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Schlagwort-Archive: Jahresrückblick

//3 März – Bye bye

In einem Satz ist es entschieden. In einem Satz nach vorn und dann in offene Arme und offene Augen und ein Ja zum Abschied, das kein Nein zu irgendetwas ist.

Wir beschließen, nach Berlin zu ziehen, weil es da ja angeblich billiger ist, weil die Menschen da ja angeblich schöner und mehr und interessanter sind und wir wollen jetzt auch mal mitmachen, bei dieser Sache, wir wollen jetzt auch da hin und uns mal umschauen, für 1, 2 Jahre die Augen und die Köpfe aufreißen und dann vielleicht zurück in die Stadt, in der wir seit Monaten nach etwas suchen, diesseits der Elbe und jenseits unserer Möglichkeiten. Scheinbar.

Die Wohnung wird gekündigt, der Job auch, dann kann das ja jetzt mal losgehen.

Drei Wochen später sitze ich vor einem Mann, der versucht zu verstehen, was ich eigentlich von ihm will. Tabletten, sage ich, das kann ja jetzt nicht so schwer sein, Herr…, wie heißen Sie noch mal? Er sagt nein und ich sage doch und er sagt nein und ich sage, dass unsere Sachen doch schon im Kofferraum liegen, dass wir doch jetzt gleich aufbrechen wollen, acht Wohnungen wollen wir uns anschauen und das muss jetzt aber klappen, Herr? Der Herr schüttelt den Kopf und sagt: Sie bekommen kein Tavor, keine Tabletten, Sie bekommen jetzt ein Bett von mir hier auf unserer Station, das können Sie nehmen oder Sie lassen es bleiben, ich gehe mal telefonieren.

Einen Tag später sitzt jemand in einem Auto nach Berlin und eine auf einem Krankenhausbett in der Psychiatrie und keiner weiß mehr, wo sie geblieben sind, all die Sachen, die so gut geklungen haben und so schlimm geendet sind.

Natürlich war das nicht oke, jeden Tag Beruhigungstabletten zu schlucken. Natürlich war das nicht oke, voller Schwindel und Scham aus Bussen und Bahnen zu stolpern, das Herz rasend, den Verstand irgendwie im Bus liegen gelassen. Natürlich war das nicht oke. Natürlich war das nicht schön, zum Frühstück schon Panik zu haben und zum Mittagessen so müde zu sein, dass es meistens gar kein Abendessen mehr gab, das aus mehr als Schnaps und Wahnsinn bestand. Natürlich war das ein bisschen anstrengend. Und ein bisschen blöd war das auch.

Aber mein Gott, wie einfach es doch ist, sich selber so sehr zu ignorieren, dass man sagen kann: Ich bin alleine in diesem Raum, huhu, siehste, da ist keiner, nicht mal ich. Natürlich kann man sich so sehr ignorieren, dass man noch nicht einmal sagen kann, dass man alleine ist, weil man ja schon gar nicht mehr da ist, um so etwas zu sagen. Und natürlich kann man das Phase nennen. Oder “schlechte Zeit” oder “hmhmhm, noch ein Wein?”.

Und natürlich hätte das auch anders laufen können. Hätte ja gut gehen können. Hätte ja klappen können. Vielleicht läuft es aber manchmal am besten, wenn es nicht mehr läuft. Wenn man gezwungen wird, sitzen zu bleiben und zuzugeben. Wenn man gezwungen ist, sich selber anzuschauen und das Ding sieht, zu dem man geworden ist: Eine Dinglichkeit aus Dringlichkeit und Angst. Und vielleicht ist das Beste, das einem in so einem Moment passieren kann, dass da ein Herr? sitzt, der sagt: Sie bleiben jetzt hier und Sie schlafen sich mal aus. Und: Sie sind zu dünn. Und: zu müde, viel zu müde. Herzlich Willkommen bei uns.

Und plötzlich findet man sich doch wieder. Nur eben an einem ganz anderen Ort, als man immer glaubte, wenn man davon sprach, dass schon alles irgendwie gutwerden würde.

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24/12 ist ein von mir ins Leben gerufenes Projekt. 12 Einträge, 12 Monate, ein Jahr. Hier erfährst du, wie das funktioniert. Mach mit!

Tag zwei des Projekts 24/12:

//2

Alles im Imperativ, alles auf Nacht, auf Rotwein, alles zum Mitnehmen bitte.

Stell dir vor, da ist überall Nacht, du wachst auf in der Nacht, du schläfst ein in der Nacht, du wirst erst wieder wach, wenn draußen schon die Lichter angegangen sind. Stell dir vor, du bist immer müde, so müde, dass dein ganzer Körper aus Regen und Summen besteht, aus Apathie und Alkohol. Stell dir vor, du nennst das dein Leben. Stell dir das mal vor.

Und stell dir vor, du schreibst darüber, schreibst dir die Synapsen und Gedanken wund, tippst alles in kleine Kästchen, schreist dein Leben, dieses ganze Nicht-Leben in weiße Kästchen, auf schwarze Pixel, die stehen bleiben, wenn sich deine Gedanken schon längst weiterbewegt haben. Und dafür bekommst du einen Preis. Und plötzlich stehst du in Zeitungen, hörst deine Stimme im Radio und davon erzählen, dass du ein unsichtbares Mädchen geworden bist, das sich Worte wie Kleidung angezogen hat, damit auch jeder weiß, wie sich das so anfühlt, so ein Unsichtbarsein. Und plötzlich wirst du still. Und denkst: Das bin ich also geworden. Das bin ich also jetzt. Und dann hältst du die Luft an, machst das Fenster auf und atmest aus. Und atmest ein. Und unterschreibst Verträge und unterschreibst Arztbriefe und Versicherungen und plötzlich ist aus all dem Nichts das Größte geworden, das dir jemals passiert ist. Eine Metamaorphose deines eigenen Ichs. Ziemlich cool, oder?

 

Und mit einem Mal ist alles wahr geworden, von dem du immer dachtest, dass das bloß Lächerlichkeiten eines Geistes sind, der lieber im Futur lebt, als im Präsent zu sprechen und dabei ständig Imperative auskotzt.

 

Februar `11 : Der Monat, in dem plötzlich ein unterschriebener Buchvertrag auf dem Schreibtisch lag, ein unterschriebener Agenturvertrag, und ein Kontoauszug, der mir zum ersten Mal nicht mit jeder Zahl zusammengerechnet nur erzählt, dass ich ein ziemlicher Verlierer bin. Der Monat, in dem ich zum ersten Mal Kleidung kaufen konnte, die ich schön fand und nicht solche, die ich mir gerade noch so leisten konnte. Der Monat, in dem ich begriff, dass es jetzt endlich wahr wird. Und es doch eigentlich alles überhaupt nicht begriff.

Der Monat, in dem aus den Wünschen Befehle wurden und aus mir ein Mensch, der sich wieder darin erinnert, wie es ist, zu atmen.

Im Dezember vor 12 Monaten habe ich eine Liste geschrieben, die das Innen wieder nach Außen und das Außen ins Innen bringen sollte, was bedeutet, dass ich mal wieder rausgehen, mal wieder Menschen treffen, mal wieder ein soziales Leben haben wollte.

Das hat geklappt und das war es dann auch mit den guten Vorsätzen für das gute, neue Jahr, das dann doch bloß wie ein altes Jahr war, das man gewaschen und neu angezogen hat, damit es ein bisschen schief grinst und jedem die Hand gibt, hallo, ich bin wieder da, nur mit neuer Kleidung und einer schickeren Frisur, die am Ende dann doch wieder Spliss hat und ganz zerzaust und zerwühlt da steht, bis ich mich selber wieder in die Waschmaschine werfe.

Trotz allem war das ein Jahr des Lernens, des Wegschmeißens, der Erfahrens neuer Dinglichkeiten und auch Außerdinglichkeiten, die alle in eine Liste gehören, weil Listen so schön beruhigen, wenn sonst alles außer Kontrolle ist. Ab heute wird es bis zum 25.12 jeden Tag ein Erlebnis, eine Konsequenz, eine Dringlichkeit geben, die aufgeschrieben ein neue Art der Erinnerung wird, eine digital konstruierte Wahrheit, die ich mir selber glaube, bis mir jemand das Gegenteil beweisen kann. 12 Tage, 12 Monate.

Im Kopf haben wir alle solche Listen: Was habe ich in diesem Jahr gelernt, was ist da eigentlich passiert, wieso passiert alles immer auf einmal? Ich möchte das Projekt 24/12 schaffen und lade jeden ein, mitzumachen. 12 Tage, 12 Monate. 12 Tage, 12 Geschichten, Erinnerungen, Erlebnisse. Schreibt auf, was passiert ist, was ihr gesehen habt, was zweilnullelf zu dem gemacht hat, was wir gerade so im Rückspiegel noch sehen können. Schreibt auf, warum ihr alle eure Böller am liebsten auf das Jahr schmeißen wollt oder warum es mit euch Champus trinken darf, weil es so nett war, das Jahr. Teilt das Projekt, macht in eurem Blog mit, oder schreibt es in euer Tagebuch. Ganz egal ob Bild, Text, Video. Jedes Jahr hat Momente, die es verdient haben, verschwiegen zu werden. Und genau solche, die man laut herausschreien oder leise erzählen sollte.

Und so fängt es an:

//1 (oder: Januar)

Der Winter wehte vor dem Fenster mehr Schnee von der Erde zu meinem Fenster hinauf, als von oben herab. Stadt aus Beton kann so schön hässlich sein. Der Stuhl an der Heizung, die Hände auf der Tastatur, das Leben in Slow Motion, immer Angst, immer Verdruss, immer Müdigkeit. Zwei Flaschen Rotwein gegen die Monster und gegen das Vibrieren der Gedanken, die immer schneller zu werden scheinen, je langsamer man wird, bis man bemerkt, dass die Müdigkeit die Schnelligkeit der Außenwelt nur potenziert erscheinen lässt, ein Fernglas aus Angst.

Einmal die Woche schnelle Schritte auf dem glatten Asphalt, 50 Minuten reden, heiße Tropfen in den Schnee fallen lassen und sich wundern, dass diese ganze gequälte Scheiße nicht als Ausdruck der Idiotie schon im Gesicht gefriert. Hallo Sie da, sehen Sie, was das Leben gemacht hat? Das hat mich gehauen! Das hat mich viel zu hart angefasst! Das hat mir doch glatt die Tränen in die Augen getrieben, dieses unverschämte Leben. Jetzt machen Sie doch mal was! Jetzt wischen Sie das doch mal aus meinem Gesicht weg, das ist doch ekelhaft, dieses ganze Leben, das da aus meinen Augen läuft! Hallo? Hallo Sie da?

Lernen, dass andere sich gerne prügeln lassen, von Ideen und Angst und Ehrgeiz und Wille. Lernen, dass das schon oke so ist. Wer für nichts brennt, friert im Winter noch mehr.

Ich habe zum ersten Mal begriffen, was es heißt, dass manche Dinge nicht einfach so verschwinden. Und dass das wunderbar ist. Und dass das furchtbar ist. Ich habe zum ersten Mal alles aufgegeben. Mich, den Wunsch aufzustehen, den Gedanken, dass es jemals wieder anders werden könnte, die Vorstellung, dass ich es jemals wieder in die Küche schaffen könnte, um mir Kaffee machen zu können. Ich habe nur noch tagsüber geschlafen und nachts ferngesehen. Zehn Stunden täglich. Ich habe mich in der Klinik angemeldet. Ich habe gewartet. Ich habe gewartet. Ich habe gewartet. Ich habe gewartet. Ich habe Medikamente genommen und Schnaps getrunken und gesehen, dass das zusammen nicht funktioniert und trotzdem damit weitergemacht. Ich bin in die Klinik gekommen und habe mich nach einer Woche selber entlassen. Ich bin in eine leere Wohnung zurückgekommen, nachdem ich dem Taxifahrer alles erzählt habe und er gesagt hat, dass das wichtigste ist, niemals aufzuhören. Mit was, das hat er nicht gesagt. Ich habe Pizza an dem Abend gegessen und bin alleine eingeschlafen. Ich habe angefangen, Dinge zu machen. Irgendwelche Dinge, nur, um Dinge zu machen. Ich habe eine Idee gehabt und dann einen Plan und dann noch eine Idee und dann einen echten Plan. Ich habe angefangen, eine Mappe zu machen. Ich habe einen neuen Job bekommen und keine Medikamente mehr genommen. Ich habe gearbeitet, gemalt und zwischendurch daran gedacht, dass das alles auch schief gehen könnte. Aber so richtig dran geglaubt habe ich nicht. Ich bin müde geworden, ich bin müder geworden, ich bin umgezogen, ich bin fünfundzwanzig geworden, ich bin müder geworden, ich bin immer nur noch müder geworden, ich bin krank geworden, ich habe gekündigt und mich am gleichen Tag in der Klinik angemeldet. Ich bin wieder in die Klinik gegangen und habe gleichzeitig die Mappe fertiggemacht und drueberleben gegründet. Ich habe neue Medikamente bekommen und neue Musik und neue Menschen und dann habe ich eine Ablehnung bekommen und dann ist ein paar Tage die Welt untergegangen und dann habe ich mir die Haare abgeschnitten und dann habe ich gemerkt, dass alles viel weniger schlimm ist, als ich dachte. Ich bin entlassen worden, ich habe wieder angefangen zu arbeiten, draußen vor dem Fenster ist Winter geworden, ist Kälte zu Schnee geworden, sind Momente zu einem Jahr geworden, ist ein Jahr vergangen, ist ein Jahr ein Jahr ein Jahr.

Dazwischen: ein Mensch, der bleibt, eine Hand, die hält, ein Vertrag der alles bedeutet, ein bisschen Musik, die hilft, ein Magen, der krampft und so viel mehr weiß, als ich, ein verschwendeter Sommer, drei Diagnosen, vier Medikamente, ein bisschen Taumeln, ein bisschen Fallen, viel Scheitern, ein großer Sieg, ein harter Schlag, die Gewissheit, dass manche Dinge nie wieder weggehen werden und dass nur der Glaube an das Gegenteil dir die meiste Zeit den Arsch rettet, viel Trotz, viel Stolz, drei Packungen Taschentücher, zu viel Rotz und Gomorrha, müde Augen, ein müder Körper und die Gewissheit, dass ich das alles überleben werde, dass ich es drüeberleben werde, immerzu und immer weiter, egal, wie lang, egal wohin, egal, wie weit.