ist, sich selber so sehr zu ignorieren, dass man sagen kann: Ich bin alleine in diesem Raum, huhu, siehste, da ist keiner, nicht mal ich. Natürlich kann man sich so sehr ignorieren, dass man noch nicht einmal sagen kann, dass man alleine ist, weil man ja schon gar nicht mehr da ist, um so etwas zu sagen. Und natürlich kann man das Phase nennen. Oder “schlechte Zeit” oder “hmhmhm, noch ein Wein?”.

Und natürlich hätte das auch anders laufen können. Hätte ja gut gehen können. Hätte ja klappen können. Vielleicht läuft es aber manchmal am besten, wenn es nicht mehr läuft. Wenn man gezwungen wird, sitzen zu bleiben und zuzugeben. Wenn man gezwungen ist, sich selber anzuschauen und das Ding sieht, zu dem man geworden ist: Eine Dinglichkeit aus Dringlichkeit und Angst. Und vielleicht ist das Beste, das einem in so einem Moment passieren kann, dass da ein Herr? sitzt, der sagt: Sie bleiben jetzt hier und Sie schlafen sich mal aus. Und: Sie sind zu dünn. Und: zu müde, viel zu müde. Herzlich Willkommen bei uns.

Und plötzlich findet man sich doch wieder. Nur eben an einem ganz anderen Ort, als man immer glaubte, wenn man davon sprach, dass schon alles irgendwie gutwerden würde.

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